AfD, Türkenhass, Egoshooter Ali David S.: So tickte der Amokläufer vom OEZ

Im Internet machte Ali David S. aus seinen Amok-Fantasien keinen Hehl. Foto: privat

Je mehr über Ali David S., den Amokläufer vom OEZ bekannt wird, umso mehr zeichnet sich das Bild eines psychisch labilen Menschen mit ausgeprägtem Nationalismus ab. Der Verehrung für Amokläufer und die AfD stand Hass auf Türken gegenüber.

München – Wer war Ali David S.? Wenn man seine Bekannten und Ermittler fragt, erhält man stets die gleiche Antwort: Ein Einzelgänger ohne echte Freunde. Jemand, der für seine "Singsangstimme" und seinen "komischen Gang" gehänselt wurde, sagt ein 16-Jähriger, der ihn aus der Schule kannte. Und ergänzt: "Ali war sehr einsam."

Eine Zuflucht ist für ihn das Internet. Er spielt nächtelang Online-Games, am liebsten den Shooter-Klassiker Counterstrike. Auch weit nach Mitternacht war Ali David S. dort anzutreffen, berichten ehemalige Mitspieler. Dass er, als damals noch Minderjähriger und Schüler, zu dieser Zeit lieber schlafen sollte und dass Counterstrike ohnehin keine Jugendfreigabe hat, also erst für Spieler ab 18 Jahren gedacht ist, scherte ihn freilich recht wenig.

Dass Ali S. überhaupt mit anderen Münchnern zocken konnte, verdankt er einem Klassenkameraden: Der soll ihn laut einem Mitspieler in die Spielergruppe eingeladen haben – aus Mitleid mit dem Außenseiter: "Er hatte überhaupt niemanden in der Klasse, der sich mit ihm abgegeben hat."

Hassbotschaften und Beleidigungen gegen Türken

Doch mit zunehmender Zeit fällt Ali David S. auch bei seinen Counterstrike-Mitspielern immer öfter negativ auf. Immer wieder offenbart er unverhohlenen Hass auf Türken. So schreibt er beispielsweise im Chat des Spiels über die junge Türkin Tugce A., die nach einem Streit zu Boden geschlagen wurde und sich tödlich verletzte: "'Fuck Tugce […] Warum mischt sich diese Missgeburt ein? […] Zum Glück ist sie gestorben." So ein Mitspieler gegenüber Spiegel TV. Zu einem anderen Zeitpunkt schreibt der Deutsch-Iraner: "Türkei=ISIS".

Fast schon folgerichtig ändert er seinen Nickname, sein Pseudonym als Spieler, in dieser Zeit auch von "Neo Gert" auf "Hass".

"Scheiss Deutschland wird überfüllt von Muslimen"

Parallel dazu äußert sich Ali David S. immer wieder auffallend positiv über Amokläufer. So soll er ein Bild des norwegischen Massenmörders Anders Behring Breivik als sein WhatsApp-Profilbild verwendet haben und dessen Mord an 77 größtenteils jungen Menschen gelobt haben. Auch dass sein eigener Amoklauf auf den Tag genau fünf Jahre nach Breiviks Massaker stattfand, war wohl kein Zufall.

Genau wie Anders Breivik hegte offenbar auch Ali David S., gebürtiger Deutscher, starke nationalistische Gedanken. Laut einem Mitspieler schrieb er im Chat von Counterstrike: "Scheiss Deutschland wird überfüllt von Muslimen". Für den Mitspieler steht fest: "Er war sehr nationalistisch". Zudem soll er die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) glühend verehrt und verteidigt haben.

"Tim K. ist unvergessen"

Noch intensiver als mit Breivik beschäftigte Ali S. sich mit Tim K., dem Amokläufer von Winnenden. Der Schüler tötete 2009 insgesamt 15 Menschen, bevor er sich selbst richtete. Ein Mitspieler von Ali David S. erzählte Spiegel TV: "Der hat den halt so vergöttert, sag ich mal, diesen Tim K." Auf der Gaming-Plattform Steam postete Ali S. "Tim K. ist unvergessen" und trat der Gruppe "Tim K. Memorial" bei. Im Sommer 2015 schließlich ging die Verehrung so weit, dass Ali David S. selbst nach Winnenden reiste und mit seiner Digitalkamera Fotos von den Tatorten des Amoklaufs machte.

Der Kontakt der Mitspieler zu Ali David S. riss Ende 2015 ab. Im realen Leben hatten viele Mitspieler Ali S. nie oder nur ein, zwei Mal getroffen. Weshalb er plötzlich nicht mehr auf den Counterstrike-Servern anzutreffen war, sorgte zwar für ein paar Fragen, aber ernsthaft interessiert hat es offenbar niemanden. Im Gegenteil: Es habe schon länger keinen Spaß mehr gemacht, mit Ali zu spielen, berichtet ein ehemaliger Mitspieler Spiegel TV. Über sein Verschwinden sei man daher eigentlich recht erleichtert gewesen.

In der Psychiatrie lernt Ali David S. einen Gleichgesinnten kennen

Was seine Counterstrike-Kollegen nicht ahnen: Im Sommer 2015 hatte Ali David S. einen neuen "Spielkameraden" kennengelernt. Zu der Zeit wurde er bei einem stationären Aufenthalt in einer Psychiatrie wegen einer "sozialen Phobie" behandelt, also wegen Angstzuständen, die sich beim realen Kontakt mit anderen Menschen einstellen.

Dort lernte er Hamid S. kennen, der in der Einrichtung ebenfalls behandelt wurde. Er wurde zu seiner Vertrauensperson und demjenigen mit dem er fortan Counterstrike spielte.

Das LKA wird später von zwei Einzelgängern sprechen, deren Wege sich zufällig kreuzten. Im Polizeiverhör wird Hamid S. zu Protokoll geben, dass er sich und Ali S. als "gamesüchtig" einstufe. Sogar in der Psychiatrie sollen sie mit ihren Laptops weiter ihrer Leidenschaft nachgegangen sein.

Er kennt sich im Netz aus - und nutzt dieses Wissen im Darknet

Es ist offenbar diese explosive Mischung aus Angst, Hass und Einsamkeit, die in Ali David S. den Entschluss reifen lässt, sich eine Pistole zu besorgen und seinen "Idolen" nachzufolgen. Laut Spiegel-Recherchen soll er unter dem Pseudonym "Maurächer" eine Such-Anzeige im Darknet platziert haben: "Hallo, ich suche nach einer Glock 17 mit insgesamt 250 Schuss Munition". Das war im Dezember 2015 – als der 18-Jährige den Kontakt zu seinen bisherigen Mitspielern abbrach.

Ali David S. offenbarte dabei viel Wissen über diesen dunklen Teil des Internets. Nicht nur, dass er überhaupt wusste, wie man – geschützt durch Anonymisierungs-Software – auf entsprechende Foren gelangt. Er wusste auch von der Scharlatanerie die dort getrieben wird und überwies sein Geld nicht blindlings dem erstbesten Anbieter (wie es Reinhold Beckmann im Mai bei einem Selbstversuch tat), sondern nutzte einen Treuhandservice. Und die Lieferung erfolgte nicht an die eigene Adresse, sondern an einen gestohlenen Packstation-Account.

"Keine Pistole ist einfacher zu bedienen."

All das Wissen, das sich Ali David S. bei seinen jahrelangen Streifzügen durch das Internet angeeignet hatte, nutzte er nun, um sich eine Glock 17 zu besorgen. Über die 9mm-Pistole schreibt der österreichische Hersteller auf seiner Homepage: "Keine Pistole ist einfacher zu bedienen. Sie bietet stets die höchste Feuerkraft ihres Kalibers." Und betont, dass diese Pistolen "auch unter extremsten Bedingungen kompromisslos funktionieren." Deshalb bekomme man in "jedem Fall genau die Lösung, die Ihren Anforderungen gerecht wird."

Am späten Nachmittag des 22. Juli 2016 nutzte Ali David S. diese Waffe um im Münchner Olympia Einkaufszentrum kaltblütig neun Menschen zu erschießen.