AZ-Filmkritik "Jahrhundertfrauen": Zauberhaftes 1979

Dorothea (Annette Bening) und Sohn Jamie (Lucas Jade Zumann). Foto: A24

In "Jahrhundertfrauen" lassen drei Frauen einen 15-Jährigen zum Manne reifen.

 

In einem "Weiberhaushalt" aufwachsen als 15-Jähriger und das noch in Zeiten des Feminismus Ende der 1970er Jahre, das birgt Konfliktpotenzial. Mutter Dorothea, inzwischen 55, meint es jedenfalls nur gut mit Jamie. Der Vater hat sich inzwischen verabschiedet. Vaterersatz ist nicht der ständig im Haus werkelnde Ex-Hippie.

Sondern zwei junge Frauen, die Mittzwanzigerin und Punk-Fotografin Abbie (frech-frisch: Greta Gerwig), die als Untermieterin in dem großen, alten Haus in Santa Barbara wohnt. Und das 17-jährige Nachbarsmädchen Julie (Elle Fanning), das gerne zu Jamie ins Bett krabbelt – rein platonisch, nur zum Reden. Sex gefährdet die Freundschaft.

Drei unterschiedliche Frauengenerationen packen das Leben und die "Erziehung zum Mann" des Pubertierenden unterschiedlich an. Der liest, dass nur die Klitoris für den weiblichen Orgasmus sorge und kriegt für diese Erkenntnis von einem Sexprotz markierenden Kumpel eins übergebraten.

Bei Tisch drehen sich die Gespräche plötzlich um Tabuthemen wie Menstruation, Vaginalsex und Julies frühe Entjungferung. Der Filmtitel führt in die Irre, es gibt keine Superfrauen, sondern sehr eigensinnige, die im Alltag Fehler machen und trotzdem die Kurve zum Glück kriegen. Regisseur Mike Mills (Jahrgang 1966) hat ein wenig in seiner Vergangenheit gekramt.

Ließ er sich bei "Beginners" von seinem Vater inspirieren, der sich mit 75 Jahren als homosexuell outete, ist dieser Film eine Liebeserklärung an seine Mutter und die anderen Frauen, die ihn großzogen. Und die standen immer auf seiner Seite, wie Annette Bening, die das Fernbleiben ihres Filius von der Schule mit seiner "ehrenamtlichen Arbeit für die Sandinisten" entschuldigt, die aber auch mal abends ausgehen und die "moderne Welt" erleben will.

Sie ist in ihren Birkenstocksandalen und mit den ständigen Salem-Zigaretten ("die sind gesünder") das Gefühlszentrum in dieser anrührenden Coming-of-Age-Geschichte mit etwas verwirrenden Erzählerstimmen und Rückblenden. Und natürlich lässt der Zeitgeist grüßen, wenn Hardcore-Musikfans einen Talking Heads-Anhänger wie Jamie als "art fag" beschimpfen.

Unaufgeregt und liebevoll gibt sich dieser Blick ins chaotische Familienleben, und wenn Mutter und Sohn sich annähern, spürt man ihr Herzklopfen. Und das Ende einer Ära. Einer Ära mit neuen Freiheiten, neuen Komplikationen und neuen Perspektiven. Die einfach wunderschön war.


R: Mike Mills (USA, 119 Min.)

Kinos: City, Monopol, Rio (alle auch OmU), Museum-Lichtspiele (OV), Kino Solln, Leopold Kinos

 

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