AZ-Filkritik "Mit siebzehn": Annäherung mit Hindernissen

Damien (Kacey Mottet Klein) und Tom (Corentin Fila, re.) Foto: Kool

André Téchinés bravouröser Film "Mit siebzehn" ist weit mehr als ein Jugenddrama.

 

Der eine muss eine Stunde durch den Schnee stapfen, um den Schulbus zu erreichen, der andere wird von seiner Mutter mit dem Auto vorgefahren. Der dunkelhäutige Tom ist Adoptivsohn bäuerlicher Eltern, Damien Filius einer Landärztin und eines im Ausland stationierten Armee-Hubschrauberpiloten.

Zwischen beiden liegen Welten, was aber nicht allein ihre Antipathie erklärt, die in ständigen Prügeleien ausartet. Als Damiens Mama vorschlägt, den Rivalen bei ihnen wohnen zu lassen, nicht nur weil dessen Mutter ins Krankenhaus muss, sondern auch damit er besser lernen kann, zeigen sich die Jungs nicht gerade begeistert. Die Einzelgänger belauern sich, Gewalt ist anfänglich die einzige Sprache, mit der sie sich verständigen können. Dass dahinter mehr als nur unkontrollierte Pubertät steckt, merken sie erst sehr spät.

Mehr als zwanzig Jahre nach seinem sehr persönlichen Milieu- und Generationsporträt "Wilde Herzen" über die 60er Jahre zeichnet André Téchiné (74) mit seiner Co-Autorin Céline Sciamma ("Tomboy") in diesem Coming-of-Age-Drama mit großer Sensibilität die spannungsgeladenen Gefühle von Heranwachsenden, ihre Sehnsüchte und Unsicherheiten.

Ein liebevoller Blick auf das Ende der Adoleszenz

Ein Kosmos der Unordnung, authentisch, zärtlich, poetisch und von vibrierender Erotik. Die Handlung erstreckt sich über drei Trimester des Schuljahres, die wuchtige Natur der Pyrenäen in ihren Jahreszeiten spiegelt den Seelenzustand der 17-Jährigen, die sich skeptisch und neugierig umkreisen und auch schon mal vor majestätischer Bergkulisse brutal traktieren bis ein Regenschauer dem ein Ende bereitet, um dann schweigend einen Joint zu rauchen.

Ein atemberaubend genauer und liebevoller Blick auf das Ende der Adoleszenz, die Wirren der ersten Liebe und sexuellen Erfahrung, der Angst vor unbekannter Körperlichkeit und Emotionen. Ganz ohne falsche Töne oder überzogene Melodramatik. Die Schauspieler sind das Pfund, mit dem Altmeister Téchiné wuchern kann: Blondschopf und Muttersöhnchen Kacey Mottet Klein, der seine Homosexualität zaghaft akzeptiert, Corentin Fila, der sich gegen seine Neigung wehrt und in Distanz und Schwulenhass flüchtet.

Eine einzige Offenbarung ist das Gesicht von Sandrine Kiberlain, die alle Register zieht, von der anmutig-glücklichen bis zur an einem Schicksalsschlag fast zerbrechenden Frau, die sich wieder aufrappelt und dem neuen Leben mutig die Stirn bietet. Trotz Konzentration auf die Jugendlichen mehr als ein Jugenddrama, ein bravouröser filmischer Wurf.


Kinos: Atelier, Monopol, Theatiner (OmU)

R: André Téchiné (F, 114 Min.)

 

0 Kommentare