Adipositas-Alarm Dicke in München: Leben mit Übergewicht

Dicke Deutsche: Laut einer aktuellen Studie des Robert-Koch-Instituts sind 23,9 Prozent der Frauen und 23,3 Prozent der Männer in der Bundesrepublik krankhaft übergewichtig, leiden also an Adipositas. Foto: dpa

Immer mehr Menschen in München sind extrem dick – sie leiden unter Fettsucht. Wir haben Betroffene gefragt. Außerdem geben wir Tipps für eine kalorienarme Ernährung

 

Die Laster von Andrea (37, Name geändert) heißen Ritter Sport und Wurstbrot. Wenn es in der Klinik stressig ist, oder sie sich nach einem anstrengenden Tag belohnen will, isst die Krankenschwester Schokolade. Manchmal die ganze Tafel. Der Job auf ihrer Station ist oft stressig. Auch deshalb mag Andrea Wurstbrote. „Brot schneiden, Wurst drauf - zack. Das geht halt schneller, als wenn man sich etwas gesundes kocht.“ Und weil die Stullen so flott belegt sind, dürfen es gerne mehrere sein.

Die Münchnerin ist 1,70 Meter groß. Heute wiegt sie 128 Kilogramm und hat einen Body-Mass-Index von 44. Damit gilt sie nicht mehr als übergewichtig (bis BMI 30, siehe Info), sondern als Adipositas-Patientin.

Andrea ist mit dieser Diagnose nicht allein. Wissenschaftler des Robert-Koch-Instituts haben in einer aktuellen Studie herausgefunden, dass 53 Prozent der Frauen und 67,1 Prozent der Männer in Deutschland übergewichtig sind. Seit 1998 hat sich in dieser Hinsicht wenig verändert. Was die Forscher jedoch alarmierte: Noch nie litten so viele Bundesbürger an Adipositas, beinahe jeder vierte ist heute „fettleibig“.

Betroffen sind immer mehr junge Menschen. Viele der Super-Dicken kommen aus sozial schwachen Gesellschaftsschichten. „Aber auch immer mehr Reiche haben krankhaftes Übergewicht“, sagt Christina Holzapfel vom Kompetenznetz Adipositas an der TU München.

„Als Kind war ich die kleinste und die leichteste in der Familie“, erzählt Johanna (Name geändert). „In der Vorpubertät wurde ich dann ein bisschen propperer.“ Das Mädchen solle eben nicht so viel essen, rät der Kinderarzt der Mutter – und die serviert Johannas Geschwistern den Nachtisch fortan heimlich in der Küche. Johanna wird trotzdem dick.

Als Teenager habe sie Sport gemacht und ein bisschen „rumdiätet“, erzählt sie. Ohne Erfolg, dafür mit Jojo-Effekt. Als Erwachsene wiegt Johanna fast 110 Kilo bei einer Körpergröße von 1,65 Metern.

Von Sport will sie da nichts mehr wissen. „Ich wollte nicht, dass andere sehen, wie sehr mich das anstrengt“, sagt die 32-Jährige. Ihre Kleidung bestellt sie im Internet, weil sie sich nicht in schmale Umkleiden zwängen will. Öffentliche WCs mit engen Kabinen sind ihr ein Graus. Die Schwiegereltern schenken ihr jedes Jahr ein Diätbuch.

„Das fand ich nicht gerade nett“, sagt die Büro-Angestellte. Und trotzdem: „An 360 Tagen im Jahr fand ich mich okay. Man sieht sich im Spiegel leichter als man ist. Der Körper betrügt sich da selbst.“ Nur manchmal leidet sie. Vor allem, als sich herausstellt, dass sie wegen ihres Übergewichts nicht schwanger wird. Fünf Kilo müssen runter, dann klappt es.

Johanna bekommt zwei Söhne – und die Schwangerschaftspfunde nicht mehr weg. „Alle anderen sind während der Stillzeit schlanker geworden. Ich habe zugelegt.“ Sie ist frustriert. „Irgendwann war mir mein Gewicht wurscht. Die Kinder aßen acht Mahlzeiten am Tag und ich hab mitgegessen.“

Johanna leidet an einer Schilddrüsenunterfunktion, die das Dickwerden begünstigt, und gehört damit zu einer Minderheit unter den 16<TH>Millionen Deutschen, die stark übergewichtig sind. „In den wenigsten Fällen ist eine Krankheit die Ursache für Adipositas“, sagt Christina Holzapfel vom Kompetenznetz. „Meist ist es der Lebensstil: viel essen, wenig Bewegung.“

Die Ursachen für den Anstieg der Adipositas-Fälle sind noch nicht abschließend erforscht. Einige Faktoren kennen die Experten jedoch bereits. „Die Leute bereiten sich ihre Mahlzeiten immer seltener selbst zu. Viele greifen stattdessen zur Tiefkühlkost“, sagt Hans Hauner, Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft und Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin der TU (EKFZ). Das Problem dabei: Fertiggerichte enthalten oft viel Fett, viel Salz und viel Zucker.

Zudem sind die Portionsgrößen in den vergangenen Jahrzehnten stetig gewachsen. Ob süße oder herzhafte Riegel, viele Snacks liegen heute auch im XXL-Format im Supermarktregal. Eine Schokoladentafel kann durchaus 250 statt 100 Gramm wiegen. Getränkehersteller werben mit Limonade in Zwei-Liter-Flaschen. Schnellrestaurants bieten immer neue, immer wuchtigere und damit immer kalorienreichere Burger an. „All das verführt zu einer höheren Energie-Aufnahme“, sagt Hans Hauner. Wer einen Mega-Burger gekauft hat, hört nicht bei der Hälfte auf. Er isst ihn ganz.
„Außerdem essen die Menschen heute öfter als früher, weil überall etwas Lebensmittel angeboten werden“, sagt der Experte. In Tankstellen, auf Konferenztischen, beim Kaffeekränzchen. Und auf den Straßen locken Imbissbuden und Bäckereien mit Wurstsemmeln, Pommes und Gebäck.

Eine Studie hat gezeigt, dass viele Menschen gar nicht registrieren, was sie zwischendurch naschen. Die Kekse beim Meeting, die Gummibärchen vom Kollegen – am Ende des Tages haben die meisten sie vergessen. „Snacking“ wird dieses Phänomen genannt. „Der Trend wächst. Auch bei uns“, weiß Hans Hauner.

]Andrea futtert seit dem Abitur unkontrolliert, zu viel und zu oft. Das gibt sie offen zu. „Vorher war durch die Schule alles geregelt. Mit dem Abi brach mein soziales Umfeld auseinander. Außerdem wusste ich nicht, was ich anschließend machen soll.“ Ihre Unsicherheit kompensiert sie mit Essen. „Als ich meinen zukünftigen Mann kennen gelernt habe, war die Motivation, wieder schlank zu werden, ganz weg.“

Beide essen gern und gut. Er nimmt zehn Kilo zu, sie 30. Als Andrea aufhört zu rauchen, kommen 20 Kilo dazu, während der Schwangerschaft 15 weitere. Bald trägt sie Kleidergröße 52.
Wenn sie sich im Spiegel betrachtet, empfindet sich auch Andrea lange Zeit nicht als dick. „Ich hatte immer im Kopf: Ich nehm eh’ irgendwann ab, und hab’ nicht so genau hingeschaut.“ Nur eins ärgert sie: Dass es zur Übergrößen-Abteilung bei H&M für sie kaum Alternativen gibt. „Es nervt mich, dass man modisch so eingeschränkt ist. Ich möchte gerne mal richtig shoppen gehen.“
Zwei Mal versucht sie, in Gruppen-Sitzungen abzunehmen. Es funktioniert – doch der Erfolg ist nicht von Dauer. Obwohl Andrea schwimmt, radelt, im Winter Ski fährt – und damit die Ausnahme ist, nicht nur in ihrer Gewichtsklasse.


Denn verschärft wird die Entwicklung hin zu amerikanischen Körpermaßen durch mangelnde Bewegung. Zwei Drittel der Deutschen würden weniger als einen Kilometer pro Tag aus eigener Kraft zurücklegen, sagt Hans Hauner. Dabei empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation jede Woche mindestens 2,5 Stunden körperliche Aktivität. „Das kann Radfahren sein oder flottes Gehen mit einer Geschwindigkeit von etwa fünf Kilometern pro Stunde“, so der Professor. „Auf jeden Fall sollte man leicht ins Schwitzen kommen.“

Allerdings, gibt der Fachmann zu bedenken, werde Sport als Kalorienkiller oft überschätzt: „Um bei unveränderten Essgewohnheiten ein Energiedefizit zu erreichen, müsste man jeden Tag mindestens eine Stunde joggen.“

Adipositas und ihre Folgen belasten das deutsche Gesundheitssystem mit rund 17 Milliarden Euro jährlich. Die Betroffenen haben ein erhöhtes Diabetes-Risiko, bekommen häufiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sind anfällig für bestimmte Krebsarten. Viele haben Probleme mit ihren Gelenken, etliche werden depressiv.

Irgendwann haben sich das auch Johanna und Andrea bewusst gemacht – und die Notbremse gezogen. Beide Münchnerinnen lassen sich jetzt von Fachkräften am EKFZ individuell beraten. Mit Hilfe der Experten haben sie ihr Essverhalten analysiert und festgelegt, was sie in Zukunft zu sich nehmen dürfen.

„Wir wollen erreichen, dass die Leute ihre Ernährung umstellen, ohne es als Qual zu empfinden“, sagt Hans Hauner. Deswegen macht sein Team Vorschläge, wie sich energiereiche Speisen durch weniger kalorienhaltige Produkte ersetzen lassen: ungesüßte Getränke statt Cola, Pellkartoffeln statt Pommes, Magerschinken statt Leberkäs – und wenn es unbedingt sein muss ein Stückchen Schokolade. Aber eben keine Tafel.

Das Ziel dieser „Lebensstiltherapie“: Die Patienten sollen ihre Essgewohnheiten dauerhaft ändern ohne dabei zu hungern – und damit fünf bis zehn Kilo pro Jahr abspecken. Model-Maße werden die meisten trotzdem nicht erreichen. Nicht jeder ist schließlich zum Dünnsein geboren.

Johanna und Andrea haben das akzeptiert. Johanna würde gerne wieder ihr Hochzeitsgewicht haben, sagt sie. „Das waren 85 Kilo, damit habe ich mich fit gefühlt.“ Seit März ist sie diesem Ziel schon 13 Pfund näher gekommen.

Und Andrea? Ihr Wunschgewicht seien 80 Kilo, „oder besser noch 79,9“, sagt die Krankenschwester, die in zwei Monaten sechs Pfund verloren hat, und lacht. „Aber das dauert noch. Erst einmal muss ich Uhu schaffen.“ Uhu bedeutet: unter hundert.

Der Body-Mass-Index

Der Body-Mass-Index (BMI) bezeichnet das Verhältnis von Körpergewicht zu Körpergröße. Man berechnet ihn, indem man sein Gewicht durch die Körpergröße (in Metern) im Quadrat teilt. Wer also 1,70Meter groß ist und 65Kilo wiegt, rechnet 65:1,702. Das Ergebnis – in diesem Fall also rund 22,5kg/m2 – ist der BMI. Bei einem BMI von weniger als 18,5 spricht man von Untergewicht. Das Normalgewicht liegt im Bereich von 18,5 bis 25. Übergewichtig sind Menschen mit einem BMI von mehr als 25. Wer einen BMI von mehr als 30 hat, leidet an Adipositas (auch: Fettleibigkeit).

Besser essen

Wer abnehmen möchte, muss nicht hungern. Oft reicht es schon, auf kalorienärmere Speisen und Getränke umzusteigen. Einige Beispiele:

  • Wasser (0 Kcal.) statt Cola, Limo oder Fruchtsaft (460 Kcal. pro Liter)
  • Salz- oder Pellkartoffeln (200g: 140 Kcal.) statt Bratkartoffeln (310Kcal.) oder Pommes (700 Kcal.)
  • Schnitzel natur (125g: 130 Kcal) statt paniert (300Kcal)
  • Schinken ohne Fettrand (100g: 100 Kcal.) statt Salami (371Kcal.)
  • Hähnchen (125g: 215 Kcal.) statt Ente (285Kcal.)
  • Forelle geräuchert (100g: 103 Kcal.) statt Makrele (182 Kcal.)
  • Saure Sahne (Esslöffel: 20Kcal.) statt Créme fraiche (45 Kcal.)
  • Fruchteis (75g: 105 Kcal.) statt Eiscreme (150 Kcal.)
  • Schokopudding (150-g-Becher: 160 Kcal.) statt Schokolade (Tafel: 530Kcal.)
 

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