AZ-Filmkritik "Lady Bird": "Ihr versteht mich nicht!"

Christine mag ihren Namen nicht und nennt sich daher Lady Bird: Saoirse Ronan spielt diese Teenagerin zart und plastisch zugleich Foto: UIP

In dem wunderbaren Film "Lady Bird" von Greta Gerwig spielt Saoirse Ronan einen Teenie, der seinen Platz im Leben sucht.

 

Das einzig Aufregende an dem Jahr 2002 sei, dass es ein Palindrom ist, erklärt Christine "Lady Bird" ihrer Mutter trotzig im Auto. Noch schlechter kommt nur ihre Heimatstadt Sacramento weg. Deswegen muss sie so schnell wie möglich "irgendwohin, wo es Kultur gibt". Es soll ein College wie Harvard oder Yale werden, nur nicht Harvard oder Yale, weil sie dort ja keine Chance hat. Dieses Ziel treibt die 18-Jährige energisch vorwärts.

Saoirse Ronan findet dafür eine perfekte Körperlichkeit und Sprache zwischen Trotz und Stolz. Im Film von Greta Gerwig hadert "Lady Bird" mit ihren Eltern, ihrem Leben, ihrer katholischen High School und nicht zuletzt mit ihrem Namen. Lady Bird ist der Name, der "mir von mir selbst gegeben wurde", wie sie dem Theater-AG-Leiter aufmüpfig erklärt. Ein religiöser Akt, ein Akt der Selbstdefinition. Wenn sich dieses Mädchen noch einmal selbst zur Welt bringen könnte, sie würde es tun.

Im Film von Greta Gerwig hadert "Lady Bird" mit ihren Eltern, ihrem Leben, ihrer katholischen High School und ihrem Namen

Greta Gerwig siedelt die Geschichte des Erwachsenwerdens, der Entfremdung von Heimat und Familie, eines tiefgründig, aber humorvoll erzählten Mutter-Tochter-Konflikts und der Liebe zwischen den beiden in ihrer Heimatstadt Sacramento an. Das Regiedebüt der Schauspielerin und Autorin ("Frances Ha") spielt im vom 11. September 2001 zerrütteten Amerika. Eine Kluft herrscht aber nicht nur zwischen der Zeit davor und danach, sie trennt auch Lady Bird von ihren Mitschülern, die sie "schräg" finden, eine Kluft trennt auch ihr Wohnviertel von dem der reichen Familien.

Dass die Jugendlichen nicht ständig Smartphones vor dem Gesicht hatten, spricht auch für eine Ansiedlung der Geschichte in dieser Zeit. Christines Mutter (Laurie Metcalf) kümmert sich nicht nur um sie und den Adoptivsohn, dessen Freundin und den depressiven Mann, der seinen Job verliert. Sie schiebt auch Nachtschichten in der Psychiatrie. Dass ihre undankbare Tochter auf der Warteliste für ein College in New York steht, soll sie nicht erfahren. Als Teenager ist man ständig damit beschäftigt, Geheimnisse zu verbergen, nicht verstanden zu werden und auf den Abgrund zwischen sich und der Welt zu starren.

Saoirse Ronan findet eine perfekte Körperlichkeit und Sprache zwischen Trotz und Stolz

Diesen Abgrund kann Lady Bird weder durch den ersten Kuss überbrücken, der zaghaft-verspielt vollstreckt wird. Als ihr Freund (Lucas Hedges), der sich kurz darauf als schwul entpuppen wird, ihr erklärt, dass er zu viel Respekt vor ihr habe, um ihre Brüste anzufassen, sieht sie ihn verständnisvoll nickend an und antwortet: "Das verstehe ich gut. Ich würde deine Brüste auch nicht anfassen, wenn du welche hättest." Der Unterschied zum Erwachsenen besteht wohl darin, dass in ihren Worten keine Ironie liegt. Auch mit Sex lässt sich die Kluft nicht schließen. Der sich intellektuell gebende Kyle (Thimotée Chalamet) würdigt den ersten Sex nicht, obwohl Lady Bird sich viel Mühe gegeben hat. "Wer ist beim ersten Mal schon oben?" fragt sie ihn aufrichtig bestürzt, nur um herauszufinden, dass es nicht sein erstes Mal war.

Als Lady Bird langsam die Augen öffnet, aus der pubertären Dauermüdigkeit erwacht, erkennt sie, was Freundschaft bedeutet, sieht, was moralisch richtig ist, wacht aus einer ordentlichen Alkoholvergiftung im Krankenhaus mit einem Plastikbändchen ums Handgelenk auf, auf dem ihr bürgerlicher Name steht. Es ist das Bild einer Geburt, etwas plump vielleicht, aber deswegen nicht falsch. Und über Sacramento nachdenkend, kommt sie zu dem Schluss, dass man etwas wirklich sehr lieben muss, um es so genau beschreiben zu können. Vor ihrem Auge tauchen die bekannten Straßen auf, in goldenes Licht gehüllt – so wie man eben seine Kindheit sieht, wenn man erwachsen geworden ist.


Kino: Astor, City, Solln, Mathäser, Leopold, Monopol, Royal und Rio, Isabella (auch OmU) sowie Cinema und Museum (OV) B&R: Greta Gerwig (USA, 95 Min.)

 

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