"Alle im Kopf leer" WM-Aus: Wut und Frust bei deutschen Handballern

Enttäuschung pur bei den deutschen Handballern nach der Niederlage gegen Katar. Foto: dpa

Das vorzeitige WM-Aus hat die seit einem Jahr anhaltende Euphorie um Handball-Europameister Deutschland erheblich gedämpft. Der Verband will den Weg an die Weltspitze dennoch konsequent weitergehen - nur mit wem?

 

Paris - Nach dem abrupten WM-Ende schwankte die Stimmung bei den frustrierten deutschen Handballern zwischen Wut und Enttäuschung. Der unerwartete Rückschlag im WM-Achtelfinale setzte den vor einem Jahr als Europameister gefeierten Bad Boys mächtig zu. "Ich bin gnadenlos enttäuscht. Wir hatten uns vorgenommen, Weltmeister zu werden", redete Torhüter Andreas Wolff nach der 20:21-Pleite gegen Katar Klartext.

Und er ließ auch an den Schiedsrichten kein gutes Haar, vermutete gar eine Verschwörung: "Letztendlich ist auch klar, was ein bisschen unerwartet kam, dass Ähnliches stattgefunden hat wie 2015 - was damals als einmalige Sache aufgenommen worden ist. Dass die Mannschaft aus Asien doch mehr oder weniger deutlich bevorzugt wurde", echauffierte sich der Torhüter. Bei der WM in Katar war Deutschland auch wegen einiger zweifelhafter Entscheidungen am Gastgeber gescheitert.

In der 58. Minute wurde Holger Glandorf hart gefoult, bei der anschließenden Abwehraktion gegen Paul Drux kam der verteidigende Spieler aus dem Kreis. Die Referees ahndeten diese Vergehen allerdings nicht und entschieden stattdessen auf Stürmerfoul von Drux. Katar kam in Ballbesitz, Capote erzielte im folgenden Angriff den schlussendlich entscheidenden Treffer zum Sieg.

Der scheidende Bundestrainer Dagur Sigurdsson war nach dem vorzeitigen Ende seiner Erfolgsära bedient. "Es ist mit Abstand die größte Enttäuschung. Natürlich hätten wir uns alle mehr vorgestellt", räumte der Isländer ein. Das unvollendete Werk des 43-Jährigen sollen nun entweder Christian Prokop oder Markus Baur weiterführen.

"Mit der Trainersuche werden wir uns jetzt intensiver beschäftigen, nachdem die WM für uns gelaufen ist", kündigte DHB-Vizepräsident Bob Hanning an. Spätestens bis zum 1. Juli soll die Nachfolge geregelt sein. "Wir werden uns jetzt in aller Ruhe hinsetzen, wir haben keine Eile", sagte Hanning.

Den herben Rückschlag nahm er - zumindest äußerlich - relativ gelassen hin. "Ich habe immer gesagt, dass wir Zeit brauchen, etwas Großes aufzubauen. Dabei haben wir jetzt schon eine olympische Bronzemedaille und EM-Gold geholt. Von daher ist der Schnitt nicht so verkehrt", verwies Hanning auf die Erfolge des Vorjahres.

Für die Spieler war dies nur ein schwacher Trost. "Das ist ein bitterer Rückschlag für uns als Mannschaft. Wir sind alle im Kopf leer, hatten uns das ganz anders vorgestellt", erklärte Kreisläufer Patrick Wiencek. Rückraumspieler Paul Drux beschrieb die Stimmungslage mit drastischen Worten: "Das ist ein total beschissenes Gefühl."

DHB hält an ambitionierten Zielen fest

EM-Held Wolff legte den Finger in die Wunde. "Wir wollten in dieser Halle das Halbfinale gegen Frankreich spielen, aber vielleicht waren wir mit den Köpfen zu weit in der Zukunft. Wenn man nicht mit positiven Emotionen dabei ist, sondern Angst hat und sich nur Gedanken darüber macht, was wäre wenn, dann passieren solche Fehler, wie wir sie die gesamte Zeit gemacht haben", schimpfte der Kieler.

Zum Abschied erlaubte er sich jedoch einen zuversichtlichen Blick nach vorn: "In zwei Jahren haben wir wieder die Chance, Weltmeister zu werden. Da haben wir das Publikum im Rücken." Das bittere Aus gegen Katar, dass die DHB-Auswahl trotz einiger fragwürdiger Schiedsrichterentscheidungen in der Schlussphase selbst verschuldet hatte, soll die Bad Boys auf dem Weg zum angestrebten Olympiasieg 2020 nicht stoppen.

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"Wenn man die Struktur und das Alter der Mannschaft anschaut, glaube ich, dass sie eine gute Zukunft hat. Ich hoffe, die Jungs lernen aus solchen Spielen und kommen gestärkt wieder", erklärte der für die WM reaktivierte Routinier Holger Glandorf.

Trotz des überraschenden WM-Ausscheidens hält der DHB an seinen großen Zielen fest. "Eine WM-Medaille im eigenen Land und Olympiagold in Tokio waren immer das Ziel, davon wird keinen Millimeter abgewichen", sagte Hanning: "Wir müssen jetzt arbeiten, arbeiten, arbeiten." 

Dagur Sigurdsson soll am Rande des All-Star-Games in Leipzig am 3. Februar offiziell verabschiedet werden. Der Isländer habe für den deutschen Handball "Herausragendes" geleistet. "Er hat uns ein neues Selbstwertgefühl gegeben. Dafür können wir ihm unfassbar dankbar sein", sagte Hanning.

Unter Sigurdsson, der das Amt des Bundestrainers im August 2014 übernommen hatte, holte Deutschland im vergangenen Jahr den EM-Titel und Olympia-Bronze.

 

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