"Don't Worry, Weglaufen geht nicht": Gus Van Sant verfilmt das Leben des Karikaturisten John Callahan mit Joaquin Phoenix.

"Alkohol ist ein Sanitäter in der Not. Alkohol ist ein Fallschirm und ein Rettungsboot", singt Herbert Grönemeyer seit 1984. John Callahan - 21 Jahre - Provinzkomplexer aus Oregon und Möchtegern-Partyhengst im Santa-Monica-Nachtleben, ist über diese Zeilen schon brutal hinaus. Er wacht am frühen Nachmittag auf, wundert sich, dass er nicht völlig verkatert ist, bis klar ihm klar wird: Es liegt daran, dass der Restalkoholgehalt im Blut noch zu hoch ist.

"Alkohol ist das Drahtseil, auf dem du stehst. Alkohol ist das Schiff, mit dem du untergehst": John (Joaquin Phoenix) wird - aus Angst vor den folgenden Entzugsfolgen - jetzt hektisch zum nächsten Liquore-Store pirschen, im peinlichen Small-Talk mit der Verkäuferin die Dringlichkeit seines Tequila-Kaufs zu vertuschen suchen, um dann die Flasche an der nächsten Ecke hinter ein Auto gekauert zu exen. Am Abend geht die Vollrausch-Feier weiter.

Aber am kommenden Morgen, wacht John im Krankenhaus auf – querschnittsgelähmt. Denn John ist in einem VW-Käfer mit Vollgas an einen Strommasten geknallt – allerdings als Beifahrer. Am Steuer saß sein besoffener Kumpel (Jack Black).

Für das eigene Leben gibt es keine Ausreden

Am Ende wird John diesem Dexter verzeihen, auch seiner Mutter, die er nie kannte, weil sie ihn zur Adoption freigegeben hatte. Überhaupt wird er mit sich und den anderen und vor allem seinem Leben ins Reine kommen. Und als er an den Rollstuhl gebunden sich innerlich befreiend ein bekannter, tabuloser Karikaturist geworden ist, hält John eine Rede in einer Uni und beginnt: "Hallo, ich heiße John – und ich bin Alkoholiker!" Denn da hat sich John schon auf den Weg der Anonymen Alkoholiker gemacht – in einer herzlich rauen, schonungslos offenen Gruppe mit einigen Freaks (wie Udo Kier und Beth Dito).

Aber wie diese tragikomische Geschichte von Absturz, Verzweiflung und zurückgewonnener Lebensfreude auf ihr Happy End zusteuert, ist meisterhaft. Und das nicht nur, weil Joaquin Phoenix diesen rothaarigen Zyniker Callahan so erfrischend sarkastisch und selbstmitleidig zugleich, dann wieder lässig und erschütternd intensiv spielt. Vor allem ist es Gus Van Sant ("My Private Idaho", "Goodwill Hunting") wunderbarer, tänzerischer, jazziger, durch Johns Leben schlendernder Erzählstil, der alles elegant zusammenbringt: Schonungslosigkeit, Empathie und sogar Rührung beim Zuschauer, die aber nur selten das Sentimentale streift. Denn Rooney Mara spielt zwar einen der Lichtblicke in Johns Leben, ist aber viel zu selbstbewusst für falsche Rührseligkeit.

So erzeugt Gus Van Sant beim Zuschauer eine lockere, aber eben niemals oberflächliche Stimmung. Denn für das eigene Leben und wie es geworden ist, gibt es in diesem Film schnell keine Ausreden mehr. Am Ende klauben junge Skateboard-Teenies den im Rollstuhl sausend umgekippten John auf – und nehmen ihn mal eben kurz zu ihrer Skatebahn mit.


Kino: ABC sowie Monopol und City (auch OmU) | B&R: Gus Van Sant (USA, 115 Min)

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