Autobiographie „Freiheit muss weh tun“ Hans Söllner rechnet mit dem bayerischen Staat ab

Heiligabend wird Hans Söllner 60 Jahre alt – und wird dies mit einem Konzert in der Muffathalle feiern. Foto: Bernhard Müller

„Freiheit muss weh tun“, weiß Hans Söllner aus Erfahrung und stellt am Montag seine Autobiographie im Volkstheater vor.

München - Alkohol hat er erst im Alter von 44 Jahren angerührt, er ist extrem heimatverbunden, und seinen Lebenstraum formuliert er so: „Ich wollte ein konservatives Leben unter möglichst kreativen Umständen führen.“ Eigentlich also hätte aus dem Söllner Hans ein Lieblingskünstler der CSU werden können – aber ganz so ist es ja dann doch nicht gekommen. Denn der Söllner sagt halt gern, was er denkt, und statt drei Maß Bier in sich hineinzuschütten, baute er sich lieber einen Joint.

Und weil dieser Mann, der menschenverachtende Äußerungen von Politikern schon immer kritisiert hat, und die bayerischen Innenminister und Ministerpräsidenten im Besonderen, sich nicht klein kriegen lassen wollte, begann der Staat einen Krieg gegen den Künstlerrebell.

Der Staat kämpft gegen Hans Söllner

Obwohl die Details der Endlosposse „Der Staat gegen Hans Söllner“ sattsam bekannt sind, muss man beim Lesen von Söllners neuer Autobiographie „Freiheit muss weh tun“ immer wieder den Restglauben an manche Politik verlieren. Die endlosen Hausdurchsuchungen und Stasi-mäßigen Überwachungen seiner Konzerte, die offenen Drohungen und vor allem der Einsatz von Unmengen von Beamten gegen einen bayerischen Rebell mit Gitarre sind vollkommen surreal unverhältnismäßig. Es wäre fast eine Satire, wenn das Ziel nicht so ernst gewesen wäre: die Vernichtung von Söllner Existenz.

Über ein Dutzend Jahre später, nach unzähligen Prozessen und Revisionen, ist Söllner zwar 300.000 Euro ärmer, aber ungebrochen. Der bayerische Staat hat ihm gewissermaßen ein Denkmal gebaut, auch wenn das nicht unbedingt in der Absicht verbohrter Staatsanwälte lag. Nachzulesen sind Söllners Beleidigungen nun „aus Dokumentationszwecken“ in aller Ausführlichkeit, sie stellen aber „keine aktuellen Meinungsäußerungen“ des Autors dar, wie es in schönstem Juristendeutsch auf der letzten Seite des Buches heißt. Es war letztendlich Söllners zweite Frau, die ihn überzeugte, das schwer erspielte Geld besser in ein Haus für die Familie als in die bayerische Staatskasse zu investieren.

Der Journalist Christian Seiler hat lange Gespräche mit Söllner geführt und dieses Buch im Originalton Söllners aufgeschrieben. Ja, der Künstler ist bisweilen störrisch, pubertär, ordinär und für andere schrecklich schwierig – allerdings weiß er das selbst auch am besten. In ihren eindringlisten Augenblicken erinnern die Milieuschilderungen aus der ärmlichen Kindheit an die Unmittelbarkeit von Andreas Altmanns Altöttinger Suada „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“.

Denn auch der Heiligabend 1955 in Bad Reichenhall geborene Söllner fährt schweres Geschütz auf: Die Mutter wollte den Hans eigentlich abtreiben, der Vater war häufig betrunken und tobte aggressiv durch das eine Zimmer, in dem die gesamte Familie wohnte, während die Mutter nur noch mit „Ich geh ins Wasser“ drohte. Da aber ist man erst auf der dritten Seite von Söllners Lebenserinnerungen. Aber weil das Kind in der Natur seinen Frieden findet und früh lernt, mit sich selbst auszukommen, übersteht er auch die zeitweilige Familienhölle. Ins Leben aber schlittert er eher so hinein.

Erst als er Gitarre spielen lernt, entdeckt er sein Talent, andere zu unterhalten. Weniger mit der Musik, als mit seinen skurrilen Geschichten. Seine musikalischen Helden hießen damals noch Bob Dylan und Johnny Cash. Die Erweckung kam im Jahr 1982, als der Automechaniker Söllner die Ventile eines Zwölfzylinder-Jaguars neu einstellen musste: Wie immer nutzte er die Musikanlage des zu reparierenden Wagens, und der Jaguarbesitzer hatte eine Bob-Marley-Kassette im Auto. Der Reggae veränderte Söllners Leben. Dass er erst ein Jahr nach dem Tod des schon zu Lebzeiten weltweit legendären Musikers von diesem hörte, erstaunt. Andererseits hatte Söllner auch schon ein paar Jahre den Kleinkunstbühnenhit „Marihuanabam“ im Programm, ohne von dessen „Früchten“ genascht zu haben. Auch das sollte sich bald ändern.

Eine Musikkassette veränderte sein Leben

„Die Kassette aus dem fetten Jaguar war im Endeffekt dafür verantwortlich, dass ich zum Rastafari wurde und endlich begann Marihuana zu rauchen“, schreibt Söllner. Der Aufstieg zum umjubelten Bayaman ist eine wunderbare Künstlergeschichte mit ehrlichen Einblicken ins Musikgeschäft. Söllner hat viel Lehrgeld zahlen müssen, ehe er bei Eva Mair-Holmes und Achim Bergmann vom Giesinger Trikont-Verlag einen sicheren Hafen fand.

Nicht nur die Freiheit tut weh, wie es im Titel anklingt, auch das Leben selbst schmerzt. Söllner schildert bewegend den Tod der Schwester, die jung an Krebs starb, seine Freundschaft mit einem ebenfalls an Krebs erkrankten Fan. Er verlor einen Freund aus Bosnien, den er mitsamt der Familie als Flüchtling bei sich aufgenommen hatte. Überhaupt sind es oft die leisen Stellen, die Söllners Buch so eindringlich machen. Mit fast 60 Jahren ist Söllner ruhiger geworden, aber er hat sich nicht verbiegen lassen. Das ist angesichts des Widerstandes, den er aushalten musste, eine bemerkenswerte Lebensleistung.


Hans Söllner stellt mit Christian Seiler „Freiheit muss weh tun“ (Knaus, 316 Seiten, 19,99 Euro) am Montag um 20 Uhr im Volkstheater vor
Karten: 15 Euro.

An seinem 60. Geburtstag, dem 24. Dezember 2015, spielt Hans Söllner mit Bayaman’ Sissdem um 21.30 Uhr in der Muffathalle
Vorverkauf 25 Euro

 

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