AZ-Filmkritik „Egon Schiele – Tod und Mädchen“: Schöner Mann, nackte Frauen

Egon Schiele (Noah Saavedra) und Wally Neuzil (Valerie Pachner): Sie war für ihn Muse, Modell – und mehr. Foto: Alamode Film

„Egon Schiele – Tod und Mädchen“: Ein Biopic mit Sinn für Details, aber zu wenig Tiefgang

 

Was ist er doch für ein attraktiver Kerl, dieser Egon Schiele. Kein Wunder, dass ihm die Weibsbilder schöne Augen machen, die verruchten Lockvögel im Prater-Varieté und selbst die Verklemmten aus gutem Hause. Sowieso scheint diesem Maler alles leicht von der Hand zu gehen. Zwar fehlt das Geld, der Vater hat in einem Anfall von Wahnsinn Noten und Aktien ins Feuer geworfen. Aber für ein gebügeltes Hemd reicht’s allemal. Und wenn das Werkzeug ausgeht, zieht irgendeine Fee – meistens ist es ja die wunderbare Wally – ein paar Stifte aus dem Rock.

Charmant gleitet das alles dahin in Dieter Berners „Egon Schiele – Tod und Mädchen“, solide, mit viel Sinn für Details und in seiner Erotik familienkompatibel harmlos. Nur das Ende ist elend, denn wenige Tage nach seiner Frau Edith (Marie Jung) stirbt der Künstler mit nur 28 Jahren an der Spanischen Grippe. Das Chinin, das ihm seine innig verbundene Schwester Gertie (Maresi Riegner) auf dem Schwarzmarkt gegen teuren Schmuck besorgt hat, kommt zu spät. Ein einsamer Tod im eiskalten Atelier ist das, um Schiele herum reihenweise Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen – Ikonen der Moderne, die nur noch selten den Besitzer wechseln, dafür dann in Millionenhöhe. Vor hundert Jahren haben diese Bilder ihr Publikum regelrecht verstört, und sie erschüttern bis heute: die geschundenen Leiber, die verdreht, deformiert, ineinander verkeilt sind. Alles ist Schmerz. Und dann diese Augen, die bohrenden Blicke der Nackten, die keinerlei Scham kennen, die hoffnungslosen Abgründe unter müden Lidern.

Man hätte gerne mehr über diese Kunst erfahren und über diesen eigenwilligen Maler. Der kam im echten Leben viel widerborstiger daher als der smarte Noah Saavedra, der sich weit mehr in Pose wirft, als es die Modelle tun. Anfangs ist das die Schwester, das hat etwas subtil Inzestuöses, zwischendurch die exotische Tänzerin Moa (Larissa Aimée Breidbach) und schließlich ausgiebig die patente Wally Neuzil (Valerie Pachner), die Schiele Muse, Managerin, Gefährtin und sonst was sein darf. Und die ihn durch eine Falschaussage vor jahrelangem Gefängnis bewahrt, als er 1912 wegen Kindesentführung und Missbrauch vor Gericht steht. Auch da wird wenig hinterfragt. Stattdessen: Liebeleien und Beziehungskram. Da gehen Schieles Bilder doch sehr viel tiefer.  


Regie: Dieter Berner (AT, LU 2016, 109 Minuten)

Kinos: Arena, City, Kino Solln, Theatiner

 

0 Kommentare