AZ-Filmkritik "Maria Magdalena" - Falsche Feminisierung

Jesus (Joaquin Phoenix) tauft Maria Magdalena (Rooney Mara): "Das Königreich ist in uns mit jedem Akt der Menschlichkeit!" Foto: UPI

Vieles richtig gemacht, aber alles fühlt sich falsch an: Garth Davis’ "Maria Magdalena"

 

Nein, die katholischerseits gerne als "heilige Hure" Ikonisierte ist hier kein gefallenes Mädchen. Erst Recht hat sie keinen Sex mit Christus, wie es 1988 Martin Scorsese in seinem plumpen Breitwand-Kitsch "Die letzte Versuchung Christi" wagte. Jesus verweigerte sich hier in einer Vision Gottes Heilsplan und gründete mit Maria Magdalena eine unheilige Familie.

In Garth Davis’ "Maria Magdalena" ist Rooney Mara nur eine ungehorsame Tochter, die sich der Zwangsverheiratung und traditionellen Mutter- und Frauenrolle durch die patriarchalische Gesellschaft verweigert: "Ich bin für dieses Leben nicht gemacht", sagt sie dem sanften Vater. Und klassisch für ein früh-emanzipatorisches und archaisches Frauenbild ist Maria Magdalena hier eine männer-ausschließende Geburtsexpertin. Nachdem ihr rauer Bruder noch eine Teufelsaustreibung an seiner renitenten Schwester versucht hat, rennt Maria Magdalena also davon und schließt sich dem vagabundierenden Jesus an, der die Leute der Gegend durch Wunderheilungen in Atem hält.

Diese feministische Annäherung an die Jesus-Geschichte wäre durchaus modern und interessant. Und wenn der verwahrloste Joaquin Phoenix als Heiland das Himmelreich mit dem Senfkorn-Gleichnis erklärt, dann webt er in dieser Filmversion noch den weiblichen Schoß als Urquell des Lebens ein statt des fruchtbaren Ackers, der biblisch einen großen Baum hervorbringt.
Aber Garth Davis macht alles falsch. Das beginnt schon akustisch: Warum reden alle – allen voran Christus, der Gesalbte – ununterbrochen pathetisch salbungsvoll? "Gott ist hier!", ruft er missionarisch, aber Phoenix fehlt hier jedes Charisma, dass man ihm seine Sendung abnehmen würde. "Hört in die Stille!", ruft er, aber die Filmmusik wabert weiter. Überhaupt wird diese unnatürlich falsche Schwere durch ständige mystische Musik unterstützt – und der Film so endgültig zum Bibelkitsch.

Dabei ist sogar der optische Ansatz gelungen: Ähnlich wie Pier Paolo Pasolini 1964 in "Das erste Evangelium – Matthäus" in der süditalienischen Basilikata drehte, wurde jetzt im kargen Sizilien gedreht. Und Neapel durfte glaubwürdig Jerusalem spielen. Auch sind die Menschen nicht Toga-und-Sandalen-verkitscht, sondern überzeugend erdig bäuerlich.
Aber der Film verpufft belanglos in seiner Unentschiedenheit zwischen authentisch gemeinter Archaik und modernen Ansätzen. So bleibt auch die Figur des enttäuschten Judas, der mit Jesus eine Revolution gegen die Römer machen wollte, blass. Und Petrus ist hier ein Schwarzer. Er mobbt Maria Magdalena aus dem multikulturellen und multisozialen Apostelkreis: aus Eifersucht, dass sich ihr der Auferstandene als erster gezeigt hat. Als Fels kündigt er die einzig wahre Kirchengründung an.
Aber der eigentliche Clou: Lieblingsjünger Johannes fehlt. Denn der ist hier Maria Magdalena, die verkündet, selbst loszuziehen und ein weiblicheres Evangelium zu verkünden – allerdings keusch, was sich doch wieder gut in ein braves Frauenbild fügt. 


Kino: Cinemaxx, Royal, Mathäser, Münchner Freiheit; Museum (OV)
R: Garth Davis (USA, 130 Min.)

 

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