Aus für den Hugendubel am Marienplatz Der Kapitalismus siegt

Ende 2015 muss Hugendubel seine Filiale am Marienplatz räumen. Dann ziehen die Telekom und Büros dort ein. Foto: Petra Schramek

Noch ein Telefonladen mehr: Das Aus für den Hugendubel am Marienplatz macht den Innenstadt-Einheitsbrei noch fader

 

Wenn München ein Herz hat, wo schlägt es dann? Im Kunstareal, in den Biergärten, an der Isar, im Hofbräuhaus oder dort, wo Kurfürst Maximilian I. im Jahr 1638 die Mariensäule errichten ließ?

Der Marienplatz jedenfalls, inzwischen ganzjähriger Tummelplatz von Touristen aus aller Welt, die sich den Hals für das Glockenspiel verrenken, ist die erste Visitenkarte der Stadt. Auch deshalb ist die Nachricht von der Schließung der Hugendubel-Filiale eine Katastrophe.

Die Telekom wird ab 2017 dort prunken, wo zwei Generationen von Münchnern entspannt und angeregt in Büchern geblättert und die Zeit um sich herum vergessen haben. Ein Stück Stadtgeschichte, bald Schnee von gestern. Der neue Mieter ist potenter als die in vierter Generation geführte Münchner Bücherdynastie. So ist der Kapitalismus.

Geldadel verpflichtet zu nichts

Das Haus, das sich künftig mit dezenterer Fassade besser ins Stadtbild einfügen soll, gehört allerdings der Schörghuber-Gruppe, ein ebenfalls fest in München verwurzeltes Traditionsunternehmen mit Hotels, Brauereien und Immobilien. Und das verwundert doch sehr.

Wenn selbst Münchner Unternehmen das Zentrum der Stadt herzlich egal ist und sie es als reine Gewinnmaximierungsmaschine nutzen, dann ist der Weg in den Flagshipstore-Einheitsbrei überhaupt nicht mehr zu stoppen.

Die Stadt selbst vermietet ihre Ladenlokale im Rathaus oder dem Ruffinihaus weit unterhalb der marktmöglichen Miete und sorgt für ein letztes bisschen Vielfalt zwischen den Ketten und Mobilfunkläden. Sie tut dies aus einem Verantwortungsbewusstsein heraus, das eigentlich auch die Immobilienmilliardäre Münchens teilen müssten.

Eine Innenstadt ohne Konturen

Offenbar haben Nina und Maximilian Hugendubel bis letzte Woche noch gehofft, die von ihrem Vater 1979 gegründete Filiale weiterführen zu können. Die Telekom hatte wohl stärkere Argumente. Nun betrauern die Stadtpolitiker den Verlust von Tradition, machen können sie nichts – außer mit dem unsinnigen Spruch „Damit München München bleibt“ an eine heimelige Kuscheligkeit zu appellieren, die mit der Wirklichkeit im Boomtown München schon lange nichts mehr zu tun hat.

„Adel verpflichtet“ hieß es früher, Reichtum verpflichtet, müsste das für die Brauereibarone von heute bedeuten. Der nun tragisch verunglückte Augustiner-Chef Jannik Inselkammer hat sich vielfältig in München engagiert, ihm lag die Stadt am Herzen.

Auch die Schörghuber-Gruppe sieht sich eigentlich dem von Unternehmensgründer Josef Schörghuber eingeschlagenen Pfad des sozialen und kulturellen Engagements verpflichtet. Zwei Jahrzehnte nach dem Tod des Patriarchen fließen immer noch Millionen Euro in das Haus der Kunst und in Projekte für sozial benachteiligte Kinder.

Umso unverständlicher wirkt daher die Entscheidung, die Buchburg am Marienplatz zu schleifen und die schleichende Konturlosigkeit der Innenstadt zu beschleunigen.

 

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