Auszüge aus ihrem neuem Buch Tamara und Helmut Dietl: Eine Liebe bis ganz zum Schluss

Filmreife Kulisse: Am 26. April 2002 heiraten Tamara und Helmut Dietl in Venedig. Ein gutes Jahr später kommt Tochter Serafina zur Welt. Foto: Privat

Das erste Kennenlernen, das Sterben daheim: Helmut Dietls Witwe Tamara hat ein Buch über ihr Leben mit dem Star-Regisseur geschrieben. Die AZ druckt Auszüge aus dem sehr persönlichen Werk. Was er sich am letzten Weihnachtsfest wünscht – und wie er dem Palliativteam mit Humor begegnet.

 

München - Als Helmut Dietl († 70, „Kir Royal“, „Rossini“) am 30. März 2015 seine Augen für immer schließt, ist seine Frau Tamara (51) nah an seiner Seite. Wie auch davor, in den vielen guten Tagen und den schlechten, seit diese Achterbahn des Bangens und Hoffens angefangen hat.

Die Diagnose lautete: Lungenkrebs. Für Tamara, die als Sinn- und Werte-Coach arbeitet, war sofort klar, „dass wir die Krankheit gemeinsam tragen“. Am Dienstag erscheint ihr großartiges Buch „Die Kraft liegt in mir“ (btb Verlag). Es ist ein sehr persönlicher Einblick in ihr Leben mit dem Star-Regisseur – bis ganz zum Schluss. Es rührt zu Tränen und schenkt gleichzeitig Hoffnung. Hoffnung, dass man zusammen alles schafft. Auch das Sterben.

Die AZ zeigt Auszüge des Buches

Dieses Buch war nicht geplant. Im Gegenteil. Dieses Buch ist vielmehr das Ergebnis eines langen Lernprozesses während einer großen Krise. Und es ist zugleich das Ergebnis ihrer Bewältigung. Eine Krise ist mehr als ein Problem. Eine Krise ist ein Ausnahmezustand. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass die vertrauten Bewältigungsstrategien, die man bisher für das Lösen von Problemen parat hatte und die einem immer weitergeholfen haben, jetzt nicht mehr zur Verfügung stehen.

Das Schreiben dieses Buches hat mir geholfen, neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln und neue Ressourcen in mir zu entdecken. So wie es jedem Menschen immer wieder möglich ist, neue Ressourcen in sich selbst zu entdecken, die uns stark machen können. Die Strategien und Ressourcen, die ich in mir fand, haben mir viel Kraft gegeben und mir geholfen, eine Krise zu überwinden, die zu den größten Krisen meines Lebens gehört. Innerhalb von einem Jahr habe ich meine Mutter und meinen Mann verloren. Beide starben an Krebs.

Meine Erfahrungen haben mich gelehrt, dass ein gelingendes Leben nur dann möglich ist, wenn ich das Leben in seiner ganzen Bandbreite annehme. Mit all seinen Höhen und Tiefen. Mit seinen Licht- und Schattenseiten. Und deshalb macht es für mich auch keinen Sinn, sich eine Krise schönzureden oder noch schlimmer – über sie zu klagen. Ich bin ja nicht auf die Welt gekommen, um zu jammern. Und schon gleich gar nicht, wenn ich das schicksalhafte Glück habe, in diesem priviligiertem Teil der Welt geboren zu sein.

Ich bin auf die Welt gekommen, um etwas Sinnvolles aus meinem Leben zu machen. Meinem Leben Sinn zu geben. Im Denken und vor allem auch im Handeln. Und so kann es durchaus Sinn machen, das Beste aus einer Krise zu machen, wenn man sie schon hat. Für mich stellt sich aus diesem Grunde auch nicht die allgemeine, so unendlich abstrakte Frage nach dem Sinn des Lebens. Sondern sehr konkret nach dem Sinn meines Lebens. Und zwar immer wieder neu – in jeder konkreten Situation. Auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gibt es für mich eine klare Antwort: Der Sinn des Lebens ist das Leben. Oder anders ausgedrückt: Ich lebe, weil ich geboren bin.

Ich kann mich noch sehr gut an jenen heißen Abend im Sommer 1997 erinnern, als ich ihm zum ersten Mal begegnet bin. Es war eine Begegnung der Blicke. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Irgendeine Medienfirma hatte zu einem Empfang ins Kölner Wasserturm-Hotel geladen. Ich sah Helmut inmitten von wahlweise sehr aufgeregten oder sich anbiedernden Schauspielerinnen, Agentinnen oder anderen wichtigen Damen der Filmwelt.

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Es war eine Szene wie aus Helmuts Filmen, und er verkörperte sein eigenes Klischee. Ganz in Weiß gekleidet saß er da, rauchte eine Zigarette nach der anderen und strahlte eine leicht melancholische Genugtuung aus, die mich sehr rührte. Immer wieder schaute er zu mir herüber, und ich schaute zurück. Irgendwann ging ich, weil mich diese Szenerie zu langweilen begann. Als wir uns drei Monate später wiedersahen, war Helmut überrascht. „Warst du nicht die, die im Wasserturm-Hotel immer so mitleidig zu mir rübergeschaut hat?“ „Ja“, sagte ich. „Das war ich.“ „Und warum bist du nicht zu mir gekommen?“, wollte er wissen. „Ehrlich gesagt, das war mir zu banal“, antwortete ich. „Wenn du unbedingt gewollt hättest, hättest ja auch du zu mir kommen können.“

Sechs Tage später trafen wir uns zum Abendessen. Natürlich wieder im Romagna Antica. Was er denn nun so Dringendes von mir gewollt hatte, fragte ich ihn. „Ich will mit dir nach Paris“, sagte er, griff in seine Jackentasche und holte seinen Kalender heraus. „Wann hättest du denn Zeit? Nächste Woche?!“ „Wieso willst du mit mir nach Paris?“, fragte ich. „Wir können natürlich auch erstmal in getrennten Zimmern schlafen“, beantwortete er auf bemerkenswert charmante Weise meine Frage.

Pause. Immer noch Pause. „Also... äh...“, stotterte er nun mit deutlich spürbarer Verunsicherung in der Stimme. „Ich meine... äh... also... wenn du willst, kannst du natürlich noch eine Nacht über meinen Vorschlag schlafen.“ Pause. „Ich werde noch eine Nacht darüber schlafen“, sagte ich schließlich. „Aber nicht allein.“ Wir tranken noch ein Glas Wein und machten uns auf den Weg. Auf den Weg in unsere zweite erste Nacht. Am nächsten Morgen wachte ich selig auf und zog mich an. Helmut blieb im Bett liegen, schaute mir dabei zu und fragte: „Wohin gehst du?“ „Nach Hause“, antwortete ich. „Aber du bist doch zu Hause.“ Er hatte recht. Vier Wochen später zog ich zu Hause ein.

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In den fünf Monaten, die uns noch blieben, habe ich das Sinnvollste getan, was ich in meinem Leben je getan habe. Mit Ausnahme der Geburt unserer Tochter Serafina. Leben zu geben ist genauso sinnvoll, wie einen geliebten Menschen zu begleiten, wenn er das Leben wieder verlässt. Es ist schwer zu sagen, wann Helmuts Sterben begann. Vielleicht begann sein Sterben schon zu jenem Zeitpunkt, als wir noch glaubten, ihm sei ein Etappensieg über die Krankheit gelungen, weil der Tumor kleiner geworden war und die Lymphmetastasen verschwunden waren. Vielleicht war das bereits die Zeit, in der unsichtbar für die hypermodernen Geräte der Hightech-Medizin das Wachstum der Knochenmetastasen begonnen hatten. Jener Metastasen, die am Ende seine Wirbelsäule und sein gesamtes Becken befallen hatten.

Wir haben viel geredet in diesen Tagen. Über uns, über Serafina und über das Leben – aber nicht über das Sterben. Helmut vermied das Thema ganz bewusst, jedenfalls empfand ich es so. Und es fiel mir nicht schwer, das zu akzeptieren. Denn einerseits war mir selber in dieser Zeit um Weihnachten herum nicht danach, über den Tod zu sprechen, und andererseits schwang er ja auch immer mit, wenn wir vom Leben sprachen. Nur indirekter, behutsamer, ja, auch zartfühlender, wenn man so will.

Heiligabend wurde schön. Auch ohne Tannenbaum und Gänsebraten. „So kann man Weihnachten doch auch schön feiern“, sagte ich zu Helmut, als wir im Bett lagen. „Ja“, antwortete er. „So kann man es auch feiern.“ Und nach einer kleinen Pause sagte er: „Es war der letzte Heiligabend, an dem ich dabei war.“ „Ja“, sagte ich leise. „Ich weiß.“ Dann schwiegen wir. „Weißt du, was ich mir von dir noch wünsche?“, sagte er nach einer Weile und nahm meine Hand in seine. „Was?“ „Kannst du mir versprechen, dass ich zu Hause bleiben kann und auf keinen Fall mehr in ein Krankenhaus muss, egal was passiert?“ „Ja, ich verspreche es dir.“ „Und dass du von jetzt an immer ganz nah bei mir bleibst?“ „Ja.“ „Und dass Fini und du... dass ihr trotzdem glücklich werdet... auch ohne mich? „Ja... versprochen.“

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Am Freitag, den 27. März 2015, kamen eine Ärztin und eine Krankenpflegerin des Palliativteams der Barmherzigen Brüder zu uns nach Hause. „Frau Doktor“, sagte Helmut. „Ich liebe keine Überraschungen. Ich verlange Klarheit und möchte wissen, was los ist. Das Schlimmste ist für mich, wenn man drum rumredet.“ „Sie befinden sich im fortgeschrittenen Sterbeprozess“, fuhr die Ärztin fort. „Und Sie liegen immer noch in Ihrem eigenen Bett. Möglicherweise wäre ein elektronisch verstellbares Krankenbett jetzt sinnvoller.“

„Das Gegenteil ist der Fall, Frau Doktor“, antwortete Helmut mit seinem wunderbar heiter-schnippischen Tonfall in der Stimme. „Klinikrequisiten kommen mir nicht ins Haus.“ „Aber das macht die Pflege unter Umständen leichter.“ „Aber mir das Sterben schwerer“, sagte Helmut und fing so herzlich an zu lachen, dass wir alle mitlachen mussten. Ich glaube, dass war der Moment, in dem die Ärztin und die Pflegerin begriffen, auf welche Weise ihr neuer Patient mit seinem Sterben umgehen wollte – selbstbestimmt und mit Humor, so wie er auch gelebt hatte.

 

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