Altstadt Kahlschlag am Marienhof: Naturschützer-Aufstand

„Eine Katastrophe“: Stephan Braunfels, Architekt des Marienhofs, sieht im Juni zu, wie die Schnurbäume abtransportiert werden. Foto: Mike Schmalz

„Ein Massaker an Bäumen und Hecken!”: Das Desaster um die Stammstrecke hat nicht nur Steuergelder vernichtet, sondern auch ein Stück Natur.

München -  „Das waren die schönsten Bäume der Welt – eine Katastrophe für die Münchner Bürger!“ Architekt Stephan Braunfels, der einst den Marienhof mit chinesischen Schnurbäumen begrünen ließ, ist empört.

Die zweite Stammstrecke mit ihrem Bahnhof unter dem Marienhof wird wohl nicht zu finanzieren sein – die 38 Bäume mussten trotzdem weichen. „Da hat man ohne Sinn und Verstand die Bäume versetzt. Jetzt ist das wieder der hässlichste Platz der Stadt“, zürnt Braunfels.

Sauer ist auch Rudolf Nützel, Geschäftsführer des Bund Naturschutz München: „Hier wurde in vorauseilendem Gehorsam Naturzerstörung betrieben.“ Er rät, öfter mal auf die Naturschutzverbände zu hören. „Das spart Geld.“

„Erstmal abholzen – und dann nachdenken.“

Gewalt gegen Bäume bringt Ex-Stadtrat Bernhard Fricke traditionell auf die Palme: „Dumm, dümmer, am dümmsten – so pfeifen es die Spatzen vom Marienhof, die durch die sinnlose Rodung der Ligusterhecken ihre Nistplätze und Aufenthaltsorte verloren haben“, sagt er zur AZ. Für die Verantwortlichen gelte offenbar die Devise: „Erstmal abholzen – und dann nachdenken.“

Als am 6. Juli die Entscheidung gegen die Olympischen Winterspiele in München fiel, war der Marienhof längst plattgemacht. Dabei hatte es im Stadtratsbeschluss vom 13. April noch geheißen, dass möglichst wenige Bäume vor der Entscheidung über die Vergabe der Winterspiele 2018 verpflanzt werden“.

„Die Bäume sind hin!“

Fricke schäumt: „Bei diesem neuerlichen Baum- und Hecken-Massaker, wie schon einmal bei den Schrannen-Bäumen, wird erschreckend deutlich, wie gering der Wert von Bäumen und Sträuchern geschätzt wird, die unendlich vielen Käfern, Vögeln und anderen Insekten Lebensraum bieten und den Stadtbewohnern Freude schenken.“

Im Gegensatz zu den Hecken wurden die chinesischen Schnurbäume – benannt nach ihren Samen, die wie an einer Perlenschnur aufgereiht sind – nicht abgeholzt. Sondern ausgehoben und in die städtische Baumschule nach Allach verpflanzt. Dort sollen die beim Abtransport stark beschnittenen Bäume wieder aufgepäppelt werden.

„Die Bäume sind hin“, schimpft Stephan Braunfels, „20 Jahre haben sie gebraucht, um so groß zu werden“. Wie es den Bäumen tatsächlich geht, ist ungewiss. Aus „Sicherheitsgründen“ wollte das Baureferat die AZ nicht zu einem Ortstermin lassen.

Dass die Schnurbäume wieder in ihre Marienhof-Heimat zurückkehren, hält eine Sprecherin für ausgeschlossen. Wohin sonst? Da stehe noch nicht fest.

Ein neuer Schandfleck droht

Sollte bis Ende des Jahres die Finanzierung der zweiten Stammstrecke nicht gesichert sein, wird laut Stadtratsbeschluss vom April die Neugestaltung des Marienhofs in Angriff genommen. Das heißt: Das Loch hinterm Marienplatz, in dem Archäologen derzeit nach Stadtresten graben, wird wieder zugeschüttet. Im November sind die zwei Millionen teuren Ausgrabungen fertig. Dann sollte nahtlos mit dem Bau der zweiten Stammstrecke begonnen werden – eigentlich.

Jetzt ist zu befürchten, dass während des langwierigen Tauziehens um die Finanzierung der umgrabenene Acker hinter dem Marienplatz zum neuen Schandfleck der Stadt verkommt. Stephan Braunfels klagt: „Wir hatten eine Oase mitten in der Stadt – bis der Platz wieder so wird, wie er war, dauert es mindestens 20 Jahre!“

 

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