3.500 Wohnungen in Planung Bezahlbares Wohnen in München? Sie machen's möglich!

Das Genossenschafts-Projekt der Wogeno am Domagkpark hat gerade den Deutschen Bauherrenpreis gewonnen. Foto: Annette Hempfling/Wogeno

Wohnst du noch, oder genossenschaftest du schon? Neun Projekte haben sich in München in den vergangenen drei Jahren gegründet. Die Genossenschaften wollen Wohnen bezahlbar machen - und sich nichts in die eigene Tasche stecken.

München - Auf den heutigen Donnerstag haben viele von ihnen hingefiebert: Heute, endlich, wird die Ausschreibung veröffentlicht für Wohnbaugrundstücke für Baugenossenschaften, private Baugemeinschaften und Bauträger im neuen Stadtteil Freiham-Nord.

Baugrundstücke, das Thema ist bekannt, sind Goldstaub in der sogenannten Metropolregion München – selbst dann, wenn man ein so soziales Konzept für deren Nutzung hat wie die Wohnbaugenossenschaften.

Die verstehen sich nämlich in der Regel als Unterstützer der Gemeinschaft: Es geht ihnen darum, eine dauerhaft preisgünstige und sichere Versorgung mit Wohnraum zu fördern.

"Kapital ist nicht nur Geld – auch Vertrauen und Engagement"

40.000 Genossenschaftswohnungen gibt es aktuell in München. In den älteren liegt die durchschnittliche Kaltmiete bei etwa 7 Euro pro Quadratmeter, in den neueren bei 9 bis 12 Euro – was möglich ist, weil niemand mit den Häusern Geld verdienen will.

Mit gemeinsamem Kapital werden Häuser gekauft oder selbst gebaut und dann in einer Solidargemeinschaft verwaltet. Das Genossenschaftsprinzip soll Mitgliedern aller Einkommensschichten selbstbestimmtes Wohnen garantieren. Das dabei erworbene Vermögen gehört allen Mitgliedern gemeinschaftlich – niemand kann (und will) hier also eigenen Profit erwirtschaften.

"Es ist eine große Anstrengung, sich auf den Weg in eine Genossenschaft zu begeben", sagte Stadtbaurätin Elisabeth Merk (parteifrei) gestern beim Treffen einiger dieser Genossenschaftsgruppen. Darum sei sie umso begeisterter, dass es immer mehr junge Projekte dieser Art gebe: Neun neue Genossenschaften haben sich in den vergangenen drei Jahren allein in München gegründet. Insgesamt gibt es allein in der Stadt nun mehr als 40.

Das geht freilich nicht ganz einfach: Neben der Idee und dem guten Willen muss natürlich ein strukturiertes Konzept vorhanden sein. Und Arbeitskraft – allein die Auswahl und Verwaltung der Mitglieder kostet schon viel Zeit und Kraft, wie die anwesenden Genossenschaftler berichten. Und natürlich Kapital. "Kapital ist dabei aber nicht nur das Geld", erklärte Merk dazu, "sondern auch das Engagement, das Sie investieren, und das Vertrauen, das Ihre Mitstreiter in Sie haben."

In den nächsten Jahren werden 3.500 Wohnungen gebaut

Und dann ist da eben noch die Sache mit dem Raum. Denn ein Quartier mitentwickeln kann man nur, wenn dort auch Raum ist für solche Projekte. "Ohne die Stadt ist es einfach nicht möglich, an Flächen zu kommen für genossenschaftlichen Wohnungsbau", sagte auch Christian Stupka von der Mitbauzentrale – der zentralen Anlaufstelle der Stadt für genossenschaftlich Interessierte. "Zumindest nicht zu Preisen, die sich realisieren lassen."

Zwischen 2014 und 2017 wurden 700 neue Genossenschaftswohnungen fertiggestellt, listet die Mitbauzentrale auf. Aktuell in Vorbereitung oder sogar schon im Bau sind demnach weitere 682 Wohnungen, für die nächsten Jahre geplant 2910 – immerhin insgesamt knapp 3500. Ungefähr die Hälfte davon gefördert.

In Freiham-Nord sollen etwa 1000 genossenschaftliche Wohnungen in zwei Bauabschnitten geschaffen werden. Im Kreativquartier an der Dachauer Straße sollen es etwa 140 werden. Auf dem Gebiet der ehemaligen Bayernkaserne werden 25 Prozent der Flächen für Genossenschaftswohnungen bereitgestellt – das sind 1.200 Wohneinheiten. Und beim Wohnquartier in Laim an der Zschokkestraße "werden wir vermutlich auch in diesem Jahr einen deutlichen Schritt weiterkommen in der Planung", sagte Merk.

Sie sind alle hier in der Mitbauzentrale wegen der Ideen. Wegen des Goldstaubs. "Und wegen der Butterbrezn!", sagte einer lachend. "Genossenschaftsbrezn!" Mei, witzig sind die Genossen auch noch.


Vier Beispiele: Sie wollen bezahlbares Wohnen ermöglichen

Seit 25 Jahren - Die Wogeno: Die Wogeno ist die altehrwürdige unter den Münchner Baugenossenschaften: Schon 1993 gründete sie sich, in diesem Jahr feiert sie ihr 25-Jähriges.

600 Wohneinheiten in 21 Häusern verwaltet sie – unter anderem auf dem Gelände der ehemaligen Prinz-Eugen-Kaserne in Bogenausen, 550 davon Wohnungen, 50 Räume für Gewerbe oder Gemeinschaftsnutzung.

"Die Wiederbelebung des genossenschaftlichen Gedankens in München ist immer unser Anspruch", sagt Wogeno-Vorstand Thomas Kremer. "Darum haben wir eine offene Mitgliedschaft: Jeder kann zu uns kommen. Das hält den Druck hoch, immer weiter Wohnungen zu suchen und zu errichten."

Für die nächsten Jahre hat die Wogeno sich deshalb vorgenommen, 1000 weitere Wohnungen zu schaffen. Und zwar nicht irgendwelche: "Unser Kern ist das nachbarschaftliche Wohnen", sagt Kremer. Für das Konzept der Genossenschaft für einen Bau am Domagkpark gab es deshalb gerade den Deutschen Bauherrenpreis. Es beinhaltet Dachterrassen und Mietergärten, grüne Spiel- und Erholungsräume, Begegnungs- wie Rückzugsmöglichkeiten sowie neue Mobilitäts- und Sharingangebote.

Außerdem gleichen in der Solidargenossenschaft Wogeno die Mitglieder mit mehr Kapital und Anteilen jene aus, die nicht so viel Eigenkapital haben.

Anders jung - BuG: Die Mitbauzentrale hob gestern besonders die "jungen Baugenossenschaften" hervor, die der Motor der aktuellen Entwicklung sind – und die BuG, "Bauen und Gemeinschaft", ist auch jung. Nur anders.

Sie hat sich erst 2018 gegründet. Elf Mitglieder zählt sie derzeit, darunter zwei Gründer, deren Haupthaar schon elegant ergraut ist: Hans Otto Kraus, ehemaliger Geschäftsführer der städtischen Wohnungsgesellschaft GWG, und Bernhard Reinhart, früher Vorstand der Eisenbahner-Genossenschaft. Langweilig sei ihnen nicht im Ruhestand, sagt Kraus, "aber wir sind der Meinung, wir sollten uns aktiv an der Problemlösung beteiligen". Sie planen vorerst 35 Wohneinheiten. "Wir wollen experimentell arbeiten", sagt Kraus. "Bei Genossenschaften fehlt oft der Mut für neue Wohnformen." Aber den Mut bringt in dem Fall die Erfahrung mit.

Im laufenden Betrieb - Die Stadtwerkschaft: Nach Feierabend dürfen sie immer die Besprechungsräume im Unternehmen nutzen, erzählt Thorsten Bockmühl, eines der Gründungsmitglieder der Stadtwerkschaft.

Das ist insofern interessant, als viele größere Unternehmen ja ihre Werkswohnungen in den vergangenen Jahrzehnten zu Geld gemacht haben – die Stadtwerke aber immer noch welche besitzen, außerdem gerade neue bauen und zusätzlich eben auch ihre Mitarbeiter dabei unterstützen, dass sie eine betriebliche Baugenossenschaft führen.

31 Mitarbeiter der Stadtwerke taten sich Ende 2013 zusammen, um die Stadtwerkschaft eG zu gründen. Inzwischen sind es 90 Mitglieder, alle vollzeitbeschäftigt, also ehrenamtlich tätig. "Unser Fokus ist es, möglichst viele Grundstücke des Betriebs zu nutzen, und nicht, Grundstücke der Stadt in Anspruch zu nehmen", sagt Bockmühl.

Mitglied werden kann jeder – wohnen allerdings nur Stadtwerke-Mitarbeiter.

Zwölf Freunde - Die Progeno: Gegründet hat sich diese Genossenschaft erst vor drei Jahren, und das im Grunde aus einem Freundeskreis heraus: "Der erste Gedanke war, wie wir es schaffen, dass sich die befreundeten Familien, die über München verstreut sind, einfacher treffen", erzählt Genosse Antony Groß. "Dafür wollten wir so etwas wie ein Dorf schaffen."

Im März 2015 ging es los für die zwölf Freunde, die jeweils 1000 Euro Kapital mitbrachten. Davon finanzierten sie unter anderem einen Architekturwettbewerb. Die Planer für das Wohnprojekt ließen sich außerdem darauf ein, sich später bezahlen zu lassen. "Wir hatten Glück und sehr gute Kontakte", sagt Groß, "außerdem Mitglieder, die an die Idee geglaubt haben."

Schon im Juli 2015 fand sich ein Grundstück. Noch in diesem Jahr ziehen die Ersten in ihre Wohnungen ein. 80 Mitglieder hat Progeno – "und der Wohnungsdruck in München ist so groß, dass wir noch überhaupt keine Werbung machen mussten", sagt Felizitas Mussenbrock.

Wer mitmachen darf, wählen sie sorgfältig in Gesprächen aus: "Da geht es nicht um Geld. Wir möchten Menschen, die wirklich in Freiham leben wollen."

 

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