ARD-Krimi am Sonntag "Schwanensee": Die AZ-Kritik zum Münster-Tatort

Ein Bild für Götter: Boerne und Thiel strampeln auf einem Schwanen-Boot über den Aasee in Münster. Foto: dpa

Münsters "Tatort"-Duo sucht den Mörder einer schönen Frau unter Neurotikern und Irren. Die AZ-Kritikerin meint: Münster ist sowieso Psychiatrie pur - und genau das ist es, was wir daran lieben.

 

Münster – Am Grund des Swimmingpools liegt die Leiche der schönen Mona Lux. Gewichte halten sie unter Wasser. Der Blick geht starr an die Wasseroberfläche. Noch gespenstischer wird die Eingangsszene des neuen Münster-"Tatort"-Krimis nur durch den jungen Mann (mit großartig reduziertem Spiel: Robert Gwisdek), der stoisch über ihr seine Bahnen zieht. Er ist ein Autist, wie sich später herausstellen wird. Auch sein Blick ist starr, entrückt, durch nichts aus seinen Abläufen zu bringen.

Ihr aktueller Fall führt Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und den Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) sehr nah an den Wahnsinn: In einem Therapiezentrum für psychisch Kranke suchen sie nach dem Mörder einer Femme fatale. Neben dem klassischen "Wer hat's getan" rückt die "Tatort"-Folge auch weitere Fragen in den Mittelpunkt: Was ist noch Genialität und was ist schon Wahnsinn?

Und: Wer ist hier eigentlich irre?

Boerne jedenfalls steht in seiner ersten Szene in voller Tauchmontur auf dem Trockenen. Atmet ein, atmet aus, übt schon einmal für den Urlaub, in den er bald entschwinden möchte. Eigentlich. Pedantisches Arbeitstier, das er ist, lässt er die Urlaubspläne kurzerhand sausen, als seine Assistentin "Alberich" (ChrisTine Urspruch) ein starkes Narkotikum im Blut der Pool-Leiche findet. Freitod sieht anders aus.

Und so tauchen die Münster-Ermittler ein, in die Welt der Neurotiker und Psychotiker, die im Haus Schwanensee, einer Art Luxuspsychiatrie, Unterschlupf gefunden haben: Kommissar Thiel und Kollegin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) Kraft ihres Amtes, um den Fall zu lösen. Boerne zwängt sich eher auf - ist er doch, wie so oft der Auffassung, ohne ihn sei der Fall schlicht nicht zu lösen. Fest steht: Ohne ihn wäre es nur halb so unterhaltsam.

Das Setting für die Scharmützel zwischen den besten Feinden Thiel und Boerne könnte besser nicht sein. Thiel ist schlecht gelaunt, Boerne übermotiviert - und das zwischen all den Wahnsinnigen. Auf Kosten der Bewohner des Hauses macht der Film seine politisch unkorrekten Witze, überzeichnet die dort lebende Nymphomanin, den Zwangsneurotiker und die Seifenopern-liebende Beziehungsgestörte liebevoll und urkomisch.

Die vielen geschickt gelegten Spuren führen schnell auch hinaus aus der Wohlfühl-Klinik hinein in einen irren Steuersumpf. Da sind ein verliebter Italiener mit Geldsorgen und ein freiwilliger Helfer mit fragwürdigem Interesse für seine Patientinnen. Nicht zuletzt müssen Thiel und Krusenstern erst einmal mehr über die Tote herausfinden: Sie ist ein Phantom ohne Adresse und Familie.

Das Urteil von AZ-Kritikerin Ponkie

Unsere beiden „Tatort“-Clowns Thiel und Boerne aus Münster, der Proll und der Bildungs-Snob, stets ineinander verkeilt im Klassenkampf zwischen Standesdünkel und Straßenköter-Charme – sie müssen von den Drehbuchautoren mit immer neuen Extra-Spinnereien angefüttert werden, denn der Münster-Tatort ist Psychiatrie pur. Der Ober-Psycho Boerne lässt sogar seinen Urlaub sausen, um in einer Anstalt für Verhaltensgestörte die Reflexe eines Autisten zu studieren. Der Autist hat beim Schwimmen die Leiche im Swimmingpool nicht bemerkt.

Der Autist (Robert Gwisdek) ist ein auf Zahlen fixiertes Rechengenie (idealer Verwendungszweck beim Fang von Steuerhinterziehern!) und erweitert den Stadtneurotiker-Stall in Münster um ein weiteres Edelexemplar der „Tatort“-Stammesgeschichte. Die Details der Münsteraner Verbrechensstatistik sind dem Zuschauer sowieso längst wurscht – er hält sich an sein Thiel-Boerne-Kasperltheater mit Polizist und Krokodil (Friederike Kempter als Staatsanwältin!) – und wenn der Professor Boerne schreien würde „seid’s alle da?“, schreien wir brav: „Jaaa!“

 

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