AZ Filmkritik "Die kanadische Reise" - Familienkrimi mit Gefühlswucht

Mathieu (Mitte: Pierre Deladonchamps) versucht über den Freund seines Vaters Pierre (li, Gabriel Arcand) seiner Familiengeschichte näher zu kommen und kommt dabei auch Pierres Tochter (Catherine de Léan) näher. Foto: Temperclayfilms

Der französische Film "Die kanadische Reise" erzählt von fremden Seiten einer Familie.

Nicht zu wissen, wer der Vater ist, kann eine Last sein, die Suche nach dem Unbekannten ein Wagnis. Buchautor Mathieu hatte sich dagegen mit dem Nichtwissen abgefunden, seine Mutter sprach nie über den Erzeuger, ihr Partner zog ihn liebevoll auf.

Um so mehr überrascht ihn ein rätselhafter Anruf aus Kanada, ein Mann erklärt ihm, er habe ein Päckchen für ihn von seinem kürzlich verstorbenen Vater. Ein wertvolles Bild, wie sich später herausstellt. Seine Neugier ist geweckt.

Noch vor der Beerdigung macht er sich auf die Reise von Paris nach Montreal und wird dort ziemlich kühl von Pierre, dem besten Freund seines Vaters empfangen. Seinen Wunsch, seine Halbbrüder und die Witwe offen zu treffen, lehnt Pierre rigoros ab. Er solle diskret sein und seine Identität nicht preisgeben. Der 33-Jährige lässt sich nicht entmutigen, gibt sich als Freund Pierres aus und fährt mit ihm und den beiden Halbbrüdern an einen See, um die noch nicht geborgene Leiche des Vaters zu suchen. Nach und nach entdeckt Mathieu Ungereimtheiten und ein von Pierre streng gehütetes Geheimnis.

Der Franzose Philippe Lioret verfilmt Jean-Paul Dubois‘ Roman mit Eleganz und Raffinesse, ohne sich in große Erklärungen zu verhaken. Da reichen Blicke, Schweigen und Andeutungen zum Verständnis delikater Beziehungen. Der Zuschauer begleitet die vielschichtigen Figuren durch emotionale Engpässe und herausfordernde Situationen. Man ist Beobachter und steckt gleichzeitig mitten drin in der anfänglich unspektakulären Handlung, die unvermutet immer größere Sogwirkung entfaltet.

Lioret nennt seinen Film einen "Familienkrimi". Mit Recht. Denn wie in jeder Familie gibt es auch hier Unausgesprochenes, brodelt es unter der glatten Oberfläche. Ein fulminanter Gabriel Arcand als Pierre zeigt unter der rauen Schale eine große Verletzbarkeit, setzt auf Zeichen statt auf unnütze Worte, in der Hoffnung, dass Mathieu (Pierre Deladonchamps) sie bewerten kann. Ein fast stummes und zartes Finale mit einer dennoch alles wegfegenden Gefühlswucht.


Kino: Arena, Rio sowie Theatiner (OmU) Heute (14.12.2017) 20.30 Uhr im Theatiner: Vorführung mit Regisseur Philippe Lioret (F, 98 Min.)

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