Aktueller gegen Ex-Trainer TSV 1860 vs. St. Pauli: Grundverschiedener Traditionalismus

Vitor Pereira, Trainer von 1860 München. Foto: Guido Kirchner/Archiv/dpa

Am Samstag kommt es zum Zweitliga-Duell der Kult-Klubs TSV 1860 und FC St. Pauli. Beide Vereine kämpfen sich gerade aus der Krise. Was sie verbindet, was sie unterscheidet.

 

München - Löwen gegen Kiez-Kicker, Blaue gegen "Boys in Brown", Traditionsverein gegen Traditionsverein. Den TSV 1860 und den FC St. Pauli einen etliche Merkmale, während andere gegensätzlicher nicht sein könnten – und sich manche Gemeinsamkeit zum Leidwesen der Sechzger in Luft aufzulösen droht.

Am Samstag (13 Uhr, Sky überträgt live) treffen sich beide Klubs am 23. Zweitliga-Spieltag zum direkten Duell in der Allianz Arena. 1860-Trainer Vitor Pereira und Ex-Löwen-Coach Ewald Lienen haben das gleiche Ziel: Beide wollen einen Dreier einfahren und beide würden sie gerne schnellstmöglich aus dem Tabellenkeller entfliehen.

Während 1860 dabei ganz neue, unbekannte Wege geht, bleibt sich Pauli treu: Sportliche Ausgangslage, Selbstverständnis, Spielstätte – die AZ zieht den Vergleich.

Umgekehrtes Krisenmanagement:
Feuern versus Festhalten heißen die Stichworte. 1860 ist nach zwei Jahren existenziellen Abstiegskampfs mit Neu-Trainer Kosta Runjaic, dazu Rückkehrer Stefan Aigner und Transfercoup Ivica Olic ambitioniert wie lange nicht in die Saison gestartet. Einstelliger Tabellenplatz, eventuell nach oben schielen, so die Ziele. Es folgte der Absturz. Und der übliche Reflex: Runjaic‘ Aus nach dem 13. Spieltag. Wenig später erwischte es Sportchef Thomas Eichin. Da war er, wie so viele 1860-Funktionäre zuvor, schnell Geschichte. Bei Pauli fiel die Krise ungleich schlimmer aus. Wochenlang Letzter, mit mickrigen sechs Punkten aus 14 Spielen hoffnungslos abgeschlagen. Und doch: Während zwar Sportchef Thomas Meggle gehen musste, hielt man eisern an Lienen fest. Mit Erfolg! Bei einer Pleite hätte der Tabellen-14. Sechzig nur noch einen Zähler Vorsprung.

Sportlicher Aufschwung:
Der installierte Star-Trainer Pereira startete mit drei Heimsiegen in Serie, solide neun Punkte aus fünf Spielen sorgten trotz des jüngsten Rückschlags bei Union Berlin (0:2) für Platz fünf in der Rückrundentabelle. Der FC St. Pauli ist mit zehn Zählern (Rückserien-Rang drei) sogar noch besser. Sechzig sollte spätestens seit Paulis 5:0-Statement-Sieg gegen den Karlsruher SC gewarnt sein.

Ein Mitgrund:
Beide Vereine haben im Winter sinnvoll nachgebessert. Abwehrchef Abdoulaye Ba, die quirligen Lumor und Amilton sowie Torjäger Christian Gytkajer heben 1860 sichtlich empor, Pauli hat mit Johannes Flum, Mats Möller Daehli und Rückkehrer Lennart Thy dreimal gut zugeschlagen.

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Identität:
Giesinger Arbeiterverein, immer volksnah. Eine Prise Chaos? Gehört irgendwie zu 1860. Der Einstieg von Hasan Ismaik 2011 und das Investorenmodell verursachten bei vielen Fans zwar Herz- wie Identitätsschmerz, doch beides war angesichts der Notlage unumgänglich. Umso unnötiger die jüngste, zunehmende Zerstörung der eigenen Wurzeln: Abschottung statt Anfassen, Limousinen-Korsos bei Ismaik-Besuchen und der Versuch, die Sechzger noch in der Zweiten Liga zu einem internationalen Spitzenklub zu formen – nicht nur für die Ultras geht dabei so viel verloren. Wo das noch hinführt? Der leicht verrückte Kult-Klub Pauli zählt dagegen zu jenen Vereinen, die es trotz aussterbender Fußball-Romantik etwa durch identitätsstiftende Totenköpfe auf ihren Fahnen schaffen, ihr Image zu wahren – nach wie vor ein Symbol für Paulianer Piraterie gegenüber reichen und übermächtigen Kontrahenten.

Stadion:
22.000 Sechzger füllen im Schnitt nicht einmal ein Drittel der ungeliebten und nur noch angemieteten Arena und sehnen sich nach einer Heimat im Grünwalder (im Profi-Fußball illusorisch) oder einem neuen Löwen-Käfig (Realisierung in weiter Ferne). Paulis Heimat? Am stets gut gefüllten Millerntor. "Hells Bells" zum Einlauf. Gänsehaut. Wer sich am Samstag im weiten Rund wohler fühlt?

 

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