AZ-exklusiv: Plakette für schrottreifes Auto „Ein Dekra-Prüfer spielte mit dem Leben meines Sohnes“

Sie fühlen sich betrogen: Martina M. und ihr Sohn Fabian mit dem schrottreifen BMW. Foto: Job

Martina M. (50) kauft für ihren Fabian (19) einen BMW mit fast neuer Plakette. Dann stellt sich heraus: Die Fahrt mit dem Auto ist lebensgefährlich! Die Dekra will’s vertuschen.

 

München - Blass und mit zittrigen Händen blättert Martina M. in ihren Unterlagen. Immer wieder muss sie daran denken, was alles hätte passieren können. „Die haben mit dem Leben von Fabian gespielt – und mit dem Leben anderer.“

Die 50-Jährige aus Olching (Kreis Fürstenfeldbruck) erhebt schwere Vorwürfe gegen einen Dekra-Prüfer. Der hatte offenbar einem verkehrsuntüchtigen BMW eine frische Plakette gegeben.

Im März hat Martina M. für ihren Sohn Fabian einen 17 Jahre alten schwarzen BMW gekauft. Der 19-jährige Azubi hatte den Wagen in einem Online-Portal entdeckt. „In Fabians Altersklasse träumen alle von einem BMW“, sagt die Mutter.

Die Limousine hat zwar schon über 200 000 Kilometer auf dem Tacho und einige sichtbare Roststellen, dafür klebt auf dem Kennzeichen eine fast neue, erst sechs Wochen alte Prüf-Plakette. Ein Dokument der Dekra vom 27. Januar bescheinigt: „Ihr Fahrzeug ist ohne festgestellte Mängel. Die nächste Hauptuntersuchung ist fällig im Januar 2018.“

Jede Fahrt war lebensgefährlich

Die Mutter wähnt sich auf der sicheren Seite: „Das Auto ist verkehrstüchtig, das ist das Entscheidende“, denkt sie sich. Doch das Gegenteil ist der Fall. Nur wenige Tage, nachdem die Mutter 1150 Euro für das Auto bezahlt hat, stellt sich heraus, dass jede weitere Fahrt lebensgefährlich wäre.

Martina M. und ihr Sohn fühlen sich betrogen – vom Verkäufer, einem Handwerker aus Fürstenfeldbruck, und von dem Dekra-Prüfer, der die Plakette vergeben hat.
Im Nachhinein ist Martina M. klar, dass sie schon während der Verkaufsverhandlungen hätte misstrauisch werden müssen: „Ich wollte den Wagen vor dem Kauf in einer Werkstatt anschauen lassen. Aber der Verkäufer wollte nicht so lange warten. Er hat gesagt, dass er noch einen anderen Interessenten hätte, der am selben Tag kommen wolle“, erinnert sich Martina M.

Auch besteht der Verkäufer darauf, dass der Wagen erst umgemeldet wird, bevor Fabian und Martina M. ihn abholen. Üblich ist, dass Gebrauchtwagen gleich nach dem Besitzerwechsel umgemeldet werden.

Und schließlich behauptet der Verkäufer zwar, nach einer ersten Hauptuntersuchung (HU) bei der Dekra, bei der Mängel festgestellt worden waren, noch knapp 600 Euro in Reparaturen gesteckt zu haben, doch die Rechnungen kann er angeblich gerade nicht finden.

"Das war Betrug!"

Martina M. kauft das Auto trotzdem für ihren Sohn. Der Azubi hat erst seit sechs Monaten einen Führerschein und freut sich riesig über sein „Traumauto“. Die böse Überraschung kommt zwei Tage später. „Unter dem BMW waren riesige Ölpfützen. Ich habe ihn sofort in die Werkstatt gefahren. Meinen Sohn wollte ich gar nicht mehr hinters Steuer lassen“, berichtet die Mutter der AZ.

Bei einer ersten Inaugenscheinnahme am Nachmittag des 21. März stellt ein Kfz-Meister erhebliche Mängel fest. „Er hat gesagt, der Wagen ist schrottreif. Wenn Fabian ihn so fährt, ist das lebensgefährlich.“ Der Sohn ist enttäuscht, seine Mutter erbost. Beide sprechen den Prüfer an. Er habe überrascht und ungehalten reagiert, so Martina M.: „Er hat gesagt, dass mit der Werkstatt, in der er das Siegel vergeben hatte, abgesprochen war, dass das Fahrzeug nur noch über den Winter gefahren wird und dann verschrottet wird. Einen unterjährigen Tüv, also nur für kurze Zeit, könne er ja nicht vergeben.“
Martina M. erhebt schwere Vorwürfe: „Das war gemeinschaftlicher Betrug!“

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Die Mutter versucht, den Verkäufer zu erreichen, um sich zu beschweren. Sie erreicht seine Frau, die behauptet, dass der BMW seit der Hauptuntersuchung nicht mehr bewegt worden sei. Zurücknehmen will sie den Wagen nicht.
Martina M. informiert daraufhin den Niederlassungsleiter der Dekra in Planegg. Der ruft sie abends zurück, hinterlässt auf ihrem Anrufbeantworter die Nachricht, dass der Verkäufer das Fahrzeug doch zurücknehmen werde.

Danach geht es drunter und drüber. Eine geplante Oster-Reise mit dem BMW streichen Mutter und Sohn. Am 29. März stellt ein Kfz-Meister fest, dass die Bremsleitung hinten links sowie die Schweller vorne und hinten rechts durchgerostet sind. Der Auspuff ist undicht, Öl und Kühlwasser treten aus.

Die Dekra bietet Schweigegeld

Am nächsten Tag begutachten auch zwei Fachleute der Dekra aus Planegg den Wagen, der auf dem Parkplatz der Werkstatt steht. Die Männer kommen zu dem Schluss: Der BMW ist nicht verkehrstüchtig. Ihre eigenen Kinder würden sie damit auch nicht fahren lassen.

Ein Siegel hat das Auto zu diesem Zeitpunkt nicht mehr: Der Prüfingenieur von der Dekra hat es heimlich – ohne Rücksprache mit Martina oder Fabian M. – abgekratzt. Seine Begründung lautet: Fabian müsse geschützt werden.

Nach längerem Hin und Her schlägt der Dekra-Abteilungsleiter für Prüfwesen der Mutter einen Vergleich vor: 6150 Euro bietet er in einem Schreiben vom 31. März an, das der AZ vorliegt. Im Gegenzug müsse sich Martina M. jedoch zum Stillschweigen verpflichten.

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So heißt es in der Vereinbarung, sie erkläre sich „einverstanden und verpflichtet sich insbesondere zur Vertraulichkeit bzgl. dieser Vereinbarung und zur Unterlassung weiterer Schritte gegen Dekra, seinem Prüfingenieur oder Dritten (wie z. B. Presseeinschaltung oder Strafanzeige)“.

Die Mutter beschließt jedoch, auf das Geld zu verzichten und die Vereinbarung nicht zu unterschreiben. „Das Verhalten der Beteiligten war unverantwortlich!“ Martina M. erwägt nun, ob sie Anzeige erstattet. „Für mich ist entscheidend, dass so etwas nicht wieder passiert und durch solche Mauscheleien noch jemand zu Schaden kommt.“

Die Mutter hat den BMW mittlerweile stilllegen lassen. Diese Woche wurde er abgeschleppt. Er steht nun auf einem Privatparkplatz.


Und das sagt die Dekra:

Die AZ sprach mit Martin Honold, dem Fachabteilungsleiter Prüfwesen von der Dekra in Planegg. Er hat den BMW mit einem Kollegen nachbesichtigt. Er bestätigte: „Mit den undichten Bremsleitungen war das Fahrzeug nicht verkehrstüchtig. Was die anderen Sachen wie Durchrostungen angeht: Da waren schon einige mit dem Hammer dran. So wie die in der Werkstatt da draufschlagen, so dürfte der Prüfer in der Hauptuntersuchung nicht vorgehen. Man muss schon fragen, was mit dem Auto in der Zwischenzeit passiert ist.“

Die Dekra in Planegg hat 58 angestellte Prüfingenieure. Dem Prüfingenieur K., der dem BMW eine neue Plakette gab, wirft Martin Honold kein Fehlverhalten vor. „Der Fall ist nicht so ganz eindeutig. Im Nachhinein ist das schwierig nachzuvollziehen“, meint der Chef der Prüfer. Herr K. sei ein „ganz unauffälliger Mann“, ihm sei noch nie etwas Negatives über ihn zu Ohren gekommen. Trotzdem müsse man „jetzt das ein oder andere Auto mal anschauen, dem er eine Plakette gibt“.

Auf die Frage, warum die Dekra Martina M. eine Summe von mehr als 6000 Euro angeboten hat, antwortete der Abteilungsleiter, dass so ein Vorwurf „ja auch belastend für den Kollegen“ sei. „Da will man auch Ärger abwenden. Wenn es zur Zivilklage kommt, zieht sich das hin. Das kostet auch was – nicht zuletzt auch unsere Arbeitszeit.“

Der Vergleich sei letztlich nicht zustande gekommen, weil Martina M.s Forderungen „uferlos“ gewesen seien. In ähnlichen Fällen würde das Fahrzeug zurückgekauft, und es gäbe eine kleine Unkostenpauschale.

Und warum verlangte die Dekra eine Verschwiegenheitserklärung? Dazu sagt Martin Honold: „Wenn man schon eine Summe zahlt, die deutlich über das Übliche hinausgeht, will man auch eine Gegenleistung. Wenn man so viel Geld zahlt und sie dann doch Anzeige erstattet, was habe ich da gewonnen?“    

 

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