AZ-Filmkritik "Die dunkelste Stunde" - Sehnsucht nach Stärke

Auch ein Dickschädel hat zärtliche Seiten: Gary Oldman als Winston Churchill und Kristin Scott Thomas als dessen Frau Clementine in Joe Wrights "Die dunkelste Stunde". Foto: Jack English/Universal Pictures International/dpa

Winston Churchill ist in Film und Fernsehen höchst präsent. Jetzt startet Joe Wrights "Die dunkelste Stunde".

Es ist naheliegend: Je erbärmlicher das aktuelle Personal in der Politik erscheint, desto drängender wird die Sehnsucht nach alter Größe. In England ist die Frage, wer diesen Spitzenplatz beanspruchen könnte, schnell und eindeutig beantwortet: Winston Churchill natürlich – und so erklärt sich vielleicht auch seine große Präsenz in Film und Fernsehen in jüngster Zeit, nicht zu vergessen die bemerkenswerte Biografie des derzeitigen britischen Außenministers Boris Johnson, die viele als Empfehlungsschreiben für Churchills Fußstapfen lasen.

Was aber macht diesen Mann, der eigentlich längst gescheitert war, zum Retter des britischen Empires? "Ohne Churchill hätte Hitler triumphiert, und ohne Hitler wäre Churchill als brillanter Versager und Anachronismus verstorben", schrieb einst Sebastian Haffner kurz und prägnant.

Churchill ist anfangs isoliert

Regisseur Joe Wright zeigt nun in seinem Kinodrama "Die dunkelste Stunde" die entscheidenden Wochen in Churchills Leben. Am 9. Mai 1940 ist Neville Chamberlain als britischer Premier endgültig gescheitert. Hitler überrennt Europa, England ist darauf weder mental noch militärisch vorbereitet. Nur einer hatte diese Bedrohung in dieser Deutlichkeit vorausgesagt: Winston Churchill, seit knapp einem Jahr Erster Lord der Admiralität, ein Posten, den er drei Jahrzehnte zuvor auch schon einmal besetzt hatte. Er übernimmt am 10. Mai mit 65 Jahren das Kriegskabinett, in das er auch seine Gegner Chamberlain und Lord Halifax lädt, die immer noch auf einen Verhandlungsfrieden mit Hitler hoffen. Churchill aber will, dass England Stärke zeigt. Anfangs ist er isoliert, das inszeniert Joe Wright auch in kunstvollen Bildern.

"Man kann nicht mit einem Tiger verhandeln – mit dem Kopf zwischen seinen Zähnen", sagt Churchill. Sein Kampf um die politische Deutungshoheit ist eine Schlacht der Worte, so sind denn auch die Kabinetts- und Parlamentsszenen, bei denen Churchill zu Hochform aufläuft, die Höhepunkte des recht konventionell inszenierten Films. Dass britische Kinobesucher nun stehend Churchills legendäre Reden beklatschen, liegt aber auch am Hauptdarsteller. Die Fachwelt ist sich einig, dass Gary Oldman unter Fatsuit und Gesichtsmaske Churchill oscarreif verkörpert.

Und es ist wirklich beeindruckend, wie Oldman sich auch sprachlich dem stotternden, lispelnden und Silben verschluckenden Politiker genähert hat, wie er den eigentümlichen Singsang dieses großen Redners imitiert. In der deutschen Synchronfassung verliert der Film daher seine entscheidende Wucht.

Die Bedrohung ist nicht wirklich spürbar

Wright gelingt es zwar, in zwei Kinostunden alle Klischees und Facetten des fast in jeder Szene präsenten Churchill einzufangen, doch die Bedrohung, von der die ganze Zeit die Rede ist, wird auch durch die Bilder von der Zerstörung Calais’ und der Evakuierung der britischen Truppen in Dünkirchen nicht wirklich spürbar.

Den Pfad der realen Geschichte verlässt der Film nur in einer eigentümlichen, pathetischen U-Bahn-Szene. Churchill lässt natürlich auch hier nicht ab vom Zigarrenqualm – Oldman zog sich bei den Dreharbeiten eine Nikotinvergiftung zu – und hört zu, wie die Stimmung im "einfachen Volk" ist: Aufgeben? Niemals! Das deckt sich mit Churchills Widerstandsgeist, auch wenn er dem Unterhaus bekanntlich nicht mehr anzubieten hatte als "Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß".

Bis zu einer Stunde soll Churchill an jeder Redeminute gefeilt haben, sein Freund F.W. Smith spöttelte einmal, Churchill habe die besten Jahre seines Lebens mit der Vorbereitung seiner spontanen Bemerkungen verbracht.

Doch, dass es in schwierigen Zeiten der richtigen Worte bedarf und diese die Weltgeschichte mitentscheiden können, vermittelt "Die dunkelste Stunde" eindrucksvoll.


Kinos: Cinema, Museum-Lichtspiele (OV), City, Rio (beide auch OmU), Monopol (OmU), Mathäser, Münchner Freiheit, Royal; Regie: Joe Wright (GB, 126 Min.)

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