25 Jahre Wiedervereinigung Bergwacht schlug Alarm: "Die rennen uns die Berge ein!"

„Bergsteigen war in der DDR eine offiziell besonders ungeliebte Sportart“, notierte der 1. Vorsitzende des DAV im Wendejahr. Nach der Wende interessierten sich die DDR-Bürger aber in ihrer neuen Reisefreiheit für die Alpen – und Berge von Anfragen stürzten auf die Tische des Alpenvereins nieder. Die fehlende Erfahrung machte das nicht wett – die Bergwacht musste öfter als gewöhnlich ausrücken. Foto: Bergwacht Bayern/dpa

Nach der deutschen Wiedervereinigung erleben Bayerns Berge einen Ansturm von ostdeutschen Touristen – was manchmal auch bizarre Blüten treibt.

 

München - In der Zentrale des Deutschen Alpenvereins auf der Münchner Praterinsel rief an einem dieser schönen Oktober-Tage im Jahr 1990 ein Bergführer aus Berchtesgaden an: "Die rennen uns ja die Berge ein!" Man müsse ständig nach Vermissten suchen, Erschöpften helfen oder Leute warnen, die mit nacktem Oberkörper auf dem Gipfel säßen. Innerhalb weniger Tage habe die Bergwacht mehr als zehnmal zu Bergungen ausrücken müssen. Hoch sei auch die Zahl der "Beinahe-Unfälle".

"Die" – das sind Alpenfreunde aus den ostdeutschen Ländern. Die tatsächlichen und absehbaren Folgen ihres massenhaften Erscheinens in für sie ungewohnten Regionen haben den Alpenverein alarmiert. Der 1. Vorsitzende des DAV, Fritz März, fasste die ersten Erfahrungen aus einer noch nicht abgeschlossenen Saison zusammen: "Wir beobachten eine Reihe von Unfällen, die bei uns schon ausgestorben waren. Unfälle, die zurückzuführen sind auf eine vollkommene Unkenntnis von den Bergen und eine vollkommen falsche Ausrüstung."

"Sträußen von geschützten Blumen"

Der DAV-Umweltreferent Franz Speer berichtete: "Unsere neuen Gäste kommen oft mit ganzen Sträußen von geschützten Blumen von ihren Bergtouren zurück."

Natürlich gab es auch in den "neuen Ländern" seit jeher erfahrene, leidenschaftliche Bergfreunde, namentlich in Sachsen mit seinem großartigen Elbstandsteingebirge (Sachsenkönig Friedrich August III. war vor dem Ersten Weltkrieg mit seinen drei Söhnen alljährlich in den Alpen unterwegs) oder Thüringen.

Der Autor dieses Berichts erinnert sich an eine Tour in der Hohen Tatra (damals CSSR), wo den Pressekollegen ein Wanderer-Grüppchen aus der DDR begegnete, die uns zuriefen, sie würden auch gern mal in die Alpen gehen. Worauf ihnen der Chefredakteur des "Münchner Stadtanzeigers" wahrheitsgetreu antwortete: "Der Ulbricht lasst euch ja ned."

"Bergsteigen war in der DDR eine offiziell besonders ungeliebte Sportart," notierte März. Denn jeder Sport, der keine Medaillen gebracht habe, sei für die Staatsführung uninteressant gewesen und nicht gefördert worden. Jetzt müsse man halt mit der Aufklärung dort ansetzen, "wo wir in den 50er-Jahren angefangen haben".

Lastwagenweise Karten und Alpin-Lehrpläne für die DDR

Als sich nach den innerdeutschen Grenzen auch die Berge der Alpen für die bislang Eingeschlossenen öffneten, stürzten Berge von Anfragen auf die DAV-Tische nieder. Lastwagenweise wurden von München aus Basisinformationen, Karten, Führer, Alpin-Lehrpläne in die Noch-DDR geschickt.

Die Gesamtzahl der potenziellen Bergwanderer und -steiger in den östlichen Bundesländern schätzte der DAV im Jahr der Wiedervereinigung auf bis zu 80.000. Von ihnen dürften sich bis zum nächsten Jahr etwa 15.000 in 30 neuen Sektionen des Alpenvereins organisiert haben. Allein der sächsische Ableger hatte jetzt schon 4000 Mitglieder.

Auf ein Angebot eines Münchner Bergbuchverlages hin erklärten sich nun 285 der etwa 900 Buchhandlungen zwischen Rostock und Plauen bereit, ein ganzes Schaufenster mit Bergbüchern zu füllen. Auch wurde bereits eine Gruppe von Journalisten von drüben durch die Ötztaler Alpen geführt, wo ihnen auch die Gefahren der Berge hautnah demonstriert wurden.

"Die haben keinerlei Kenntnisse in Lawinenkunde"

Etwas schwarz sah man im Alpenverein für den Fall eines wieder einmal weißen Winters: Auch das Interesse am alpinen Skilauf ist riesig zwischen Thüringer Wald und Rügen. Weniger um die neuen Pistenfahrer als um die Tourengeher war dem Sicherheitsexperten Siegert bange: "Die haben keinerlei Kenntnisse in Lawinenkunde."

Zwar habe es schon früher unter den DDR-Wintertouristen viele Unfälle gegeben, aber die seien nie richtig ausgewertet worden.

Weil man im Herbst des Wendejahres 1990 mindestens in den unteren Berglagen wieder wenig Hoffnung auf einen richtigen Schneesegen hatte, wurde bereits ein Schlepplift bei Bad Heilbrunn abmontiert – und für wenig Geld in den Thüringer Wald verhökert.

 

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