Analyse einer Wissenschaftlerin Kurzdeutsch als neuer Trend: "Ich lauf Bahnhof"

"Treffen wir uns Bahnhof?" - das ist teilweise unter Jugendlichen und Erwachsenen schon zur Umgangssprache geworden. Foto: dpa

Immer mehr Menschen sprechen in unvollständigen Sätzen. Eine Sprachwissenschaftlerin analysiert den Trend.

 

Berlin - "Kommst du nachher eigentlich mit Kino?" Zucken Sie bei dieser Frage auch erst einmal zusammen? Vermissen Sie auch dieses kleine, aber wichtige Wörtchen "ins"? Dann gehören Sie zu denjenigen, die noch Wert auf vollständige Sätze legen. So viel Zeit muss doch sein, werden Sie jetzt vielleicht sagen.

Es gibt aber immer mehr Menschen, die an Worten sparen wollen. Schnell soll’s gehen und cool will man sein. Die Sprachwissenschaftlerin und Buchautorin Diana Marossek hat dem Phänomen der unvollständigen Sätze nun einen Namen gegeben: Kurzdeutsch.

Was ist Kurzdeutsch?

Damit beschreibt die Sprachwissenschaftlerin aus Berlin verkürzte Sätze im allgemeinen Sprachgebrauch. Sie hat zu dem Thema bereits ihre Doktorarbeit verfasst, jetzt hat sie ein Buch dazu veröffentlicht. Beim Kurzdeutsch werden der Artikel oder die Kombination aus Präposition und Artikel weggelassen. Heraus kommen Sätze wie „Ich bin noch Büro“ oder „Er hat Tor geschossen“.

Woher kommt diese Sprechweise?

„Als Entstehungsfaktor für das Weglassen von Artikeln und Präpositionen sehen sprachwissenschaftliche Studien den Einfluss des Türkischen“, erklärt Melanie Kunkel aus der Dudenredaktion. Im Türkischen gibt es nämlich keine Artikel oder Präpositionen. Zudem kommt Kurzdeutsch hierzulande auch in regionalen Dialekten vor. Berliner sagen zum Beispiel durchaus: „Ich bin auf Arbeit.“

Haben auch Soziale Medien Einfluss darauf?

Ja. „Wenn es stark auf Kürze ankommt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass solche Strukturen eine Rolle spielen“, erklärt Ludwig Eichinger. Er ist der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache. „Da sind Geschwindigkeit und Zeichenzahl wichtig. Da lässt man weg, was nicht unbedingt nötig ist.“ Unabhängig davon, ob man mit Freunden oder etwa der Mutter chattet.

Wer spricht so?

Den vermeintlichen Fehler machen laut Autorin Marossek inzwischen längst nicht mehr nur Migranten, sondern Deutsche aus allen sozialen Schichten. Auch Lehrer und Akademiker, sagt die Sprachforscherin.

Aber warum?

Ein Grund ist laut Experten ein ganz einfacher: „Das liegt auch daran, dass solche Ausdrücke zitiert werden, wenn sich jemand jugendlich geben will“, erklärt Eichinger vom Institut der Deutschen Sprache. „Nicht bloß bei jungen Leuten mit Migrationshintergrund, sondern auch bei deutschen Muttersprachlern, die sich jugendlich geben wollen.“

Marossek hat noch einen anderen Grund parat: Sie hat inkognito Schüler und Lehrer an Berliner Schulen beobachtet – oder besser gesagt: belauscht. Sogar im Lehrerzimmer hat sie solche Sätze gehört wie: „Welches Kino geht ihr denn?“ – „Wir gehen Titanium.“

Ihr Fazit: „Je verbreiteter diese vereinfachte Art zu sprechen unter Jugendlichen ist, desto mehr Einfluss übt sie nach und nach auf Erwachsene ohne Migrationshintergrund aus, die beruflich oder anderweitig viel mit ihnen zu tun haben.“ Sprich: „Die Lehrer nehmen das natürlich dann mit nach Hause und so verbreitet sich das.“

Aber auch bei Behördengängen habe sie Verkürzungen gehört, schreibt die Autorin in ihrem Buch „Kommst du Bahnhof oder hast du Auto?“ Was ihr dabei aufgefallen ist: „Seltsamerweise sah kein Mensch einen Anlass, derlei verkürzte Sätze zu korrigieren.“

Reden wir bald alle so?

Marossek hält verschiedene Szenarien für möglich: Das Kurzdeutsch verschwindet wieder, es bleibt ein Phänomen einer Generation – oder zumindest Teile davon nisten sich dauerhaft in der Umgangssprache ein. Vor allem Letzteres hält die Berlinerin für wahrscheinlich.

Wie sollten Eltern reagieren ?

Wenn Jugendliche plötzlich nur noch in verkürzten Sätzen reden, sollten Eltern das erstmal gelassen sehen. „Über die Sprache grenzen sich Jugendliche von ihren Eltern ab“, sagt Dana Urban von der Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke). Urban empfiehlt Eltern, das als Lebensphase anzusehen – jede Jugendgeneration habe ihre eigene Sprache. „Gleichzeitig sollten Eltern aber auch auf die Grenzen achten und diese im Miteinander auch einfordern“, sagt die Sozialpädagogin. Jugendliche wissen, dass es ein Unterschied ist, ob sie salopp mit ihren Freunden sprechen oder ob sie gegenüber Erwachsenen einen Wunsch äußern.

Beispiele für Kurzdeutsch

„Guck mal Rucksack. Da muss es drin sein.“

„Wo ist Formular?“

„Verstehst du Text?“

„Nee, aber ich gehe dann Döner.“

„Schlimmer als Kindergarten. Man denkt, ihr kommt Klapsmühle.“

„Mir egal, wie ihr wollt, ich geh erst mal Klo.“

„Kein Problem, ich geh mal kurz Netto.“

„Kommst du mit Schule?

„Ach was, ich lauf Bahnhof.“

Zum Buch: Diana Marossek: „Kommst du Bahnhof oder hast du Auto?“, Hanser Berlin, 15,90 Euro.

 

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