AZ-Filmkritik "Genius": Am Anfang war das Wort

Die Zusammenarbeit zwischen Maxwell Perkins (Colin Firth, links) und Thomas Wolfe (Jude Law) wird immer enger. Foto: Wild Bunch

Weit mehr als Literatur: "Genius" erzählt von der schwierigen Beziehung zwischen Lektor Perkins und Starautor Tom Wolfe.

 

Ein Genie verfügt per Definition über eine außergewöhnliche Begabung. „Genius“ erzählt von einem solchen und seinem Entdecker, der mehr ist als das. In Michael Grandages Historiendrama, das auf wahren Begebenheiten fußt, geht es zunächst um Literatur: um deren Entstehung, Veröffentlichung und Wahrnehmung. Ein trockenes Thema, das über zwei herausragende Darsteller greifbar gemacht werden soll.

Maxwell Perkins (Colin Firth) kennt heute kaum jemand mehr. Und vermutlich wäre es ihm auch recht so. Als Lektor arbeitet er im New York der 1920er-Jahre im Verlagshaus „Scribner’s Sons“. Er verfügt über die Fähigkeit, junge, talentierte Autoren als solche zu erkennen und sie zu leiten.

Perkins kürzt, schreibt um, ringt mit den Verfassern um Formulierungen. Doch da er es schon in jungen Jahren mit höchst selbstbewussten Autoren zu tun hat, muss Perkins auch ein geschickter Psychologe sein. Es ist ein ewig währendes Ringen.

Die Geburtsstunde eines Genies

Eines Tages steht der junge Thomas Wolfe (Jude Law) in seinem Büro. Bislang hat er für sein über tausendseitiges Manuskript nur Ablehnung erfahren. Perkins jedoch erkennt es, das literarische Genie. Nur: Wolfe formuliert zu ausschweifend. Er schreibt, wie er ist. Jude Law präsentiert ihn von Anfang an als aufgedrehtes, ewig plapperndes Wesen aus einer Art Wahnwelt.

Der zwölf Jahre ältere Perkins will versuchen, ihn zu zügeln, und es gelingt ihm. „Schau heimwärts, Engel“ erscheint, um 300 Seiten reduziert, und wird ein großer Erfolg.

5 000 Seiten, drei Holzkisten voll. Das ist sein nächstes handschriftliches Manuskript, das „Von Zeit und Strom“ heißen soll. Spätestens jetzt wird diese Beziehung auf eine harte Probe gestellt. Doch die Leidenschaft fürs geschriebene Wort eint sie, lässt sie bisweilen gar in eine Art Wahn verfallen, dem alles zum Opfer fällt. Auch das Privatleben.

Um den Preis, den die Männer zahlen, sichtbar zu machen, haben sich Drehbuchautor John Logan und Regisseur Grandage entschlossen, ihren Frauen viel Spielzeit zu geben. Louise (Laura Linney), Ehefrau von Perkins, und Wolfes Geliebte Aline (Nicole Kidman) eint nicht nur der zeitliche Verzicht auf ihre Lebensgefährten.

Wer ist das wahre Genie?

Nachdem Thomas Wolfe eine Widmung für Perkins an den Anfang von „Von Zeit und Strom“ gesetzt hat, tritt zutage, was schon lange schwelt: Ist womöglich Perkins das wahre Genie? Zwischen ihm und Wolfe entwickelt sich eine nicht mehr zu kittende Krise, die der Film auch anhand von Perkins’ Begegnungen mit anderen Autoren deutlich macht: Ernest Hemingway (Dominic West) oder auch F. Scott Fitzgerald (Guy Pearce) - sie wurden gleichsam von dem Lektor zu dem gemacht, was sie sind.

Die „Welt da draußen“, jenseits der Verlagsbüros, kommt allerdings kaum vor, und so wirkt „Genius“ am Ende eher wie Theater denn wie Film. Aber eben herausragend gespieltes Theater.


Kino: Arena, Atelier, Münchner Freiheit, Museum (OV) R: Michael Grandage (GB / USA, 105 Min.)

 

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