AZ-Filmkritik "Einsamkeit und Sex und Mitleid": Die schnelle Nummer als Lichtblick

Vivian (Lara Mandoki) und Vincent (Eugen Bauder). Foto: X-Verleih

Seelenschrott unserer Gesellschaft: Die Verfilmung von Helmut Kraussers "Einsamkeit und Sex und Mitleid".

 

Emotional verarmte Mittelständler suchen Halt und finden nur den schnellen Orgasmus oder gar nichts. Wenn man Lars Montags "Einsamkeit und Sex und Mitleid" kurz auf den Punkt bringen will, könnte das so aussehen. Eine Handlungsbeschreibung für die Verfilmung des gleichnamigen Helmut-Krausser-Romans würde hier den Rahmen sprengen. Zu viele Figuren, zu viele Erzählstränge. Aber eines hält sie alle zusammen: Die pure Unlust am Leben.

Und die gibt es hier in den unterschiedlichsten Varianten: Ein rassistischer Polizist (Jan Henrik Stahlberg) nutzt die Angstneurose seiner Ex-Freundin (Friederike Kempter) aus, um sie wieder zu gewinnen. Der suspendierte Lehrer Ecki Nölten (Bernhard Schütz) will Rache an dem Mädchen nehmen, dessen Lügen ihn den Job gekostet haben.

Dem Familienvater Robert (Rainer Bock) wird klar, dass sieben Minuten Sex auf der Flughafentoilette ihm nicht nur seine Tochter gebracht, sondern auch gleich das ganze Leben zerstört haben. Wie gesagt, mit dieser Aufzählung könnte man jetzt eine ganze Zeit lang weiter machen.

Zwischen dem Hass, der Leere und der Paranoia kommt immer wieder die schnelle Nummer als einziger Lichtblick. In diesem Sinne ist "Einsamkeit und Sex und Mitleid" eigentlich eine gelungene Satire, da hier nicht nur mit einem Augenzwinkern der Spießbürger auf den Arm genommen wird wird.

Die schwarze Komödie zeigt offen den gesamten Seelenschrott der Gesellschaft. Leider funktioniert dieses System nicht so ganz. Die Figuren sind einfach zu sehr mit Klischees beladen, um anzukommen. Natürlich ist der Supermarktleiter ein Langweiler, der junge Araber ein Macho und der jugendliche Christ hat komplett einen an der Waffel. Und dann ist da eben noch diese zu große Fülle an Wohlstandselend. Der Zuschauer beginnt sich gerade für eine Geschichte zu interessieren und – zack – kommt schon die nächste. Da wird zum einen die Empathie schwer und zum anderen geht vieles einfach unter. Diese Mischung macht aus dem vielversprechenden Projekt leider nur ein soziales Gruselkabinett. 


Kino: Isabella, Rio, Atelier, Monopol, Mathäser

R: Lars Montag (D, 119 Min.)

 

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