Airbus-Absturz der Germanwings Flugangst - Was dagegen tun? Experte gibt Tipps

Nach dem Absturz haben viele Menschen Angst, an Bord zu gehen. Foto: Imago

Wenige Tage nach dem Airbus-Absturz beginnen die Ferien. Psychiater Oliver Seemann (47) spricht über die Furcht vorm Fliegen und was dahintersteckt

AZ: Herr Seemann, am Freitag beginnen die Osterferien, viele wollen in den Urlaub fliegen. Glauben Sie, dass jetzt viele ihren Flug absagen?

Oliver Seemann: Ich denke nicht, dass es zu vielen Absagen kommen wird. Menschen verdrängen schnell – und der Tod ist in unserer Gesellschaft – psychologisch gesprochen – nur etwas für die anderen.

Wird das Flugzeugunglück dennoch vermehrt Flugangst schüren?

Ja, es wird die Menschen unbewusst ängstlicher machen als sonst, vor allem, solange die Erregung in den Medien noch seine Kreise zieht. Wenn Medien etwa Fotos von Leichen zeigen, dann brennt sich das in die Köpfe der Menschen ein.

Warum haben viele Menschen Angst vorm Fliegen?

Menschen haben Angst vor Dingen, die sie nicht kontrollieren können.

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Und warum dann nicht auch etwa vorm U-Bahn-Fahren oder Busfahren?

Das stimmt, da fährt auch jemand anderer. Prinzipiell wirkt die Höhe für viele beängstigend. Denn im Flugzeug hat man anders als im Bus oder in der Bahn keinen festen Boden mehr unter den Füßen. Auch die klare Struktur – etwa die Gleise – fehlen beim Fliegen.

Wovor fürchten sich Betroffene konkret?

Zum einen sind es, wie gesagt, der Kontrollverlust und die Höhe. Zum anderen aber auch Angst vor dem Tod oder vor Terror.

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Was läuft bei jemandem Kopf ab, der Flugangst hat?

Die meisten Menschen haben schon Erfahrung mit dem Fliegen gemacht, manchmal auch unangenehme wie Turbulenzen oder gar eine Notlandung. War ein Ereignis mit einer Gefahr, mit Schmerzen oder Leid verbunden, können Situationen, die so ähnlich erscheinen, eine starke Reaktion wie Panik, Übelkeit, Apathie oder Ohnmacht hervorrufen. Diese Reaktionen können auch dann auftreten, wenn die Situation und die Erinnerung, objektiv gar nicht vergleichbar sind. Durch Medienberichte und das erneute Fliegen werden solche Erinnerungen getriggert – das heißt, übertragen.

Heißt das, nur wer schon einmal eine schlechte Erfahrung gemacht hat, kann Flugangst bekommen?

Nein. Im Jahr 2007 wurde eine Flugangst-Studie gemacht. Die hat drei Gruppen herausgefunden: 68,3 Prozent der Betroffenen sind schon einmal geflogen – dann trat plötzlich und unerwartet die Flugangst auf. 22,9 Prozent haben bei der Studie gesagt, die Flugangst kam von einer negativen Erfahrung wie heftigen Turbulenzen. Der Rest, 8,8 Prozent, ist noch nie geflogen und hat aber Angst, überhaupt ein Flugzeug zu besteigen.

Die einen schlafen seelenruhig im Flieger, die anderen haben ein mulmiges Gefühl bereits, wenn sie an Bord gehen. Ist das schon Flugangst?

Ich denke, würde man den Puls oder den Blutdruck messen, wäre er wahrscheinlich bei 95 Prozent der Passagiere erhöht. Das ist normal.

Welche Symptome können dann bei einer richtigen Flugangst auftreten?

Es gibt sehr viele Symptome: Das kann von Herzklopfen, Schwitzen, Zittern über Erstickungsgefühle, Schwindel, Magen-Darm-Beschwerden bis Taubheit oder Kälteschauer gehen. Erstickungsgefühle im Flieger – das klingt beängstigend.

Sollten Betroffene grundsätzlich lieber am Boden bleiben?

Sich mit der Angst zu konfrontieren, ist das Beste. Das heißt: Fliegen nicht vermeiden. Man muss sich klar machen, dass Angst nur im eigenen Kopf entsteht. Angst ist an sich ja auch nicht schädlich, sondern nur eine Schutzfunktion. Betroffene müssen sich klar machen, dass es etwas Wichtigeres gibt als die Angst, nämlich die Freude auf den Urlaub, Bekannte zu treffen oder Ähnliches.

Angst ist ein Gefühl. Welches rationale Argument könnte der Kopf dagegenhalten?

Autofahren ist gefährlicher. Im vergangenen Jahr gab es 3368 Verkehrstote in Deutschland.

Viele wollen die Angst betäuben – etwa mit Tabletten oder Alkohol. Zu empfehlen?

Eher nicht. Nur im Notfall sollten zuverlässige Beruhigungsmittel eingenommen werden.

Wann sollte ich mit meiner Flugangst zu einem Arzt gehen?

Aus meiner Erfahrung sind Patienten, die nur allein an einer Flugangst leiden, sehr selten. Ängste neigen aber dazu, sich auf andere Bereiche, etwa alltägliche Situationen, zu generalisieren. Dann sollte ein Fachmann aufgesucht werden.

Haben Sie noch einen ganz praktischen Tipp, wie man der Flugangst Herr werden kann?

Es gibt bestimmte Entspannungstechniken, die man zu Hause im Vorfeld machen kann, etwa autogenes Training. Damit sollte man etwa einen Monat vor dem Flug beginnen und jeden Tag etwa eine Viertelstunde üben. In der Entspannung des Trainings stellt man sich dann vor, man betritt den Flieger, die Sitzreihen sind eng und so weiter. Da man in diesem Moment entspannt ist, verliert die Situation den Angst-Charakter.

Zur Person:

Dr. Oliver Seemann (47) ist Psychiater und Psychotherapeut mit einer Praxis in Wolfratshausen. Er arbeitet auch an der Diagnoseklinik München. Spezialisiert ist er auf Ängste. Seine Homepage: www.psychiater.org.

 

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