AZ-Filmkritik "El Clan": Schreckliche Normalität

Gemeinsames Blut verbindet: Arquimedes (Guillermo Francella) und sein Sohn Alejandro Puccio (Peter Lanzani). Foto: Prokino

Der argentinische Film „El Clan“ erzählt eine wahre, aber fast unglaubliche Geschichte.

Wenn eine Diktatur zusammenbricht, stellen sich grundlegende Fragen: Amnestie, um mit den alten Eliten weiter machen zu können und sozialen Frieden zu wahren. Oder gefährdet nicht genau das die psychische Gesundung und verhindert Gerechtigkeit gegenüber den Opfern?

Arquimedes ist ein Familienpatriarch mit irritierend kalten Augen. Für sein Kinder ist er Held, Sicherheit und Tyrann in einem. Sein eigentlich weicher Sohn Alejandro muss sich entscheiden, ob der das verbrecherische Spiel seines Vaters weiter mitmacht, in das er familiär hineingewachsen ist: Denn er soll weiter als netter Jugend-Rugby-Star Lockvogel für Entführungen und Lösegelderpressungen sein. Mit ihm, der Jugend, hoffen wir auf Emanzipation von den mörderischen Taten der Alten.

Das Leben einer Familie nach der Millitärdiktatur

Der argentinische Regisseur Pablo Trapero – mit Hilfe des Filmemachers Pedro Almodóvars als Produzent – lässt die Familiengeschichte, die auch in der italienischen Mafia spielen könnte, nach dem Ende der Militärdiktatur (1976–83) spielen.

Hier mischen sich in individuelle moralische Fragen auch politische. Der Film unterlegt das mit fast zynisch eingesetzter Lebensfreude-Musik, zum Teil aus den Aufbruch-60ern wie mit „Sunny Afternoon“, der das Genießen ohne Arbeit preist.

Und doch liegt über allem die totalitäre Vergangenheit des Landes. Diese überschattet unterschwellig noch die neue demokratische Gegenwart. So stellt sich subtil im Film auch die generelle Frage, ob Diktaturen wirklich Epochen sind, die man hinter sich lassen kann. Oder ob sie nicht vielmehr unsere Moral nachhaltig korrumpieren und verderben: in Form von entfesselter, legitimierter Gewalt, von Kollaboration und korrupten Seilschaften.

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„El Clan“ ist so zweierlei: psychologisches Familienporträt – mit einer überraschenden Schlusswendung. Und: eine Metapher für die moralische Verseuchung durch Diktaturen. Diese Kombination ist spannend – und beklemmend, weil gezeigt wird, wie man ein relativ normales Leben führen kann, auch wenn im Keller Leichen liegen.


Kino:City, Monopol, Münchner Freiheit, Studio Isabella (OmU), Theatiner (OmU) R: Pablo Trapero (Arg, E, 109 Min)

 

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