"Das schönste Mädchen der Welt" ist eine geistreiche Neuversion des 120 Jahre alten "Cyrano de Bergerac".

Bist du Punk, Popper, Alternativer oder Spießer, Ted, Mod oder Waver? Alles Jahrzehnte passé. Aber was gilt heute unter Jugendlichen? Soziopsychologen haben dafür bereits einen Ausdruck kreiert: Normcore – also möglichst der "Norm" entsprechen zu wollen, nicht individualistisch oder gar exzentrisch sein, sondern stilistisch unauffällig im Mainstream mitschwimmen.

Nur ist anderes gefragt als lässige Sprüche, Jeans, T-Shirt und Hoodie, wenn man Roxy für sich gewinnen will: Dieses Mädchen (Luna Wedler) wird, wenn man verliebt ist, zum "schönsten Mädchen der Welt". Sie ist neu in der Klasse. Die geht gleich auf Klassenfahrt unter der trickreich taffen, aber letztlich wohlwollenden Leitung ihrer Klassenlehrerin (Heike Makatsch, wie der Katja-Riemann-Typ aus "Fack ju Göhte"). Es geht nach Berlin, das bekanntlich arm und abenteuerlich sexy ist, aber auch voller Orte, die Geschichtsstunden im Stadtrundfahrts-Bus erzwingen, auch wenn man verkatert in den Seilen hängt.

Der klug-lässige Regisseur Aaron Lehmann (37) hat mit dem ernsthaften Mittvierziger Lars Kraume ("Das schweigende Klassenzimmer") in dieses Setting eine alte Idee gesetzt: Cyrano de Bergerac, ein 120 Jahre altes Versdrama von Edmond Rostand, das in der Epoche der elegant gedrechselten Worte und der Konversation spielt – und deshalb so gar nicht zur maulfaulen oder frech-ordinären Jugendsprache zu passen scheint. Aber das sind Vorurteile! Denn natürlich hat jede Epoche ihre eigene Wortkunst. Und die Berliner Werbetexterin Judy Horney hat den Dialogen einen unglaublich lässigen Zug gegeben. Und was ist die heutige Poesie? Rap und Hip-Hop, dieses Wort-Wrestling, dessen Verbalinjurien – von "Verpiss dich" bis "Motherfucker" – nicht so hart gemeint sind, wie sie ausgesprochen werden.

Eminem hat vor 16 Jahren seine eigene Rap-Durchsetzungsgeschichte aus Detroit im Film "8 Mile" erzählt. Und jetzt steigt Aaron Lehmann mit der gleichen Eröffnungssequenz ein. Ein Außenseiter stellt sich der grausamen, basisdemokratischen Jubel- oder Buh-Abstimmung des Publikums. Und jetzt ist es nicht der Weiße unter lauter Schwarzen, sondern einer, der sein Gesicht unter einer goldenen Maske versteckt. Denn der schlagfertige Spontanpoet (Aaron Hilmer) hat etwas zu verbergen: Cyril hat eine riesige Nase und wird gemobbt, ist aber in Roxy verliebt. Doch die will nur "gute Freundin" sein.

Jugendfilm verzichtet auf aufdringliche Pädagogik

Ein Außenseiter ist auch Rick (Damian Hardung), ein schüchterner, selbstverliebt-romantischer Gitarren-Träumer. Er hat nichts in der Birne und spricht den Autor auf dem Romancover von "Der Fremde", der auf Cyrils Nachttisch liegt, gleich mal englisch "Cämas"aus.

"Das schönste Mädchen der Welt" wird sich also in Rick verknallen, weil sie "seine" Verse liebt, die heimlich aber der Jungexistenzialist Cyrill für ihn schreibt. Der hässliche Junge dagegen hat schon "Narben vom Buchseitenumblättern", wie der Aufreißer Benno (Jonas Ems) hämisch sagt. Der hat eine Wette laufen, dass er Roxy noch auf der Klassenfahrt ins Bett kriegt und verspricht ein Beweisvideo auf Youtube.

Es gibt Irrungen, Wirrungen, K.o.-Tropfen, Kabale und Liebe, Vollräusche und Großstadt-Nachtspaziergänge. Es geht klassisch um erste Liebe, aber auch um Emanzipation und Selbstbehauptung: gegen Komplexe, Mobbing fieser Klassenkameraden und eine liebenswürdige Mutter (Anke Engelke), die Cyril Präser mitgibt und an einer Banane vorführt: zum Fremdschämen.

Das Großartige an "Das schönste Mädchen der Welt" ist, dass dieser Jugendfilm auf aufdringliche Pädagogik oder pseudojugendliche Anbiederung verzichtet. Baz Luhrmann hat schon einmal 1996 mit "Romeo + Julia" gezeigt, dass Klassiker umwerfend frisch im modernen Gewand daherkommen können.

Einer der schönsten Filme der letzten Zeit

Dieser kleine deutsche Film ist ebenfalls romantisch und ehrlich, er groovt, ist aber nie glatt oder platt. Man kann "Das schönste Mädchen der Welt" auch als Erwachsener nostalgisch rückblickend oder mit Blick auf eigene Kinder anschauen, weil er intelligent und geistreich ist. Und der Rap gibt dem Ganzen noch eine modern-poetische Note. Über Cyrills Lyrics sagt der beschränkte Rick: "Das kapier ich nicht. Das ist unlogisch!" Cyrill antwortet: "Das ist Poesie. Darauf stehen die Frauen!" Und er dichtet: "Und ich hab schon fast vergessen wer ich bin / Vielleicht macht das Ding am Ende keinen Sinn / Ich hoff’ nur, dass der Song dir ein wenig gefällt / Und wenn nicht, du bleibst das schönste Mädchen der Welt".

Der Film ist einer der schönsten der letzten Zeit. Er zeigt den üblichen platten Schulkomödien geistreich eine lange Nase.


Kinos: CinemaxX, Münchner Freiheit | R: Aaron Lehmann (D, 103 Min.)