Asylbewerber-Drama Syrer klettert auf Kran: Zugriff um 23.48 Uhr!

Ein Syrer hält die Einsatzkräfte in Atem... Foto: Feindt/dpa

Am frühen Morgen steigt ein Syrer (31) auf einen Baukran und droht, von dort oben zu springen. Er will, dass auch seine Frau und seine Kinder nach Deutschland kommen dürfen. Die Polizei sperrt die Straßen. Das AZ-Protokoll

 

München - Montagmorgen, kurz vor sieben: An der Wolfratshauser Straße in Obersendling klettert ein dunkelhaariger Mann in Jeans und weißem Hemd auf einen Baukran und bleibt auf dem Ausleger sitzen. Direkt über der Fahrbahn. Er wirft ein Bündel Papiere in die Tiefe. Es sind Kopien der Pässe seiner sieben Kinder. Denn um sie geht es dem Mann auf dem 27-Meter-Kran.

Er heißt Abdullatif A., ist 31 Jahre alt, stammt aus Syrien und verlangt, dass seine Familie ein Visum für die Bundesrepublik erhält – sonst, droht er, wird er in den Tod springen. Ein stundenlanger Nervenkrieg beginnt.

7.15 Uhr: Bauarbeiter haben die Polizei verständigt. 50 Ordnungshüter sind vor Ort. Wolfratshauser, Plinganser- und Boschetsrieder Straße sind weiträumig abgesperrt.

Als der Wind den Kranausleger in Richtung Westen bewegt, vermutet Abdullatif A., er solle gegen seinen Willen herunter geholt werden. Er zückt ein Messer und schlitzt sich die Brust auf. Das weiße Hemd färbt sich rot.

Die Feuerwehr rückt mit 30 Mann und einer Hebebühne an. Zwei Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams und ein Dolmetscher werden auf Höhe des Krans gebracht.

8 Uhr: Mittlerweile ist bekannt, dass A. am 19. oder 21.Juli nach Deutschland eingereist ist. Er war zunächst in der Erstaufnahmeeinrichtung an der Baierbrunnerstraße untergebracht und wohnt seit etwa einer Woche in der Bayernkaserne. Sein Asyl-Verfahren läuft seit 31. Juli.

„Dass er hier aufgrund des Bürgerkriegs in Syrien einen irgendwie gearteten Aufenthalt bekommt, ist klar“, sagt Elisabeth Ramzews, Leiterin des Sozialdienstes der Inneren Mission. Aber: „Wenn er nur ein Jahr bleiben darf, sieht es mit der Familienzusammenführung schlecht aus.“ Bekäme er für drei Jahre Asyl, könnte er seine Angehörigen zwar nachholen, der Papierkrieg dauert aber oft Monate.

Offenbar will der 31-Jährige mit seiner Selbstmord-Drohung ein schnelleres Wiedersehen erzwingen: Seine Frau und die sieben Kinder sind vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat ins ägyptische Kairo geflohen. Dort haben sie in der deutschen Botschaft ein Visum beantragt, das sie gleich ausgehändigt bekommen wollten. Doch im Auswärtigen Amt heißt es dazu nur: „Der Visumsantrag der Familie wird geprüft.“

Wie lange die Prüfung dauern wird, welche Erfolgsaussichten die Familie auf ein solches für 90 Tage geltendes Schengen-Visum überhaupt hat – das ist unklar. Dass A.s Kamikaze-Aktion das formale Verfahren in irgendeiner Weise beschleunigt oder beeinflusst, ist allerdings nicht anzunehmen.

9 Uhr: Vertreter der Regierung von Oberbayern treffen ein. Sie bieten dem jungen Syrer ein Gespräch an – allerdings müsse er dafür vom Kran steigen. Er lehnt ab. Die drei Männer auf der Hebebühne verhandeln weiter. „Wir werden alles versuchen, dass er gut runterkommt“, sagt Polizeisprecher Werner Kraus. Allerdings prüfe man dann auch rechtliche Konsequenzen. Mögliche Vorwürfe sind: Hausfriedensbruch, gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, Nötigung.

Die Feuerwehr stellt in der Plinganserstraße einen „Sprungretter“ bereit: Ein 4,5 mal 4,5 Meter großes, mit Planen bespanntes Gummigerüst, das sich innerhalb von Sekunden selbst aufbläst. Unter dem Kran postieren können die Männer es nicht: Der Ausleger ragt über ein Hausdach und mehrere Bäume.

11.40 Uhr: Abdullatif A. läuft ans äußerste Ende des Auslegers. Es sieht aus, als wolle er springen. Er tut es nicht.

13.30 Uhr: Die Helfer in der Hebebühne binden ein Handy am Krangestänge fest. Der Syrer will seinen Anwalt anrufen und anschließend aufgeben. Er telefoniert – und bleibt auf dem Kran. Bei sengender Hitze, ohne Wasser.

16 Uhr: Abdullatif A. sitzt noch auf dem Kran, mittlerweile auf dem Führerhaus.

16.30 Uhr: Er klettert kurz ins Führerhaus, scheint zu schlafen. Aber nicht lange. Drinnen ist es zu heiß. Er kommt wieder ins Freie.

18.30 Uhr: Der Asylbewerber verharrt nach wie vor oben und weigert sich zu trinken. "So etwas gab es in München noch nie", sagt ein Polizeisprecher.

18.55 Uhr: Gerüchten zufolge haben die Behörden versucht, mit der Familie von Abdullatif A. Kontakt aufzunehmen. Ergebnis: unbekannt.

19.30 Uhr: Der Feierabendverkehr ist vorüber - und A. hockt immer noch auf dem Kran. Wen der Mann alles mit seinem Handy angerufen hat, weiß offiziell keiner. Sicher ist: Er hat mit seinem Anwalt gesprochen.

19.40 Uhr: Die Polizei hat eine Nachrichtensperre verhängt. Tim Wessling, unser Reporter vor Ort, weiß mehr, als wir derzeit veröffentlichen dürfen.

21.00 Uhr: A. krabbelt wieder fast auf die Spitze des Krans, ruft etwas Unverständliches und winkt. Per Handy verhandeln will er offenbar nicht. Seit 14 Uhr gibt es keinen Kontakt mehr. Polizei und Feuerwehr sind ratlos und stellen sich auf einen sehr langen Abend ein. Wir berichten.

21.40 Uhr: "Ein ganz mulmiges Gefühl. Dort oben sitzt Weltpolitik", twittert AZ-Reporter Tim Wessling, der weiter vor Ort ausharrt.

22.05 Uhr: Wenn's gut läuft, schläft der völlig erschöpfte Mann bald ein und kann sicher heruntergebracht werden.

22.10 Uhr: Inzwischen ist Abdullatif A. seit mindestens 15 Stunden dort oben. Ohne Wasser und ohne Essen.

22.42 Uhr: Das SEK macht sich bereit, setzt Helme auf. Das ist es, was seit Stunden geplant war und die Medien nicht öffentlich machen sollten. Der Mann auf dem Kran soll überrascht werden - und überleben.

22.52 Uhr: Das SEK setzt seine Kletterspezialisten ein. Dramatische Szenen spielen sich vor Ort ab. Noch ist die Situation unklar.

22.59 Uhr: Unser Reporter hat derzeit keine freie Sicht auf das Geschehen. Er berichtet von gespenstischer Ruhe. Konnte das SEK den Mann überwältigen?

23.09 Uhr: Die wenigen anwesenden Journalisten müssen derzeit in einem abgesperrten Bereich bleiben. Darüber wacht ein ziemlich großer SEK-Beamter.

23.14 Uhr: Was wir wissen: Die SEK-Kräfte haben große armbrustähnliche Geräte dabei, mit denen sich Stahlseile abschießen lassen. Mit Fanghaken.

23.17 Uhr: Es läuft offenbar nicht gut! Der Mann hat sich im Führerhaus des Krans verschanzt. Wahnsinn.

23.30 Uhr: Ein Drama ohne Ende. Der erste Anlauf wird möglicherweise abgebrochen. Die Nacht ist noch lang.

23.48 Uhr: Es soll plötzlich sehr laut sein, berichtet unser Reporter vor Ort. Metall klirrt. Der Dolmetscher schreit.

23.51 Uhr: Nach AZ-Informationen hat das SEK den Mann auf dem Kran überwältigt. Er ist nicht gesprungen, hat überlebt. Das - verhältnismäßig - gute Ende eines langen Tages.

23.54 Uhr: Ein Notarzt kommt.

23.57 Uhr: Der Mann liegt noch auf dem Dach des Führerhauses, in 27 Metern Höhe. Zwei SEK-Beamte mit Leuchten auf dem Kopf beugen sich über ihn.

0.08 Uhr: Abdullatif A. hat erheblichen Widerstand geleistet, ein SEK-Beamter ist verletzt, wird vom Notarzt behandelt. Der Asylbewerber ist nach wie vor auf dem Kran.

0.13 Uhr: A. wird mit der Hebebühne heruntergebracht, die Hände auf den Rücken gefesselt.

0.16 Uhr: Der Mann wehrt sich noch immer nach Kräften, wird von der Polizei stärker fixiert und auf den Bauch gelegt.

0.35 Uhr: Entwarnung: Der SEK-Mann hat sich nur leicht am Knie verletzt.

1.10 Uhr: Der nach über 17 Stunden ohne Flüssigkeit völlig dehydrierte Asylbewerber wird medizinisch versorgt. Wie es mit ihm weitergeht, klärt sich in den nächsten Tagen. Auf ihn dürften mehrere Anzeigen zukommen, unter anderem wegen Nötigung, Hausfriedensbruch und gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr. Wir berichten.

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