Andere Seite der Partyzone Betroffene Anwohner: Wir Kinder vom Wiesn-Bahnhof

Über zwei Wochen Ausnahmezustand: Viele Anwohner leiden unter den Wiesn-Besuchern. Foto: Anja Perkuhn/AZ

Sie leben da, wo andere feiern – zwei Wochen im Ausnahmezustand. Wie geht es den Anwohnern beim Oktoberfest? Die AZ hat sich umgehört.

 

München - Um die meisten Grünflächen an den Häusern neben der Wiesn sind Zäune gezogen oder Planen oder beides – bis zum 3. Oktober flanieren hier Hunderttausende Menschen entlang, die sich mäßig im Griff haben. Die AZ hat mit Anwohnern gesprochen. Während eines Gesprächs biegt ein Mann mit zwei Jungs in Lederhosen um die Ecke und lässt sie an eine Hecke an der St.-Pauls-Kirche pinkeln. Ansichten von der anderen Seite der Partyzone.


Wohnen Sie auch am Festplatz und hatten unerfreuliche Wiesn-Begegnungen – oder an einem anderen Ort? Schreiben Sie uns unter dem Betreff "Wiesn-Ärger" an leserforum@az-muenchen.de

Das mobile Reiniungsteam der Stadt kann übrigens von 8 bis 10 Uhr angefordert werden unter Tel. 233-82810

"Letztens lag ein Haufen da"


Für die Kinder von Katrin Freiburghaus und Marco Mader sind die Wiesn-Besucher "die Bekloppten". Fotos: Anja Perkuhn

"Es wird viel uriniert vorm Haus, ach, jetzt auch gerade: da, eine Mutter mit ihrer Tochter. Wir haben hier eine Arztpraxis und eine Anwaltskanzlei, die machen halt auf, wenn’s klingelt. Samstagnacht lag ein Haufen im Flur, so halb an der Wand. Eine Anwaltsgehilfin hat den Typen dazu rausbegleitet, der konnte kaum stehen.

Letztes Jahr hatten wir unser Zelt nach dem Sommerurlaub gewaschen und zum Trocknen auf dem Dachboden stehen.

Irgendwer hat vergessen, den Dachboden abzuschließen – am nächsten Tag hatte offensichtlich jemand darin übernachtet. Das würde ich mir ja noch gefallen lassen, aber wie sie’s hinterlassen haben! Es war definitiv reingepinkelt. Den Rest konnte und wollte ich nicht einwandfrei zuordnen – da war alles drin, was so rauskommen kann.

Unseren Kindern haben wir das erklärt, muss man ja. Dem Großen haben die Leute riesige Angst gemacht. Er hat nicht verstanden, was mit denen los ist. Er nennt sie jetzt 'die Bekloppten'. Damit kann ich leben: Wenn man um 16 Uhr schon so betrunken ist, dass man nicht stehen kann, ist das bekloppt." Katrin Freiburghaus, 34

"Ich schließe mich ein"


Jana Dornseifer schaltet nachts die Türklingel ab.

"Ich wohne erst seit drei Monaten hier, bin von einem 100.000-Einwohner-Ort im Rheinland an den St.-Pauls-Platz gezogen. Ich dachte, die Wiesn wäre etwa so wie der Karneval in Köln – das kenne ich ja. Aber der Kölner Karneval ist nicht so schlimm wie das. Alle sind so unfassbar betrunken, obwohl das Bier so teuer ist! Ich mache nachts immer die Klingel aus und schließe mich in der Wohnung ein – und ignoriere das Rascheln im Garten die ganze Nacht." Jana Dornseifer, 20

"Es ist zwei Wochen wie im Gefängnis"


Gerlinde Albers meidet die Wiesn seit 30 Jahren.

"Als Sie gerade geklingelt haben, wollte ich Ihnen schon eins mit dem Brett geben vor den Kopf. Es reicht mir langsam wirklich, hier klingelt ständig jemand, bis mitten in die Nacht. Aber weil auch drei Mal täglich der Pflegedienst kommt, kann ich die Türglocke nicht einfach abstellen.

Seit 30 Jahren gehe ich nicht mehr zur Wiesn, weil es da nur noch darum geht: fressen, saufen, kotzen, kacken, bumsen. Mehr ist das nicht mehr. Einige hier im Haus vermieten während der Wiesn ihre Wohnung an Besucher weiter. Die vergessen dann auch mal den Schlüssel und klingeln mitten in der Nacht überall. Oder sie kotzen in den Flur. Oder sie bumsen da vorn bei den Briefkästen.

Letzte Nacht bin ich extra aufgestanden, weil ich dachte, da weint ein Kind. Es war dann aber ein junger Mann, der eine Frau an die Wand gedrückt hat und mit ihr Sex hatte. Ich bin ja auch kein Kind von Traurigkeit, aber die habe ich dann gefragt: ,Könnt ihr das nicht zu Hause tun?’

Seit 1960 gehört mir diese Wohnung, und es ist mit jedem Jahr schlimmer geworden. Aber ich kann hier nicht weg. Die Miete woanders könnte ich nicht mehr bezahlen. Sonst ist es hier auch sehr ruhig. Und das ist doch mein Zuhause! Hier mit meinem kleinen Garten an der Terrasse. Da steigen sie mir aber eigentlich auch jede Nacht über den Zaun, heute waren wieder zwei drin. Ich traue mich gar nicht mehr, die Rollos oben zu lassen.

Die anderen alten Mieter und ich, wir zählen immer die Tage, die die Wiesn noch dauert. Ich war, seit die Wiesn am Samstag losging, nicht mehr draußen: Vor der Tür mit meinem Rollator überrennen die mich einfach. Es ist hier für mich für zwei Wochen wie im Gefängnis. Wir wünschen uns jedes Jahr von den Wiesnwirten: ,Werdet noch teurer! Dann kommt nächstes Jahr vielleicht keiner mehr!’" Gerlinde Albers, 79

"Zur Wiesnzeit ist die Kirche ein Dixi-Klo"

"Es schlafen das ganze Jahr über immer mal wieder Leute auf den Treppen der St. Paul-Kirche, aber zur Wiesn ist es ganz schlimm. Die Kirche ist da für viele einfach eine Toilette, wie ein großes Dixi-Klo, vor allem für Männer.

Letztes Jahr und dieses Jahr ist es um die Wiesn schon etwas ruhiger gewesen, aber es ist immer noch sehr viel. Ich wohne mit meiner Familie auch hier in der Nähe; geklingelt hat noch niemand. Aber gerade hat uns jemand nachts die Scheibenwischer vom Auto abgerissen. Wir haben natürlich schon über Zäune an den Grünflächen um die Kirche herum nachgedacht. Aber sie soll ja immer offen bleiben für die Menschen." Mitarbeiterin der Gemeinde St. Paul

"Stressig ist Bahnfahren"


Katharina K. lebt seit 2010 in der Schwanthalerstraße.

"Beim Umzug in die Schwanthalerstraße vor sieben Jahren dachte ich: Zwei Wochen im Jahr, das wird schon nicht so schlimm. Inzwischen fahren wir aber zumindest einen Teil der Zeit weg. Im Erdgeschoss unseres Hauses ist eine Kneipe, die während des Oktoberfests eine Sonderlizenz hat, auszuschenken, solange Menschen da sind. Die springen dann bis spätnachts auf den Bänken, und wir hören selbst in der dritten Etage noch genau, welche Lieder sie singen.

Stressig ist für mich vor allem, dass ich mit meinen beiden kleinen Kindern die U-Bahn von der Theresienwiese benutzen muss. Bei den ganzen Leuten habe ich immer Angst, dass, wenn einfach mal etwas knallt, gleich Panik da unten ausbricht.

Es klingelt auch schon mal einer nachts an der Tür, im letzten Jahr lag morgens einer vor dem Haus. Blöder für mich ist aber eigentlich, dass der Spielplatz an der Theresienwiese der ist, wo wir immer hingehen. Da liegen dann nachmittags die Leute mit Flaschen in der Hand und schlafen ihren Rausch aus. Das müsste nun wirklich nicht sein. Bevor ich die Endprodukte der Wiesn gesehen habe, die da jeden Tag an unserem Haus vorbeikriechen, hatte das Fest für mich mehr Zauber. Aber wenn man mittendrin ist, ist es schon auch immer noch schön." Katharina K., 41

"Er klingelte um 3:15 Uhr, wollte einen Schlafplatz"

Bevor wir in die Nähe der Theresienwiese gezogen sind, hatte ich noch mehr Bedenken über den Lärm und die Menschenmassen mit all ihren Abgründen zur Wiesnzeit. Mit geschlossenem Fenster bekommen wir aber kaum etwas mit – obwohl, meine Frau würde das nicht ganz unterschreiben.

Die letzten Jahre haben wir unseren Urlaub in die Wiesn-Zeit gelegt. Dieses Jahr hat sich das durch die Geburt unseres Sohnes verschoben. Direkt am ersten Wochenende hat es nachts um 3:15 Uhr plötzlich geklingelt. Zunächst dachten wir, unsere Nachbarn bräuchten Hilfe, die haben auch einen Neugeborenen. Vor der Wohnungstüre war aber nichts zu sehen. Es klingelte immer weiter, da haben wir aus dem Fenster gesehen und da stand ein sturzbetrunkener Wiesenbesucher, der an der Haustüre rüttelte und alle Klingeln des Hauses drückte. Immer und immer wieder. Er rief: "Can you take me?" – er wollte wohl einen Schlafplatz in Wiesennähe. Er hörte erst auf, nachdem wir und weitere Nachbarn per Sprechanlage und aus dem Fenster auf ihn eingeredet hatten." Hannes Fritz

AZ-Kommentar: Kotze und Blut - Die Wiesn von ihrer schlimmsten Seite

 

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