AZ-FIlmkritik "Die Flügel der Menschen"- Pferdestehlen für die Freiheit

Den Vater nennen sie Zentaur, weil er mit den Pferden verwachsen zu sein scheint: Aktan Arym Kubat in seinem Film "Die Flügel der Menschen". Foto: Neue Visionen

Eine Botschaft auch für uns: der kirgisische Film "Die Flügel der Menschen".

Kirgisistan, ein Land mit noch unberührter und imposanter Natur an der einst berühmten Seidenstraße. Sieben Jahre nach seinem preisgekrönten Film "Der Dieb des Lichts" erzählt Regisseur Aktan Arym Kubat von den Menschen dort, vom dörflichen Leben, von der Zerrissenheit zwischen Tradition und Moderne.

Ein Mann (Kubat selbst spielt die Hauptrolle) stiehlt den Reichen edle Rennpferde, die sie als Statussymbol im Stall halten. Nicht, um Geschäfte zu machen, sondern ihnen kurzfristig ein Stück Freiheit zu geben, ein Stück Freiheit, das er auf ihrem Rücken im Wind der Nacht genießt, bevor sie wieder bei ihren Besitzern landen. Zentaur nennen die Nachbarn den Außenseiter wegen seiner Pferdeliebe. Er wohnt mit seiner taubstummen Frau und dem fünfjährigen Sohn, der noch nie ein Wort gesprochen hat, in einer bescheidenen Hütte.

Einzige Zierde ist ein altes Filmplakat über dem Bett. Der frühere Filmvorführer, der jetzt auf dem Bau arbeitet, wehrt sich gegen die neue Gesellschaft, in der Islamisten an Einfluss gewinnen, die sein Kino in eine Moschee umwandelten, in der nur noch Geld und Macht zählen, nicht mehr Zusammenhalt oder Gemeinschaft. Das gipfelt nicht in Kapitalismuskritik, sondern zeigt persönliches Bedauern, Trauer um verlorene soziale Bindungen.

Pilgerreise nach Mekka als Strafe

Inzwischen herrscht Misstrauen, schon ein harmloser Flirt mit einer Händlerin sorgt für Gerede. Als er in eine Falle tappt und beim "Pferdestehlen" erwischt wird, kommt er bei der Dorfversammlung mit einer milden Strafe davon, eine Pilgerreise nach Mekka soll ihn läutern und auf den Pfad der Tugend führen.

Doch dass Zentaur mitten im Gebet aufsteht und im Vorführraum einen wehmütigen Blick auf sein altes Reich wirft, versonnen den Staub von einer Filmdose bläst, gilt als schlimmer Frevel.

Fanatiker nageln die Tür zum Vorführraum zu, der Sünder wird aus dem Dorf verbannt.

"Pferde sind die Flügel der Menschen" sagten die Kirgisen, als sie noch als Nomaden durch die Steppe zogen. Inzwischen wurden sie ihrer Flügel beraubt. Mit überwältigenden Landschaftsbildern und ohne Nostalgie oder Verteufelung der Moderne appelliert das Drama daran, die tradierten Werte, Legenden und Mythen nicht zu vergessen – auch nicht die Verbindung zwischen Mensch und Natur, Mensch und Tier. Eine moderne Parabel auf den Verlust von Identität und den Versuch, Einheit durch Besinnung wieder herzustellen.


Kino: Arena, Maxim; Regie: Aktan Arym Kubat (KIR, NL, D, F, J, 90 Min.)

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