Ausstellung zeigt Habseligkeiten von Flüchtlingen Bewegende Schicksale: Das war unsere Flucht

Eine neue Ausstellung zeigt Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und was sie mitnahmen. Foto: Daniel von Loeper/Jexhof

Eine neue Ausstellung zeigt Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten – und ihre Habseligkeiten.

Flüchtlingskrise, Flüchtlingsansturm, Flüchtlingswelle – es gibt kaum noch eine Nachrichtensendung, die ohne eines dieser Worte auskommt. Als wäre es neu, dass Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Als wären nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zwölf Millionen Frauen und Männer unterwegs gewesen, weil sie vertrieben wurden. Oder „ausgesiedelt“.

In der äußerst sehenswerten Sonderausstellung „Flucht. Flüchtlinge und ihre Habseligkeiten“ spannen die Kreativen vom Bauernhofmuseum Jexhof nun einen Bogen von 1945 bis heute: Sie zeigen, was Geflüchtete aus Pommern, dem Sudetenland, der DDR oder der CSSR mit auf ihre Reise in eine ungewisse Zukunft nahmen – und mit welchen Besitztümern die Menschen derzeit in Eritrea, Syrien oder Afghanistan nach Europa aufbrechen.

Kann man damals und heute gegenüberstellen? „Bei der Frage: ,Was nimmt man mit, wenn man flüchten muss?’ geht es um ein zutiefst menschliches Bedürfnis“, sagt Museumsleiter Reinhard Jakob. „Insofern lässt sich das schon vergleichen.“ Auch dem Betrachter wird eine Gemeinsamkeit sofort klar: „Viele, die nach dem Krieg aufbrachen, hatten Fotoalben dabei“, sagt Gestalterin Ruth Strähhuber. „Fotos waren sehr wichtig.“

Sie sind es geblieben. Denn wer sich heute auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer macht, hat in der Regel ein Handy dabei – mit Bildern von Familie und Freunden.

Insgesamt zeigt das Museum 23 Menschen, die im Landkreis Fürstenfeldbruck leben (oder dort gelebt haben) und ihre Habseligkeiten. 16 Protagonisten verließen ihre Heimat vor dem Jahr 2000, sieben danach.

Gefunden haben die Ausstellungsmacher sie über einen Aufruf in der Zeitung und Asyl-Helferkreise. „Und drei kamen über eine Kollegin, die bei einem Flüchtling Arabisch-Unterricht nimmt“, sagt Reinhard Jakob und lacht. Fünf Monate hat es gedauert, bis genug Teilnehmer gefunden waren und alle ihre Geschichte erzählt hatten. Ab Freitag ist das bemerkenswerte Ergebnis zu sehen.

Bauernhofmuseum Jexhof, 82296 Schöngeising, Di. bis Sa.: 13 bis 17 Uhr, So. und Feiertage: 11 bis 18 Uhr. Infos: jexhof.de

Ein Koffer als Erbe

Ein sperriger brauner Koffer ist alles, was die Eltern von Mechthild Ambrosy (* 1940) dabei haben, als die Familie bei der Evakuierung der Ostgebiete im Januar 1945 von Zoppot (heutiges Polen) aus in See sticht. Eigentlich hatten die Ambrosys mit der „Gustloff“ reisen wollen – doch kurz bevor das Unglücksschiff ablegt, überredet sie ein befreundeter Kapitän, lieber mit ihm zu fahren. Damit rettet er den Ambrosys das Leben: Die „Gustloff“ wird beschossen, sinkt und reißt 10 000 Menschen mit sich in die eisige Tiefe.

Die Ambrosys leben bald in der Fränkischen Schweiz, ihren Koffer müssen sie jedoch bei einer Freundin in Hannover zurücklassen. Stück für Stück schickt diese den Inhalt an die Geflüchteten. Als die Mutter von Mechthild Ambrosy stirbt, bekommt die Tochter den Koffer – ihr einziges Erbstück.

Datteln, Wasser, Zucker

Siraj Salih entkommt im Juni 2015 der Diktatur im nordostafrikanischen Eritrea. Ganz allein macht sich der 19-Jährige auf den Weg durch den Sudan, nach Libyen und von dort in einem Boot mit 500 anderen Flüchtlingen übers Mittelmeer. Nach fünf Monaten Flucht erreicht er Deutschland. Heute lebt er in einer Containerunterkunft in Eichenau.

Viel hat der junge Mann nicht auf seine gefährliche Reise mitgenommen – nur einen Rucksack mit Datteln, Wasser, etwas Zucker und einen weißen Kaftan. Dazu sein Handy und ein paar Zeugnisse. Die Dokumente sind alles, was er retten konnte. Telefon und Rucksack wurden ihm in Libyen abgenommen.

Entmutigt hat all das Siraj Salih nicht: Der 19-Jährige will so schnell wie möglich Deutsch lernen, einen Integrationskurs machen und Automechaniker werden.

 

 

 

 

Plüschtiere und Pflanze

Christa Geiger wird 1949 in Leipzig geboren. Ihr Vater ist Inhaber einer Baustoffwarenhandlung. Als er sich weigert, von der SPD in die SED zu wechseln, wird er enteignet – und schmiedet Fluchtpläne: Mit Hilfe eines früheren Kriegskameraden, der in der Eifel lebt, besorgt der Vater für seine Angehörigen fremde Pässe, die sie als „Westbürgerinnen“ ausweisen.

Im November 1951 kommen Christa, ihre Mutter und ihre Oma in der Eifel an, wo der Vater bereits auf sie wartet.

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Dabei haben die Frauen nicht viel. Denn Christas Mutter hat vorgesorgt: Was ihr besonders wichtig war, hat sie bereits vor dem Aufbruch an einen Schwager im Westen geschickt – Geschirr, Besteck, Tisch- und Bettwäsche, Fotoalben und sogar einen Ableger ihres Gummibaumes.

Auch Christas Spielsachen hat sie in Pakete gepackt und zur Post gebracht. So kann das kleine Mädchen seine drei heiß geliebten Teddybären in der neuen Heimat wieder in die Arme schließen.

Marienbild & Nähmaschine

Hans Dobner (*1937) wächst im Böhmerwald auf, nur wenige Kilometer östlich der bayerischen Grenze.

Als nach dem Krieg die ersten Sudetendeutschen „ausgesiedelt“ werden, geht seine Mutter unter die Schmugglerinnen: Mindestens acht Mal schleicht sie nachts über die tschechoslowakisch-deutsche Grenze, einen geflochtenen Korb auf dem Rücken. Darin transportiert sie, was ihr wichtig ist: eine Nähmaschine und das große ovale Marienbild, das ihr ein Onkel zur Hochzeit geschenkt hat.

Zwei Mal wird die mutige Frau festgenommen, zwei Mal kauft sie sich frei. Bei der offiziellen Aussiedlung 1946 nimmt die Familie noch eine Hochzeitstruhe von 1852 mit. Um den Wert des Möbels zu verschleiern, wird sie braun angestrichen. Nach der Ankunft im Kreis Fürstenfeldbruck legt der Vater die Bauernmalerei wieder frei.

 

Werkzeug und ein Spinnrad – zum Arbeiten

Walter Michetschläger ist 18 Jahre alt, als er in Kriegsgefangenschaft gerät. Im Juli 1945 wird er entlassen und kehrt in seinen Heimatort Filz im Böhmerwald zurück. Er darf nicht lange bleiben, die Zwangsmigration der Sudetendeutschen steht bevor.

Weil die Aussiedler offiziell nur 50 Kilo Besitz mitnehmen dürfen, bringen viele von ihnen ihre Habseligkeiten heimlich im Dunkeln über die Grenze und deponieren sie auf der bayerischen Seite in einem Gasthof.

Auch Walter Michetschläger und seine Familie werden „nachtaktiv“: Auf Hornschlitten transportieren sie ihre Habseligkeiten nach Hinterfirmiansreut: Werkzeug zur Holzbearbeitung und ein Spinnrad, beides soll ihnen in Zukunft ein kleines Einkommen sichern. Der Mutter sind ein Heiligenbild und das silberne Versehbesteck besonders wichtig, die jetzt im Jexhof ausgestellt sind.

Schild und Service

Maria Rüba (1919 – 1992) ist eine stolze Bauerstochter. Ihr Hof in Pollschitz (Sudetenland) befindet sich seit 1688 in Familienbesitz. Nach dem Krieg verlieren die Rübas 1946 ihr Anwesen und müssen ihr Dorf verlassen.

Auf die Flucht nimmt die Familie auch einige Statussymbole mit: edle Kaffee- und Speiseservices, Damastbettwäsche, Federbetten. Etliche Stücke nehmen die tschechischen Zollbeamten den Aussiedlern bei der Ausreise ab. Was sie jedoch nicht entdecken, ist das alte Erbhofschild (Foto links), das die Rübas abmontiert haben.

Zur Tarnung haben sie die Metallplakette unten an einer ihrer Reisekisten befestigt – selbstverständlich mit der unbeschrifteten Seite nach außen. Die Zöllner halten sie schlicht für einen Eisenbeschlag.

Ankunft ohne alles

Shabnams Familie stammt aus Afghanistan. Als die Taliban 1996 Kabul eroberten, flohen ihre Eltern in den Iran. Shabnam ist dort geboren. 2014 griff der Iran zugunsten von Assads Truppen in den syrischen Bürgerkrieg ein – und begann, im Land lebende Afghanen für seine Streitkräfte zu rekrutieren. Shabnams Brüder waren in akuter Gefahr, die Familie machte sich 2015 ein zweites Mal auf die Flucht.

Shabnam hat unterwegs alles verloren: Eine Tasche mit Fotos und Zeugnissen stürzte im Gebirge vom Rücken eines Maultiers in eine Schlucht. Was übrig blieb, musste sie bei der Fahrt übers Mittelmeer über Bord des Schlepperbootes werfen.

Nur das Abiturzeugnis

Als Student begrüßt Václav Snajdr (* 1947) (auf dem Foto in der Bildmitte) die Errungenschaften des Prager Frühlings: das Ende der Zensur, Reise- und Meinungsfreiheit. Die Niederschlagung durch die Warschauer-Pakt-Mächte 1968 ist für ihn ein Schock. Eine Einladung nach Schweden ermöglicht es ihm, die CSSR zu verlassen.

Zur Vorsicht nimmt er nur ein einziges Dokument mit: sein Abiturzeugnis. 1970 erkennt ihn die Bundesrepublik als Asylberechtigten an – nachdem er in seiner Heimat in Abwesenheit zu 15 Monaten Haft verurteilt worden ist.

Flucht im Kinderwagen

Im Januar 1945 müssen alle Deutschen das von der Roten Armee besetzte Sprottau (heutiges Polen) in Schlesien verlassen – auch die Familie von Gudrun Betschart (* 1938), die ursprünglich aus Dresden kommt. Die schwangere Mutter hüllt Gudrun und ihre zweieinhalb Jahre alte Schwester in mehrere Lagen Kleidung.

Die Kleine setzt sie in einen Kinderwagen, den Gudrun schieben muss. Die Mutter selbst zieht einen Leiterwagen mit dem Notwendigsten hinter sich her. Die wichtigsten Dokumente der Familie trägt Gudrun in ihrem Schulranzen auf dem Rücken. Als sie den Bahnhof erreichen, ist der letzte Zug gerade abgefahren. Die Flüchtlinge machen sich zu Fuß auf den 160 Kilometer langen Weg nach Dresden.

Unterwegs haben sie Glück: Sie erwischen einen Güterzug, der in die richtige Richtung fährt. Trotzdem dauert es zwei Tage, bis sie Dresden erreichen.

 

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