70 Jahre AZ Markwort: Zweimal wäre ich fast bei der AZ gelandet

"Die Medien der Bundesrepublik sind voll von Journalisten, die bei der Abendzeitung gelernt oder sich weiter entwickelt haben": Helmut Markwort. Foto: imago

Er ist Nachrichtenmann und "Focus"-Gründer: Hier schreibt Helmut Markwort darüber, welchen politischen Einfluss die AZ genommen hat.

München - Mit der Abendzeitung bin ich ein Leben lang verbunden: als Leser, als Beinahe-Arbeitgeber und schließlich als Partner. Als junger Journalist imponierte mir der besondere Ton dieser Zeitung, die für München maßgeschneidert war. Frech, frisch und mit einem ambitionierten Kulturteil spiegelte sie das Lebensgefühl dieser Stadt und prägte es auch.

Wer öffentlich im Café die AZ las, fühlte sich als Bürger der "Weltstadt mit Herz", wie ein sympathischer Slogan hieß. Klatschkolumnisten beschrieben die Figuren der Münchner Gesellschaft, die neben einem im Biergarten saßen und später in Fernsehserien auftauchten, verkörpert von Schauspielerinnen und Schauspielern, die nach erfolgreicher Ausstrahlung selber Teile der Münchner Gesellschaft wurden.

AZ-Autoren: Nah dran am Leser

In anderen deutschen Metropolen beobachtete man mit einer Mischung aus Neid, Spott und Respekt die Münchner Bussi-Bussi-Society, ohne zu kapieren, dass die bunte Szene Geschöpf einer Zeitung war.

Die AZ hegte und pflegte ihre Gesellschaft, bis die selber und ihre Leser süchtig wurden nach Fortsetzungen. Ich kenne Schauspieler und Geschäftsleute, die mit diskreten Telefonaten über Affären und Scheidungen das Klatschkarussell in Schwung hielten.

Die Beziehungschronisten waren aber nicht die einzigen Journalisten des Blattes, die sich ihrer Stammkundschaft persönlich zeigen konnten. Das gab es in keiner anderen deutschen Zeitung, dass Film- und Theaterkritiker, Fußball-Beobachter und Polit-Kommentatoren sich ihren Lesern mit einem täglichen Porträt einprägen konnten.

Die Autoren wurden sichtbar, was offensichtlich ihren Ehrgeiz erhöhte. Die Filmkritiken setzten Maßstäbe. Das umfangreiche Feuilleton war ein Qualitätsmerkmal der AZ. Der politische Teil schmückte sich gern mit der Charakterisierung links-liberal. Obwohl er für meinen Geschmack eher links war als liberal, steckten die politischen Geschichten oft voller Überraschungen.

Anstellung bei der AZ: Es scheiterte am Gehalt

Parteifreunde – im giftigen Sinne – nutzten diskrete Kontakte, um Interna aus Ministerien, Referententwürfen oder Rivalenstreitereien in die AZ zu platzieren. Dort erhofften sie für ihre kleinen Zeitbomben mehr Aufmerksamkeit als in langen Abhandlungen einer Abonnementszeitung.

Ich kenne CSU-Aktivisten, die sich regelmäßig über Kommentare der AZ ärgerten, sie aber lasen, weil sie dort vermeintlich vertrauliche Informationen aus der Partei suchten und auch fanden. Sie konnten aber auch Ratschläge finden, um ihr Geld sinnvoll anzulegen. Zu den vielen Begabungen, die im Talentschuppen AZ eine Chance bekamen, gehörte auch ein junger Wirtschaftsjournalist namens Diether Stolze.

Unter dem Kunstnamen Mercator beriet er die Leser in Finanzfragen. Im Verlauf seiner Karriere wurde er Herausgeber der "Zeit" und leitete später unter Kanzler Helmut Kohl das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Leider kam er bei einem Autounfall 1990 ums Leben.

Diether Stolze ist einer der vielen Journalisten, die bei der Abendzeitung gelernt oder sich weiterentwickelt haben. Die Medien der Bundesrepublik sind voll von ihnen. Meine eigene Laufbahn führte mich zweimal knapp an der AZ vorbei. Anfang der 60er Jahre wollte mich der legendäre Werner Friedmann als Reporter in seine Redaktion holen. Beeindruckt hörte ich dem genialen Blattmacher zu und sah meine Reportagen schon auf Seite drei. Wir waren uns einig, und er begrüßte mich per Handschlag als neues Mitglied der Redaktion.

Als ich schüchtern darauf hinwies, dass wir noch gar nicht über mein Gehalt gesprochen hätten, verdüsterte sich seine Stimmung. Ob ich diesen tollen Beruf etwa des Geldes wegen ergriffen hätte, fragte er zurück. Seine mir damals noch nicht so vertraute Sparsamkeit veranlasste mich, einem Angebot aus Düsseldorf zu folgen.

Markwort: Fast wurde er AZ-Chefredakteur

Lange Zeit später führte mich die Abendzeitung zum zweiten Mal in Versuchung. Anneliese Friedmann bot mir die Chefredaktion an mit dem schönen Kompliment, ich sei der ideale Nachfolger für Blattgründer Werner Friedmann.

Wir trafen uns mehrfach, verstanden uns gut und treffen uns noch heute. Damals taten sich mir andere Wege auf. Ich sagte Anneliese Friedmann, dass ich sie für die ideale Chefredakteurin der AZ hielte.

1985 kam es doch noch zur Zusammenarbeit mit der Abendzeitung. Wir gründeten gemeinsam Radio Gong. Johannes Friedmann war der Chef des Programmbeirats. Ich durfte als Geschäftsführer des ersten deutschen Stadtradios fungieren. Es blüht und gedeiht und ist längst ein erfreuliches Element in dieser schönen Stadt. Die Abendzeitung ist nicht mehr daran beteiligt, aber es hat sich gefügt, dass ihr neuer Verleger Professor Dr. Martin Balle zu ihren Mitbesitzern gehört.

So schließt sich der Kreis.


Der Münchner Journalist Helmut Markwort (81) war von 1993 bis 2010 Chefredakteur des "Focus" und wurde danach dessen Mitherausgeber. Aktuell kandidiert er für die FDP für den bayerischen Landtag.

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