Accessoire für Wanderer Rollender Rucksack

Das Ding sieht aus wie ein ganz normaler Rucksack — aber mit Rädern. Massive Fahrradtechnik, zusammengefaltet in ein wetterfestes Tragesystem, etwas sperrig und gut zehn Kilogramm schwer. Bergmönch heißt das Gerät. Der Name klingt wie das Versprechen auf Selbstkasteiung. Doch man muss den Bergmönch nur zu Fuß hochschleppen. Am Gipfel faltet man das Konstrukt auseinander und brettert befreit auf zwei Rädern wie mit einem Roller zu Tale. Im Hotel in Lam im Bayerischen Wald ist der rollende Rucksack die Show schlechthin. Der Mönch zieht die Blicke magisch an. Wobei nicht so ganz klar ist, ob die Blicke der Hotelgäste dem Abmarschierenden eher mitleidig oder mit einem Anflug von Bewunderung folgen. Der Weg hinauf zum Großen Osser ist richtig steil, gespickt mit dicken Steinbrocken und Wurzeln.

 

Die Einheimischen nennen den Osser auch das „Matterhorn des Bayerwaldes“

Da wünscht sich der Wanderer gelegentlich einen Stock und keine Zusatzlast. Das Überraschende am Extragepäck: Die Kilos verteilen sich vergleichsweise angenehm; die Tragegurte tun ihren Job. Man merkt eben doch, dass da mit der Firma Vaude ein namhafter Outdoor-Ausrüster für einen möglichst angenehmen Sitz des Fortbewegungsgeräts auf dem Rücken gesorgt hat. An der Bergkapelle mit Wirtshaus treffe ich zwei Mountainbiker. Sie nuckeln an ihren Iso-Getränken, finden meinen Rucksack „spannend“. Ein kurzer Gruß und weg sind sie. Der nächste Kilometer ist ziemlich flach. Zum Ausschreiten mag das schön sein. Aber ob der grüne Weg auch fürs Runterrollen geeignet ist? Oje, das sieht nach Schiebestrecke aus nachher. Dann wird das Gelände wieder steiler. Deutlich steiler. Und wurzeliger. Sind das da vorn etwa die Mountainbiker? Mag sein, aber schon sind die Schatten wieder weg. Am Wanderparkplatz Osser steppt der Bär. Lauter Leute, die sich einen guten Teil der 700 Höhenmeter sparen hinauf zum Gipfelkreuz auf 1293 Metern . Kein Wunder: Die Einheimischen nennen den Osser auch das „Mat terhorn des Bayerwaldes“. Und das schlägt jetzt zu. Steil, steinig und glitschig. Am nächsten Absatz stehen die beiden Radler. Japsend. Wir lächeln uns an, und ich gehe einfach an ihnen vorbei. Das können sie nicht auf sich sitzen lassen. Wild entschlossen treten sie ihre Bikes den Berg hoch. Ob das gutgeht? Am Fuß der nächsten Rampe hole ich sie wieder ein. Ihr Lächeln wirkt gequält. Trost für sie: Es ist das letzte Mal, dass sie den fröhlichen Wandersmann ziehen lassen müssen. Spätestens kurz unterm Gipfel wären die zwei eh verzweifelt: Das letzte Stück ist eine in den blanken Stein gehauene und geschichtete Treppe. Nix für Fußlahme, geschweige denn Radler. Außer man hat, so wie ich, das Rad auf dem Buckel. Die Aussicht ist atemberaubend. Auf dem Gipfel, direkt an der Grenze zu Tschechien, liegen einem Oberpfalz, der übrige Bayerwald und der Böhmerwald zu Füßen.

Als erfahrener Geländeradler merkt man dem Roller sofort die rassigen Downhill-Eigenschaften an

Aber der spannendste Teil kommt jetzt erst. Ruck, zuck ist der Bergmönch auseinandergefaltet. Dann klappe ich die Fußrasten aus, setze den Helm auf und lasse den Mönch von der Leine. Die Fahrt ist grandios! Als erfahrener Geländeradler merkt man dem Roller sofort die rassigen Downhill-Eigenschaften an. Federung, Scheibenbremse, das Gewicht weit hinten: Besser geht’s nicht. Quirlig, manchmal fast schon zu quirlig in den Lenkeigenschaften braucht es an den brockigen, wurzeligen Passagen die volle Konzentration des Fahrers. Aber selbst die glitschigen Querrinnen, wo Quell- und Regenwasser ablaufen: kein Problem mit den dicken Stollenreifen. Dann das Flachstück. Schieben oder nicht? Oder gar das leicht verschlammte Gerät wieder auf den Buckel? Nein. Offenbar habe ich das halbe Prozent Gefälle vorhin nicht bemerkt. Der Roller rollt sachte weiter. Der Schlussspurt nach Lam ist die pure Sause, und mit singenden Bremsen schliddere ich vorm Foyer aus. Amen, das war’s. Ach so: Den Mountainbikern bin ich dann unterwegs nicht mehr begegnet. Die sind wahrscheinlich heimlich auf irgendeinen flachen Weg abgebogen, wo ihnen garantiert keine Bergmönch-Konkurrenz mehr querkommen konnte.

 

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