AZ-Filmkritik "330": Die Kunst der Liebe

Am Höhepunkt der Reise von Berlin nach Portugal: Jule und Jan am spanischen Picos de Europa in Kantabrien. Foto: Alamode

Wunderschöner und tiefer Annäherungsfilm: In Hans Weingartners "303" fahren wir mit einem jungen Zufallspaar im Wohnmobil nach Portugal.

"Ich kann mir nicht aussuchen, wen ich geil finde, aber in wen ich mich verliebe!" Dieser Satz von Jule fällt in Frankreich zwischen Verdun und der Loire, zwischen Schlachtfeld und Eisessen - und in der Mitte der zufälligen, aber zunehmend gewollten gemeinsamen Fahrt mit Jan von Berlin nach Portugal.

Es ist Sommer, sie hat gerade ihre Biologieprüfung für das medizinische Examen vermasselt und will die offene Beziehung zu ihrem Freund klären, den sie am Atlantik treffen will. Und er, der Jurastudent, wurde von seiner Mitfahrgelegenheit an der Raststätte Wannsee versetzt. Sie sieht ihn und nimmt ihn mit, und so sitzen die beiden Unbekannten jetzt in ihrem alten Hippie-Wohnmobil: Go West!, genauer südwest.

Und mehrmals - wie es sich für ein spannendes Roadmovie gehört - drohen sie sich zu trennen oder getrennt zu werden.

Es ist die großartige Dialogkunst von Regisseur Hans Weingartner, die es uns Zuschauern so erfrischend leicht macht, zwei Mittzwanzigern dabei zuzusehen, wie sie sich einander annähern. Und dabei denken und fühlen wir mit den beiden, wie Liebe entsteht, woher sie ihre Bindungskraft nimmt und was sie gefährdet.

Die deutsche Filmförderung, die ja ansonsten von Mainstream bis Abseitiges alles fördert, verweigerte - bis auf das Bundeskulturministerium und das Medienboard Berlin Brandenburg - Hans Weingartner die Unterstützung: "Zu dialoglastig!", sagte man dem Regisseur, der schon 2001 mit dem Schizophrenie-Film "Das weiße Rauschen" einen bleibenden Eindruck machte und 2004 mit dem Antikapitalismus-Aktionsfilm "Die fetten Jahre sind vorbei" auch großen Erfolg hatte. Dabei sind es genau die Dialoge unserer zwei Reisenden, die auch für den Zuschauer eine intellektuelle Fahrt ermöglichen - ohne Kopflastigkeit. Denn dazu sind Jan und Jule bei aller Ernsthaftigkeit zu erfahrungs- und lebenshungrig.

Vom lässig Weltanschaulichem zum Philosophischen

Wie also nähern sie sich einander an? Erst einmal wirft man lässig Weltanschauliches in den Wohnmobilraum, schaltet dann einen Gang höher ins Philosophische. Ihren Satz vom heutigen "Leben als brutale Castingshow" kontert er mit der Verteidigung des Wettbewerbs, der eben auch "Spaß machen kann." Aber was bringt eine Gesellschaft und den Menschen weiter: Konkurrenz oder Kooperation?

Jule und Jan tasten sich gegenseitig ab, und man spürt zunehmend, wie aus den Diskussionen ein vorsichtiges Attraktionstestspiel wird. Und so kommt man über die unlösbare Frage, was uns mehr prägt - Umwelt oder Gene? - zur Biologie, zum Sex und damit zur psychologischen Frage von Partnerschaft und Treue. Jan räumt Drogen das Recht ein, den inneren "Gewissens-Kommentator" auch mal auszuschalten, und er hält "Monogamie für kulturell konstruiertes Unglück".

Jule und Jan sind bei alledem nicht mehr teeniehaft naiv, aber auch noch nicht festgefahren. In ihrem wunderbaren Findungsalter sind sie weise und experimentell zugleich, ohne jede Peinlichkeit. Und da, wo auch sie Klischees erfüllen - romantisches Gitarrespielen und cooles Wellenreiten -, kommen die so natürlich daher, dass sie eben auch die Wahrheit sind, weil Weingartner in seinem Drehbuch die Kunst der richtigen Sprache beherrscht.

Es ist ein geistig und erotisch voyeuristisch prickelndes Vergnügen, den ganzen Roadtrip mitzufahren und selbst beschwingt und reifer anzukommen, als man vor zwei Stunden und 3000 Kilometern abgefahren ist.


Kino: City, Monopol, Münchner Freiheit, Isabella; B&R: Hans Weingartner (D, 139 Min.)

Hans Weingartner und Hauptdarstellerin Mala Emde sind am Donnerstag, 19. Juli, um 19.30 Uhr, im City Kino. Vor dem Film spielen Komponist Michael Regner mit seiner Band Augustin live den Titelsong "Magnet Balls", Tel. 089/59 19 83.

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