AZ-Filmkritik "Beuys": Leiser Lautsprecher

Joseph Beuys 1965 in der Performance "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt". Foto: zeroonefilm/bpk/Stiftung Schloss Moyland/Ute Klophaus

Klug montierte Collage: In Andres Veiels "Beuys" erklärt sich der Künstler selbst.

 

Man muss ihn ja nur reden lassen. Nicht endlos, das verwirrt dann wieder. Aber konzentriert, intelligent zusammengeschnitten – und schon erklärt er sich ganz von selbst: Joseph Beuys, der Unergründliche, der Oberschamane, Provokateur, Narzisst und noch so vieles mehr.

Unzählige Kunstfachleute haben sich an ihm abgearbeitet, einiges erläutert und genauso im Diffusen belassen. Auch Regisseur Andres Veiel ("Black Box BRD") scheute keinerlei Mühen, tief in den Mythos Beuys einzutauchen. Drei Jahre lang hat er sich durch 400 Stunden Filmmaterial und 20.000 Fotos gewühlt, um am Ende eine sehr subjektive Auswahl zu treffen.

Doch die funktioniert, das ist das Erstaunliche an seinem gut 100-minütigen Dokumentarfilm. Natürlich spürt man sofort, dass Veiel dem umstrittenen Künstler und Hochschullehrer wohlwollend gegenübersteht. Ihm geht es nicht darum, all die fein kultivierten Legenden beckmessernd auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, wie das etwa der Immendorff-Assistent Hans Peter Riegel vor vier Jahre mit einigem Schaum vorm Mund getan hat.

Und trotzdem muss man diesen Beuys hinterher nicht mögen. Sein Größenwahn, sein Anspruch, seine Eitelkeit, auch seine Arroganz sind in Veiels Film durchaus präsent. Wer Beuys ablehnt, wird nicht bekehrt.

Aber Veiel gelingt es, behutsam hinter die Fassade zu blicken und Weggefährten zu Wort kommen zu lassen, die dem um keinen markigen Satz verlegenen Aufreger in Phasen der Krise und der Verletzung begegnet sind. Etwa, als sich Beuys Mitte der 1950er-Jahre zurückzog, erfolglos und gepeinigt von posttraumatischen Depressionen – "der Krieg hat mich zurechtgeschossen", sagt er einmal.

Unter der Überlebensweste und selbst im überheblichen Pelzmantel steckte auch ein sensibler Zweifler. Man braucht nur die Zeichnungen durchzugehen, den feinen Bleistiftstrich zu verfolgen. Und doch bleibt dieser Beuys ein Selbstdarsteller, der die Medien perfekt zu nutzen weiß, der kein Wortgefecht meidet und sich keineswegs erklärt oder gar rechtfertigt, sondern zum pointierten Gegenangriff übergeht. Je mehr Tumult, umso besser. Die Lacher hatte Beuys sowieso immer auf seiner Seite.

Das macht Veiels Film dann auch so kurzweilig, der Mann mit dem Hut besaß Humor, und das nicht zu knapp. Deshalb kommt diese virtuose Collage ohne die alten Kalauer wie in Unkenntnis geputzte Badewannen und entfernte Fettecken aus. Ein Blick auf Beuys‘ politische Verstiegenheiten und seine verquaste Esoterik hätte zwar nicht geschadet, gleichwohl stand diese dunklere Seite des Menschenfängers dauernd im Fokus der letzten Auseinandersetzungen. Und auf kalten Kaffee hatte Veiel keine Lust. 


R: Andres Veiel (D , 107 Min.)

Kinos: City, Münchner Freiheit, Neues Maxim, Studio Isabella

 

0 Kommentare