An Küste angespült Totes Flüchtlingskind hieß Aylan - Foto schockt die Welt

Ein Foto, das um die Welt geht: Der kleine Bub ist vor der türkischen Küste ertrunken. Foto: dpa

Mitten in der Zuspitzung der Flüchtlingskrise setzt ein totes dreijähriges Kind die Europäische Union zusätzlich unter Druck. Sogar David Cameron sagt, er könne gar nicht anders, als bewegt zu sein.

 

Berlin - Das Foto eines toten Kindes am Strand gibt dem Flüchtlingselend auf einmal einen Namen: Aylan, drei Jahre alt, geflohen aus dem syrischen Kobane, ertrunken im Mittelmeer, angespült an einem Strand in der Türkei.

Die internationale Öffentlichkeit reagierte am Donnerstag mit Entsetzen auf die Aufnahmen, die am Mittwoch in Bodrum entstanden waren. "Jeder, der letzte Nacht diese Bilder gesehen hat, konnte gar nicht anders, als bewegt zu sein", sagte Großbritanniens Premierminister David Cameron. Großbritannien nimmt innerhalb der EU derzeit vergleichsweise wenige Flüchtlinge auf. Cameron sagte der BBC zwar, das Land werde "mehr tun" - Einzelheiten nannte er jedoch nicht. Das Echo auf das Bild von Aylan könnte den Druck auf Europas Regierungen aber verstärken.

In den sozialen Netzwerken empörten sich viele Menschen über die Tatenlosigkeit der westlichen Staaten. "Ich möchte nur noch weinen", war ein typischer Kommentar bei Twitter. "Wenn dieses Bild die Welt nicht verändert, haben wir alle versagt", schrieb eine Nutzerin.

Die türkische Fotografin Nilüfer Demir hat das Bild gemacht: "Als ich den dreijährigen Aylan Kurdi gesehen habe, gefror mir wirklich das Blut in den Adern. In dem Moment war nichts mehr zu machen." Sie habe nichts mehr für ihn tun können. "Das einzige, was ich tun konnte, war, seinem Schrei - dem Schrei seines am Boden liegenden Körpers - Gehör zu verschaffen. Ich dachte, das könnte ich nur schaffen, indem ich den Abzug betätigte. Und in diesem Moment habe ich das Foto geschossen. Hundert Meter weiter lag sein Bruder Galip am Boden."

Auch Aylans Bruder Galip, fünf Jahre alt, und die Mutter der Jungen, Rehan Kurdi, sind tot. Vater Abdullah Kurdi erzählte unter Tränen von seinem Kampf, seine Familie vor dem Ertrinken zu retten. Hohe Wellen hätten das Boot zum Kentern gebracht. "Ich half meinen beiden Söhnen und meiner Frau und versuchte mehr als eine Stunde lang, mich am gekenterten Boot festzuhalten." Als er nach drei Stunden von der Küstenwache gerettet worden sei, seien alle drei tot gewesen.

Die Medien gingen unterschiedlich mit der Aufnahme um. Einige zeigten das Kind mit abgewandtem Kopf, andere frontal mit verpixeltem Gesicht. Wieder andere Zeitungen und Portale zeigten es gar nicht.

"So ein Bild trifft direkt ins Herz und direkt in unsere Psyche", sagte Psychologe Michael Thiel. "Das sagt viel mehr über das Elend von Flüchtlingen aus als jedes Gefasel von Politikern und anderen Leuten. Es macht deutlich: Es sind nicht nur irgendwelche abstrakten Flüchtlingskrisen." Ein unschuldiges Kind habe aufgrund der Zustände sterben müssen. "Und das ist etwas, was keinen Menschen kaltlässt."

Den Deutschen Presserat in Berlin erreichten am Donnerstag zunächst zehn Beschwerden. "Und wir erwarten noch mehr in dem Zusammenhang", sagte die Pressesprecherin des Selbstkontrollorgans der Printmedien, Edda Eick. In erster Linie gehe es bei diesen Beanstandungen um die Achtung der Menschenwürde und Sensationsberichterstattung.

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Medienethiker Prof. Alexander Filipović sprach sich gegen Forderungen aus, das Bild generell zu bannen. Es zeige in einzigartiger Weise die Dramatik der Krise und die Unmenschlichkeit, die damit verbunden sei. "Die Realität ist komplex und die Leiden sind vielfältig. Und wenn es tatsächlich so ein Bild gibt, in dem das aufgefangen werden kann, dann kann es angezeigt sein, das Bild zu verwenden."

Fotos von entsetzlichen Folgen des Krieges waren in der Vergangenheit nicht selten ein Politikum. Die Bilder der neunjährigen Vietnamesin Kim Phúc, die splitternackt vor Napalm flieht, wurden 1972 Symbol für die Kämpfe in Vietnam. "Ich glaube, dass diese Fotos einen enormen Beitrag dazu leisteten, den Krieg in Vietnam zu beenden", hatte der vietnamesische Staatspräsident Truong Tan Sang kürzlich gesagt.

 

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