Angeklagt wegen fahrlässiger Tötung Fahrdienstleiter: „Habe große Schuld auf mich geladen“

, aktualisiert am 10.11.2016 - 17:46 Uhr
Der Angeklagte Michael P. vor Gericht. Er hat seine Schuld eingeräumt. Foto: dpa

Beim Prozessauftakt wegen fahrlässiger Tötung in zwölf Fällen räumt der Angeklagte ein, Fehler gemacht zu haben. Weil er falsche Signale gegeben hatte, sind im Februar zwei Züge ineinander gerast.

 

Traunstein - Seine Lippen sind aufeinandergepresst, seine Arme hält er fest verschränkt vor den Oberkörper. Michael P. atmet schwer, als er gegen 8.45 Uhr in den Saal 33 im Landgericht Traunstein geführt wird und im Blitzlichtgewitter der Fotografen steht. Neun Monate nach dem schweren Zugunglück von Bad Aibling muss sich der 40-jährige Fahrdienstleiter der Deutschen Bahn seit gestern wegen fahrlässiger Tötung von zwölf Menschen und fahrlässiger Körperverletzung von 89 Menschen verantworten. „Ich habe große Schuld auf mich geladen“, sagt er gleich zu Beginn der Verhandlung.

Michael P. arbeitete seit fast 20 Jahren als Fahrdienstleiter, mit Zulagen verdiente er rund 3000 Euro brutto im Monat. Am Faschingsdienstag, dem 9. Februar 2016, soll er während seiner Arbeit im Stellwerk von Bad Aibling mit seinem Handy ein Online-Spiel gespielt haben - und dies nicht zum ersten Mal.

Der Staatsanwalt verliest die Namen aller Todesopfer

Laut Anklage war Michael P. durch das Spielen so abgelenkt, dass er in kurzer zeitlicher Abfolge mehrere Fehler machte. Er gab falsche Signale, verrutschte beim Nachschauen auf einem Plan und schickte dadurch die beiden einander entgegenkommenden Züge aus und nach Rosenheim auf die eingleisige Strecke zwischen Kolbermoor und Bad Aibling.

Als er seinen Fehler bemerkte, setzte Michael P. noch zwei Notrufe ab, machte aber auch dies falsch. 36 Sekunden, bevor der Zug von Holzkirchen nach Rosenheim mit sechs Waggons und der Zug von Rosenheim mit drei Waggons zusammenkrachten, setzte er den ersten Notruf ab. Hätte er nicht den falschen Knopf gedrückt, hätte „die Kollision vermieden werden können“, so die Anklage.

Mit gesenktem Blick hört sich Michael P. an, wie Oberstaatsanwalt Jürgen Branz die Anklage verliest. Er nennt alle Namen der getöteten Männer und schildert sämtliche Verletzungen von 89 Überlebenden. „Der Unfall ist ausschließlich auf die pflichtwidrige Handlungsweise des Angeschuldigten zurückzuführen. Die Überprüfung des gesamten Systems ergab keinen Hinweis auf eine anderweitige Unfallursache“, sagt der Staatsanwalt.

Michael P: „Ich werde das genauso mit mir rumtragen“

Wenige Minuten später steht Michael P. auf. Er wendet sich an die Angehörigen und deren Anwälte im Saal. Unter ihnen sind die Eltern von Yannik (18), der nur knapp überlebte. Erst vor 14 Tagen wurde der Azubi erneut operiert – zum sechsten Mal.

„Ich weiß, dass ich da große Schuld auf mich geladen habe“, beginnt Michael P. „Ich kann es nicht rückgängig machen, auch wenn ich es mir wünschen würde. Ich weiß, dass die Angehörigen großes Leid erfahren haben. Ich glaube, dass sie das noch lange mit sich rumtragen werden. Ich werde das genauso lange mit mir rumtragen. Ich möchte Ihnen sagen, dass ich in Gedanken bei ihnen bin und ich hoffe, dass Sie das aufarbeiten können.“

Für den Rest des Tages sagt der 40-Jährige im Prozess nichts mehr. Seine Anwälte Thilo Pfordte und Ulrike Thole räumen „Sorgfaltspflichtverletzungen“ ihres Mandanten ein. Fragen des Gerichts wolle er beantworten, allerdings wolle er sich nicht zu seiner Handynutzung äußern. „Inwieweit dies zum Unglück geführt hat, wird im weiteren Verfahren geklärt werden“, sagt die Anwältin.

Das Handy und wie intensiv Michael P. damit spielte, spielt eine zentrale Rolle im Prozess. Erst zwei Monate nach dem Unfall kam heraus, dass Michael P. bis kurz vor dem Zusammenstoß der Züge das Online-Spiel „Dungeon Hunter 5“ gespielt hatte.

Ein Polizist der Kripo Rosenheim erklärt, dass die Kripo das Smartphone am Unglückstag um 12.20 Uhr sichergestellt hatte. „Es hatte nur noch wenig Akku.“

Schädelhirntraumata, innerliches Verbluten und Amputationen Experten des Landeskriminalamtes nahmen das Handy unter die Lupe, entdeckten die App des Spiels und schickten es an den Entwickler. Dieser lieferte der Polizei sekundengenaue Protokolle alle Spiel-Aktionen am Unglückstag.

Die neuen Erkenntnisse führten zum Haftbefehl, am 14. April, wenige Tage vor seinem ersten Hochzeitstag, wurde Michael P. festgenommen. Der Beamte, der ihn festnahm, sagt: „Er hat erklärt, dass er das Spiel kenne, dass er sein Handy aber seitlich im Raum abgelegt gehabt habe.“ Seine Frau habe versucht, ihm beizuspringen. „Sie meinte, es könnte doch auch sein, dass das Handy gehackt wurde und jemand anderes damit gespielt hat“, so der Polizist.

Als letzter Zeuge am ersten Tag sagt der Rechtsmedizin-Professor Matthias Graw aus. Er berichtet, woran die zwölf Todesopfer starben – darunter Schädelhirntraumata, schwerste Polytraumata, innerliches Verbluten und amputierte Unterschenkel. Zwei Männern hatte es beim Aufprall das Herz zerrissen. Michael P. reibt sich immer wieder die Augen.

Der Prozess wird am Montag fortgesetzt.

 

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