Abriss-Angst in Altschwabing Wohnwahnsinn in Altschwabing: Mieter fürchten um ihr Zuhause

Diese Mieter bangen um ihr Zuhause. Die Bilder aus Altschwabing von dem sanierungsbedürftigen Altbau. Foto: Daniel von Loeper

In einem Altbau in der Wagnerstraße 1 geht die Angst um: Ein Besitzerwechsel, Vermessungs-Trupps, seltsame Anrufe der Hausverwaltung – aber nichts Schriftliches. Auch der Live-Schuppen „Podium“ ist betroffen – und sucht nach einer neuen Bleibe.

München - "Es ist furchtbar für uns, dass wir nicht wissen, ob wir hier weiter wohnen dürfen“, sagt Marie Banck. Die 29-Jährige sitzt am großen Holztisch ihrer 3er-WG in Altschwabing. Es gibt Tee und Plätzchen, die Nachbarn von nebenan und vom Stockwerk drüber sind vorbei gekommen.

Es könnte ein gemütlicher Abend werden, aber die Mieter treiben Sorgen um: Der Altbau an der Wagnerstraße 1, in dem auch die Schwabinger Kultkneipe „Podium“ untergebracht ist, soll renoviert, vielleicht sogar abgerissen werden. Die jetzigen Bewohner würden dann ihr Zuhause verlieren.

Seit fünf Jahren wohnt Banck in dem dreistöckigen Altbau im Herzen Altschwabings. In den sechs Wohnungen leben sonst vor allem Studenten, aber auch Schwabinger Originale und eine Familie mit Kindern. Im Juli haben sie von ihrer alten Vermieterin erfahren, dass ihr Haus nun jemand anderem gehört – einem Vorstand eines Münchner DAX-Konzerns. Man müsse sich über den Auszug unterhalten.

Zunächst kam nichts von der neuen Hausverwaltung. Dann wurde es für die Mieter unangenehm: „Irgendwann im Sommer hat es angefangen, dass sie geklingelt haben“, sagt Isabel Neander (25). Dazu kamen regelmäßige Anrufe. Wann genau, das weiß die Studentin nicht mehr. Aber angekündigt seien die Besuche nicht gewesen, berichten mehrere Mieter. Die Hausverwaltung bestreitet das auf AZ-Anfrage, will aber dazu keine Stellungnahme abgeben.

Was genau der Vermieter plant, wissen die Bewohner nicht. Schriftlich ist nie etwas gekommen. Aber der Tenor der Gespräche mit der Hausverwaltung sei immer derselbe gewesen, berichtet Banck: „Wir müssten uns darüber unterhalten, wann wir ausziehen.“ Eine WG ist bereits ausgezogen, eine weitere Familie sucht gerade eine neue Wohnung.

Die meisten Mieter wollen aber bleiben, selbst wenn an manchen Stellen im Treppenhaus schlecht verputzt, die Treppe nicht abgeschliffen und der Anstrich nicht mehr frisch ist. Die einstige Besitzerin, eine Anwältin aus Augsburg, hatte jahrelang nichts an dem Haus gemacht. Dementsprechend schmucklos zeigt sich der Bau von 1885. Das Gebäude an sich sei aber in Ordnung, so Banck: „Es ist ein total solides Haus – es ist eben über die Jahre vernachlässigt worden.“

Eine typische Geschichte für Schwabing, einem Viertel, das schon seit Jahren von Investoren durchkämmt wird. Alte Häuser werden aufgekauft, saniert – und teuer. Was im Fachjargon sperrig „Gentrifizierung“ heißt, bedeutet für die Mieter meist ganz konkret den Verlust des vertrauten Heims. An der Wagnerstraße 1 fühlen sich die Bewohner wie Objekte behandelt, wie eine Art ungewollte Beigabe zur hochpreisigen Immobilie. Banck ärgert das: „Das hier ist nicht nur ein Spekulationsobjekt. Das Haus ist mehr.“

Was bei den Mietern außerdem für Unruhe sorgt: Mindestens drei Mal haben sie beobachtet, wie am und um das Haus herum Vermessungen stattgefunden haben. Das schürt Spekulationen darüber, ob das Gebäude an der Wagnerstraße 1 ganz abgerissen werden soll.

Der Bezirksausschuss Schwabing-Freimann (BA) hat deshalb versucht, es unter Denkmalschutz stellen zu lassen. So wie das Nachbarhaus an der Siegesstraße, das vom selben Architekten Heinrich Witzel stammt. Vom Landesamt für Denkmalschutz ist dieser Antrag Ende September abgelehnt worden. Bis auf das Treppengelände seien „keine historisch bedeutsamen Ausbauelementen“ mehr in dem Haus vorhanden, heißt es in einer Stellungnahme.

Der BA will nicht aufgeben und es nun erneut versuchen. Ob das den Mietern nützt, ist die andere Frage. Bei der Hausverwaltung, die sich zu den Vorgängen am liebsten gar nicht äußern würde, spricht man ohnehin von Sanierung und nicht von Abriss. Aber selbst das kann für die Mieter unterm Strich negative Folgen haben, glaubt Petra Piloty, die für die SPD im Stadtviertelparlament sitzt: „Wenn man das Haus saniert, muss viel Geld in die Hand genommen werden.“ Das treibt den Preis.

James Klopfenstein (58) könnte sich die Wohnung dann nicht mehr leisten. Schon jetzt sind die Wohnungen nicht wirklich günstig, berichten die Mieter. Aber die Lage und die hohen Decken machten das wieder wett. Klopfenstein selbst ist 1985 in das Haus mit dem Live-Club „Podium“ im Parterre eingezogen. Im „Podium“ spielte der Kontrabassist seine ersten Auftritte. „Wohin mit mir?“, fragt er sich jetzt. Und: Was passiert mit dem Kult-Club nach dem Besitzerwechsel?

Es schaut nicht gut aus. Sicher ist: In dieser guten Lage in Altschwabing wird die Kultkneipe nicht bleiben können. Noch eineinhalb Jahre läuft der Mietvertrag, dann werden nach mehr als 30 Jahren die Lichter im Erdgeschoss der Wagnerstraße 1 ausgehen. Die Betreiber des „Podiums“ suchen deshalb jetzt schon nach neuen Räumen. Dass sie im teuren Altschwabing fündig werden, ist eher unwahrscheinlich. Das Viertel wird so wohl seinen letzten Ort für Live-Musik-Fans verlieren.

Von dieser Unsicherheit wollen sich die Mieter aber nicht lähmen lassen. Statt zu warten, sind sie aktiv geworden, haben eine Mietergemeinschaft gegründet, treffen sich regelmäßig. Sogar eine erste Aktion ist schon im Gange: ein Brief an den neuen Besitzer mit einer Bitte um ein Treffen. Das ist elf Tage her. Eine Antwort haben sie noch nicht bekommen. Auf AZ-Anfrage wollte sich der Dax-Konzern-Vorstand jedoch nicht äußern.

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