AZ-Filmkritik "Fikkefuchs" - Mit Platte und Fleck auf der Hose

Rocky (Jan Henrik Stahlberg) und Thorben (Franz Rogowski) betrachten das, was sie ständig umtreibt. Foto: Alamode Film

Ohne Angst vor Tabus: "Fikkefuchs" ist ein mutiger und radikaler Film, wie er nur selten in Deutschland entsteht.

 

Saralisa Volm, Produzentin des potenziellen Skandalfilms "Fikkefuchs", sagt: "Dieser Film schaut hin, wo alle wegschauen". Und das ist wörtlich zu nehmen.

Es gibt da diese Szene, die mit großer Wahrscheinlichkeit niemand vergessen wird, der sie gesehen hat. Der unglückselige Vater Rocky (Jan Henrik Stahlberg), dessen beste Zeit vorbei ist, sitzt nach einer durchsoffenen Nacht in der Badewanne. Ausscheidungen, man muss es so sagen, sprudeln aus allen Körperöffnungen, der unglückselige Sohn Thorben (Franz Rogowski), dessen beste Zeit vielleicht nie kommen wird, sitzt hinter ihm, duscht ihn ab und muss sich sich vor Ekel selbst übergeben. Und die Kamera hält drauf. Kein auslassender Schnitt, kein aussparender Bildausschnitt.

Der Film entstand ohne Filmförderung

Muss das sein? Darf das sein? Die letzte Frage ist einfach zu beantworten: Ja, darf es, weil kein Redakteur und keine Redakteurin beteiligt waren, die es hätten verhindern können. Der Film entstand ohne Beteiligung eines TV-Senders und ohne Filmförderung. Zum Glück, denn diese angstfreie, schonungslose Herangehensweise, eine Geschichte zu erzählen, fehlt deutschen Filmen oft. Und Tabus zu brechen – es bleibt nicht bei diesem einen – kann der Selbstreflexion und Weiterentwicklung einer Gesellschaft durchaus zugutekommen.

Es lohnt sich darüber nachzudenken, warum etwas ein Tabu ist, was das über die Gesellschaft aussagt und was passiert, wenn wir das Unwort trotzdem in den Mund nehmen, das Unbild trotzdem zeigen. Jan Henrik Stahlberg, der auch Regie geführt und gemeinsam mit Wolfram Fleischhauer das Drehbuch geschrieben hat, kalkuliert das Überschreiten der Schmerzgrenze gerne ein, wie er es schon bei "Muxmäuschenstill" (2004) getan hat.

Die Zeit, in der Rocky "der größte Stecher von Wuppertal" war, ist genauso vorbei wie die, in der ein Mann so einen Titel mit Stolz tragen konnte. Trotzdem lässt der 49-Jährige nicht locker und dabei könnten Fremd- und Eigenwahrnehmung nicht weiter auseinandergehen. Platte, Bierbauch, Flanellhemd und ein Fleck auf der Hose halten ihn nicht davon ab, im Sportclub drei knapp 30 Jahre jüngere Frauen mit einem vermeintlich lockeren Spruch aufzureißen. Als die Peinlichkeit und Ausweglosigkeit der Situation endlich zu ihm durchdringt, klopft er drei Mal auf den Tisch und zieht ab.

Ein mutiger, komischer und radikaler Film

Seinem 26-jährigen Sohn, der beim bisher unbekannten Vater auf der Flucht vor der Einweisung in die Psychiatrie Obdach sucht, will Rocky trotzdem beibringen, wie man das mit den Frauen macht. Den beiden dabei zuzusehen ist so kläglich und beinahe anrührend, dass der Versuch, dem Film Sexismus und eine männlich-überlegene Perspektive vorzuwerfen, scheitern muss.

Vielmehr entlarven diese Figuren, und in ihrer Radikalität auch die beiden großartigen Schauspieler, die Angst vor Sex und dem Aussprechen unangenehmer Wahrheiten, die in unserer Gesellschaft häufig zu beobachten ist. "Fikkefuchs" ist ein mutiger, komischer und radikaler Film und ein Beweis dafür, was möglich ist, wenn man einfach mal loslegt statt darüber zu jammern, was alles nicht geht.


Kinos: Atelier, Leopold Kinos, Monopol
Regie: Jan Henrik Stahlberg (Deutschland 2017)

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