AZ-Filmkritik "Die Peanuts - Der Film": Wir sind alle Deine Freunde, Charlie Brown!

Mit der Unterstützung des besten Hundefreundes lässt sich vielleicht auch das kleine rothaarige Mädchen erobern? Foto: Fox

Die wunderbare Balance aus Witz und der Kunst, große Lebensfragen und Gefühle zu behandeln: „Die Peanuts – der Film nach Charles M. Schulz

 

In Zeiten von Bomben, Flucht und Klima-Erwärmung darf man sich als deutscher Michel nicht einfach ins Private zurückziehen. Aber gerade um Weihnachten herum gilt auch: Es gibt ein Menschenrecht auf Idylle und heile Welt! Und hier kommen die Peanuts ins Spiel. Denn sie sind der wunderbare Beweis, dass man sich in eine Kinderwelt einer sozial intakten Kleinstadt entführen lassen darf und dabei sein Erwachsenenhirn nicht infantilisieren lassen muss.
Als Peanuts-Schöpfer Charles M. Schulz nach 50 Jahren täglicher Cartooon-Geschichten 2000 starb, meinte er, auch diese ewige 50er-Jahr-Welt des cool intelligenten Snoopy, des liebenswürdigen Charlie Brown, der vergeblichen Baseball-Spielen, von Schule, Valentine’s Day und Halloween sei an ein Ende gekommen. Aber nach 15 Jahren wagte Regisseur Steve Martino, der schon in so verschiedenen Sphären wie Monty Pythons und „Ice Age“ mitmischte, einen Wurf: „Die Peanuts – der Film“. Was Fragen aufwirft.

Snoopys Coolness, Lucys Fiesheit, Charlies Schiffbrüche

Denn wie macht man aus einer strich-gezeichneten, nostalgischen 3-Bilder-Episodenwelt einen aktuellen 3D-Film, ohne dem Charakter der Geschichten und Figuren zu schaden? Martino ist das gelungen.
Das beginnt bei der Animation. Denn die Kinobilder sind in einer fantastischen Balance aus Plastitität und einer Hommage an die Cartoon-Zeichnungen von Schulz. Da schneit es so raumtief, dass man den einzelnen Flocken im Kinosaal nachhaschen will. Aber gleichzeitig ist das lustige Phänomen, dass bei gezeichneten Figuren anatomisch auch mal beide Augen in einer Gesichtshälfte sein können, beibehalten. So bleiben uns alle in Jahrzehnten liebgewonnen Charaktere fast unverändert vertraut.

Vielleicht kann man sich einfach neu erfinden?

Das gilt auch für die Dramaturgie. Der neue Peanuts-Film bedient die kurzen Spannungsbögen von Einzelgeschichten – so wenn Charlie Brown für den Winter-Ball tanzen übt und Snoopy ihm vormacht, was John-Travolteske-Coolness dabei ist oder wenn Charlies Drachensteigenlassen wieder einmal zum klassischen Verhedder-Desaster wird.
Doch spannt der Film auch alles in einer großen Geschichte zusammen: Denn Charlie Brown, unser melancholischer Loser, hofft auf die Einmal-im-Leben-Chance. Als das kleine rothaarige Mädchen in die Nachbarschaft zieht, weiß er: Sie ist die einzige Person, die noch nichts von seinem permanenten, sich blamierenden Dauer-Scheitern weiß. Ihr gegenüber kann er sich als neue Persönlichkeit präsentieren, als das, was alle Frauen lieben: einen Winner. Lucy macht das eifersüchtig und eigentlich steht ja Peppermint Patty ein bisschen auf Charlie. Aber er hat ja den besten Verbündeten im Lebenskampf: Snoopy!

Wir halten alle zu Dir, Antiheld Carlie!

So hoffen und bangen wir mit Antiheld-Charlie, aber lachen auch über ihn in einem humanen Wechselbad aus Sympathie und Amüsement. Charlie: Das ist wie bei einer Clownsnummer. Es ist alles auch ein Spielgel für uns, die wir selbst oft an unseren Lebensträumen und Alltagsgeschichten scheitern. Und wir sollen darüber lachen können.
Warmherzig ist das ganze, weil bei aller Boshaftigkeit einer frech-schlauen Lucy, vielen kleinen Schiffbrüchen und vergeblicher Liebensmüh alles aufgefangen ist in einer grund-humanen und dadurch auch optimistischen Weltsicht.
Und natürlich gibt es für uns auch den wahren Helden: Snoopy, der in diesem Film zu Höchstform aufläuft – wie auf der Jagd nach dem Roten Baron, die zur super-dynamischen, gewagten Flugshow wird.
Und ganz nebenbei erklärt uns dieser Film auch, woher Snoopy seine Schreibmaschine hat, worauf seine literarischen Phantasiewelten basieren: Bildungshunger eines als Hund von der Schule Ausgeschlossenen und Treue zu seinem Herrchen, dessen Lebensprobleme er in seiner fiktiven literarischen Welt überhöht.
Das ist überhaut der Erfolgsschlüssel der Peanuts: Man kann sie als nette Geschichten lesen, aber auch als Metaphern für unser Leben, unseren Wunsch nach einer wieder kindlich-träumerischen Sicht auf die Welt, ohne dabei naiv sein zu müssen. Schließlich hat Charles M. Schulz seine Cartoons ja vor allem für uns Erwachsene geschrieben und gezeichnet. Mit dieser flimischen Fortführung in seinem Geiste wäre er sehr glücklich. Wir sind es auch!

 

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