AZ-Filmkritik "Der Himmel wird warten": Reinheit und Gerechtigkeit

Sonia (Noémie Merlant) auf der Suche nach einem Weg zurück in ihr Leben. Foto: Neue Visionen

Warum lassen sich junge Mädchen von radikalen Islamisten einfangen? Ein französischer Spielflm sucht nach Antworten: "Der Himmel wird warten"

Wie kann das passieren? Eine moderne Gymnasiastin verliebt sich auf Facebook in einen unbekannten Moslem und konvertiert in kurzer Zeit zum Islam. Bald bestimmt ihr "Prinz", der sie heiraten will, ihren Alltag. Melanie (Naomie Amarger) kauft sich einen Niqab, gibt ihre Freunde auf, rührt das Cello bald nicht mehr an, Musik ist "Teufelszeug" und die alleinerziehende Mutter nur noch eine "Ungläubige". Das Ziel: Der Dschihad in Syrien.

Sonia (Noémie Merlant) will gerade abhauen, als eine Spezialeinheit das Haus ihrer Eltern stürmt. Als Mitglied einer terroristischen Gruppe wird sie vor der Durchführung eines Anschlags festgenommen, darf aber nach der Untersuchungshaft ihre Strafe im Hausarrest absitzen. Der Absprung gelingt ihr, wenn auch unter Schmerzen und mit Rückfällen.

Die französische Filmemacherin Marie-Castille Mention-Schaar greift ein brandaktuelles Thema auf, die Radikalisierung minderjähriger Mädchen durch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und die Hilflosigkeit ihrer Familien. Alle fiktionalen Figuren in diesem sensibel inszenierten Drama basieren auf wahren Personen bei diesem Zusammenspiel von Film und Wirklichkeit. Ein Dokumentarfilm wäre unmöglich gewesen, da sich wohl niemand beim Prozess der Radikalisierung, dessen Verheimlichung oder der Entradikalisierung vor die Kamera stellt. Neben jungen Männern rekrutiert der IS zunehmend junge Frauen und feiert die steigende Attraktivität und Popularität bei dieser Gruppe als besonderen Propaganda-Erfolg. Die Messer-Attacke einer 15jährigen Deutsch-Marokkanerin auf einen Polizisten 2016 in Hannover gilt als erste "Märtyreroperation" in Deutschland.

Ausgangspunkt für den Film waren Berichte über 14- und 15-Jährige, die nach Syrien reisten und deren Eltern nichts vom Doppelleben ihrer Töchter ahnten. Diesem Phänomen geht die Regisseurin auf den Grund. Unter den radikalisierten IS-Anhängern sind in Frankreich inzwischen fast 40% weiblich: "Jungen lassen sich anders überzeugen, sie wollen Action und den Helden markieren. Die Rekrutierung von Mädchen läuft mehr über die romantische Schiene. Die Hälfte der zum IS übergelaufenen Mädchen stammt aus der Mittelschicht, einige auch aus der Oberschicht, es gibt keinen Prototypus", so Mention-Schaar, die lange recherchierte und brutale Propagandavideos sichtete, um eine Antwort auf das "Warum" zu finden.

Unterstützung fand sie bei Dounia Bouzar, Leiterin eines Präventivzentrums, die sich im Film selbst spielt. Sie berät verzweifelte Eltern und versucht, die Jugendlichen wieder zu integrieren, hat inzwischen mehr als 1.000 Familien betreut. Mit unterschiedlichem Erfolg, es besteht immer die Gefahr eines Rückfalls.

Für Rückkehrerinnen ist es schwer, wieder ein normales Leben zu führen

Denn es gibt keine definitive Sicherheit, wie Mention-Schaar feststellte, die einige Mädchen und ihre Widersprüche über anderthalb Jahr begleitete, bei der Vorbereitung quasi als Teammitglied an Sitzungen mit Kindern und Erwachsenen teilnahm und "Geschichten voller Verzweiflung und Verunsicherung" hörte: "Für Rückkehrerinnen ist es schwer, wieder ein normales Leben zu führen, ihre Zukunft ist wahrscheinlich verpfuscht. Sie akzeptieren nur sehr widerwillig, dass sie von der IS-Propaganda belogen wurden. Etwas in ihnen ist zerstört. Wenn man ihnen helfen will, bleiben sie skeptisch und suchen die Schuld bei sich. Es fehlt ihnen an Vertrauen". Eine der aus Syrien Geflohenen unterstützte die Filmarbeit an den Dialogen, der Darstellung von Verführungsmechanismen und Methoden der Verheimlichung. Von den Minderjährigen tauchte nicht eine wieder auf.

Was treibt gerade diese Altersgruppe in den Fanatismus? Was lässt sie die Heilsversprechungen vom "Paradies" glauben, für viele ein "wunderbarer Ort ohne Krankheit, Armut oder soziale Kälte, voller Liebe und Gerechtigkeit"? Vor allem die Fragilität in der Adoleszenz, eine Phase der Identitätssuche und Rebellion gegen gesellschaftliche Normen. Ein Lebensabschnitt, in dem Mädchen in einer übersexualisierten Welt nach Reinheit und Gerechtigkeit suchen, mit Idealismus die Welt verbessern möchten, so die Aussage des Dramas. Dieses Vakuum nutzen die IS-Menschenfänger gnadenlos aus.

Ein Rezept kann und will die Filmemacherin nicht liefern, Familien und Schulen bleibt die Schlüsselrolle und das miteinander reden, reden, reden. Die Botschaft: Das Leben ist stärker als der Tod, deshalb wird der Himmel (hoffentlich) noch lange warten. 


Kinos: Atelier sowie Theatiner (OmU)

R: Marie-Castille Mention-Schaar (F, 105 Min.)

 

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