AZ-Filmkritik "Leaning into the Wind" - Stadt, Land Mensch

Natürlich ist die Kunst von Andy Goldsworthy romantisch, aber eben nicht sentimental. Foto: Piffl

Thomas Riedelsheimer hat unaufdringlich und großartig den Land-Art-Künstler Andy Goldsworthy porträtiert.

Schmerzhaft muss das sein, wie er da auf allen Vieren durch die Wipfel einer herbstlich kahlen Hecke kriecht. Schon beim Zuschauen spürt man das Pieksen und Stechen der trockenen Äste. Doch Andy Goldsworthy lässt sich nicht aus dem Konzept bringen und robbt stoisch weiter – nicht so geschmeidig wie eine Katze. Aber dafür bleibt die ungewöhnliche Szene haften wie so manches Werk des prominenten schottischen Land-Art-Heroen, über den der Münchner Regisseur Thomas Riedelsheimer nun seinen zweiten Film gedreht hat.

"Leaning into the Wind" ist allerdings keine Fortsetzung der ersten Doku "Rivers and Tides" aus dem Jahr 2000. Ein so großer Abstand verlangt nach einem neuen Zugang, und in dieser Hinsicht kommt Goldsworthy seinem Porträtisten schon deshalb entgegen, weil er heute entschiedener vorgeht und dabei nicht zimperlich ist. Griff er für seine Installationen früher nur höchst subtil in die Natur ein, kommen mittlerweile auch die etwas schlagkräftigeren Maschinen zum Einsatz – etwa, wenn er in Spanien Quader aus dem Felsen schneidet, um eine Art Totengruft für sich auszuheben. Und in der Nähe von San Francisco verpasst Goldsworthy abgeholzten Bäumen mit der Motorsäge ein durchaus attraktives Rautenornament, das dann aber schnell unter einer dicken Lehmschicht verschwindet.

Romantische Züge, aber keine Sentimentalität

Drei Jahre lang hat Riedelsheimer den Künstler um die halbe Welt begleitet, nach Gabun, Brasilien oder Frankreich und immer wieder durch die Heimat auf den britischen Inseln.

Überall taucht Goldsworthy ganz selbstverständlich ein in die Landschaft. Das hat tief romantische Züge, besonders wenn die Kamera über grüne Wiesen gleitet, durch Moore, Wälder und entlang von Bächen. Doch bis auf einen Regenbogen, der für einen kurzen Moment an die Landschaften etwa von Joseph Anton Koch erinnert und heute freilich überstrapaziert ist, droht dieser Film nie ins Sentimentale abzudriften.

Zumal der 61-jährige englische Wahl-Schotte bei aller spürbaren Empathie einen wohltuend nüchternen Blick auf seine Umgebung behält und ohne Vertun loswerkelt: Das heißt, Äste oder Blätter in ästhetische Formationen bringt, Schnee in Baumspalten stopft, Steintrassen durch einen Eichenwald legt, sich in den Wind lehnt, wie es im Filmtitel so schön heißt, oder eben durch Hecken kraxelt. Was ziemlich weh tut, wie Goldsworthy zugibt.

Sein Arbeitsplatz sei inzwischen überall, sagt der Künstler, und Natur könne auch in der Stadt sein. Eine wunderbare Einstellung ist das und zugleich ein Hinweis, den dauernd mit Nachdruck zelebrierten Gegensatz in unseren Hirnen aufzulösen und sich wieder als Teil der Natur zu begreifen.


Kino: Studio Isabella (OmU)
Regie: Thomas Riedelsheimer (D, 97 Min.)

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