Andreas L. war psychisch auffällig Co-Pilot flugtauglich: Fehler von Lufthansa?

Andreas L. soll die Germanwings-Maschine mit 149 weiteren Menschen an Bord absichtlich abstürzen haben lassen. Foto: dpa/AZ

Auf der Suche nach Erklärungen für die Flugzeug-Katastrophe steht weiterhin die Flugtauglichkeit des Co-Piloten im Fokus. War es ein Fehler, Andreas L. trotz seiner überstandenen Depression weiter auszubilden?

Hannover - Nach den bisherigen Erkenntnissen zur Erkrankung des Co-Piloten an Bord des Germanwings-Flug 4U9525 werden Fragen nach Systemschwächen bei den Piloten-Eignungstests gestellt. Die Lufthansa hat bekanntgegeben, dass der Andreas L. die Airline bereits 2009 während seiner Ausbildung über eine "abgeklungene schwere depressive Episode" informiert habe.

Braucht die Luftfahrt neue psychologischen Tests für Piloten?

Ja und nein - sogenannte Psycho-Tests sind die Norm bei den meisten Airlines zu Beginn der fliegerischen Ausbildung, um die psychische Stabilität des Kandidaten zu ergründen. Sie finden in der Regel beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln statt. Wie bei allen anderen Menschen gibt es aber auch im Leben von Piloten Höhen und Tiefen, die regelmäßige Tests nur bedingt entdecken können. Dennoch ist nach Ansicht von Experten die Frage berechtigt, das bisherige System auf den Prüfstand zu heben, um mögliche Schwachstellen zu entdecken. In der Welt der Fliegerei ist das "Debriefing" - die nach einem Flug oder Ereignis einsetzende konstruktive Manöverkritik - fester Bestandteil des "Glaubensbekenntnisses" der Piloten-Branche.

War es ein Fehler, den Germanwings-Co-Piloten trotz seiner überstandenen Depression weiter auszubilden?

Es gibt keine rechtliche Handhabe, sobald der Flugschüler ein gültiges Tauglichkeitszeugnis von einem Facharzt vorlegt. Denn der wird sich genau anschauen, ob die Folgen der Erkrankung die Fliegertauglichkeit beeinträchtigen oder nicht. Durch einen entsprechenden Vermerk wird er gegebenenfalls Nachfolge-Untersuchungen anordnen. Viele Ausbilder werden allerdings in solchen Fällen beim Training sogar besonders genau auf mögliche Schwachstellen eines solchen Schülers achten. Bei Lufthansa und ihrer Tochter Germanwings erachtete man Andreas L. weiterhin als flugtauglich.

Warum äußern sich so wenig andere Airlines zu ihrer Praxis?

Der Verdacht eines Pilotensuizids - bestätigt oder nicht - lastet schwer auf der Branche. Einige Piloten fühlen sich mittlerweile schon unter Generalverdacht. Er belastet weltweit das Kernelement des Airline-Transportgeschäfts: das Vertrauen der Passagiere. Viele von ihnen haben bereits beim Besteigen des Flugzeugs eine potenzielle Grundangst und das Gefühl des Ausgeliefertseins. Keine Fluggesellschaft will daher auch nur indirekt in die Nähe des Absturzes in den Alpen gerückt werden. Denn noch mehr als beim Straßen- oder Schienenverkehr müssen Passagiere der Cockpit-Crew in der Luft Vertrauen entgegenbringen.

Könnte eine Meldepflicht bei Depressionen das Problem lösen?

Viele Experten bezweifeln das. Denn eine derartige Pflicht könnte Piloten dazu bewegen, anders als bisher medizinische Hilfe zu meiden und ihre Probleme zu verheimlichen.Arbeitsmediziner weisen zudem darauf hin, dass nur einige wenige psychische Erkrankungen auf Dauer von der Flugtätigkeit ausschließen - das Krankheitsbild ist extrem vielschichtig. Zudem könnte eine solche Meldepflicht das auf Vertraulichkeit basierende Arzt-Patienten-Verhältnis zudem nachhaltig schädigen, so die Befürchtungen.

 

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