AZ-Filmkritik "Julieta": Die verlorene Tochter

Ach, herrlich waren die Achtziger – auch für die junge Julieta (Adriana Ugarte) Foto: dpa

Pedro Almodóvars zeichnet in „Julieta“ eine für ihn untypische Hauptfigur: ausgezehrt, erschöpft vom Leben

 

Mit „Julieta“ kehrt Pedro Almodóvar zurück zu seiner Kunst, tiefe Gefühle eindrücklich zu erkunden – und zu den Frauen. Seine Hauptfigur wirkt aber im Vergleich zu früheren Heldinnen ausgezehrt und erschöpft vom Leben. Es herrscht ein neuer, tieftrauriger Unterton, den man in Almodóvars Werken bislang so nicht kannte.

Julieta, eine Frau um die 50, will mit ihrem Lebensgefährten von Madrid nach Portugal ziehen. Doch als sie auf der Straße eine ehemalige Freundin ihrer Tochter trifft, erinnert sie das an einen schlimmen Schmerz, den sie tief in sich vergraben hatte: Ihre Tochter hat als 18-Jährige den Kontakt zu ihr abgebrochen.

Zwischen Ungewissheit und Verständnis

Nun bricht Julieta den Kontakt zu ihrem Partner ab, zieht sich zurück und beginnt ihre Erinnerungen aufzuschreiben, in der Hoffnung damit ihrer verlorenen Tochter wieder näher zu kommen. Nach und nach enthüllt der Film, was geschah, zeigt die inneren Verletzungen, die Julieta zugefügt wurden, aber auch diejenigen, die sie selbst anderen zugefügt hat. Und doch bleibt das Verhalten der Tochter bis zum Ende rätselhaft. Almodóvar erinnert uns, dass man einen Menschen nie wirklich kennen kann.

Julietas Rückschau führt zunächst in die Achtziger Jahre, in denen Julieta die glücklichsten Momente ihres Lebens erlebte. Sie lernte damals auf einer Zugfahrt den Vater ihrer Tochter kennen, Xoan (Daniel Grao). Adriana Ugarte verkörpert diese noch unbeschwerte junge Frau, Emma Suárez spielt die ältere, vom Schicksal gezeichnete Julieta. Dieser Wechsel der Schauspielerinnen in der Hauptrolle funktioniert bestens – zumal die junge und die ältere Julieta in puncto Energie wenig gemein haben.

Inspiration gab Nobelpreisträgerin Alice Munro

Der Film fließt langsam dahin und beschreibt berührend die Verlorenheit einer Frau, die mit dem Verlust nicht umgehen kann. Almodóvar ließ sich von den Erzählungen der Nobelpreisträgerin Alice Munro inspirieren und interpretierte sie im Kontext Spaniens.

Die Familie – so seine Erfahrung – könne in seinem Heimatland niemand hinter sich lassen. Und Mütter seien völlig überrumpelt, wenn Töchter sich lossagten.

In „Julieta“ spielt Almodóvar, dieser Meister der Gefühlsdramen, klar und kompromisslos durch, was passiert, wenn sie es doch tun. Der Film begeistert in emotionaler Hinsicht.


R: Pedro Almodóvar (Spanien, 100 Min.) Kinos: ABC, Arena, Atelier, Leopold, Theatiner

 

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