1. FC Nürnberg Nach 0:5-Debakel: Wiesinger vor dem Aus?

Am Heiligen Abend 2012 wurde Michael Wiesinger Trainer des 1. FC Nürnberg. Nach dem 0:5-Heimdesaster gegen den Hamburger SV könnte der 40-Jährige seinen Job verlieren.

Nürnberg - Die Lage ist bedrohlich, die Volksseele kocht – und Michael Wiesinger steht möglicherweise vor dem Aus. Beim 1. FC Nürnberg hat das 0:5 (0:1)-Debakel gegen Hamburger SV eine tief sitzende Herbstdepression ausgelöst, die Grundsatzdebatten anstieß und den Trainer seinen Arbeitsplatz kosten könnte. Am Montagabend wollten Vorstand und Aufsichtsrat in einer turnusmäßigen Sitzung auch über die Zukunft des 40-Jährigen beraten. Ausgang offen. "Wiesinger hat Vertrag bei uns, er genießt in jedem Moment unser Vertrauen", sagte Manager Martin Bader am Sonntagabend zwar, doch die Halbwertszeit solcher Bekenntnisse ist in der Branche oft überschaubar.

Wiesinger fuhr am Montag zunächst wie geplant mit seinem Kollegen Armin Reutershahn zur Trainertagung nach Frankfurt/Main, eine "emotional brutale Niederlage" im Gepäck. "Der HSV hat uns gnadenlos kaputtgemacht. Nach so einem Spiel hast du wenig Argumente als Trainer", sagte er. Nach acht Spielen steht der Club weiter ohne Sieg da, das gab es seit 27 Jahren nicht. Platz 16 und gerade noch ein Zähler Abstand zum Schlusslicht Eintracht Braunschweig ist die Folge.

Der HSV hat bei den Franken vielleicht mehr zerstört als nur die Hoffnung auf eine Trendwende. Die Reaktionen des FCN-Anhangs ließen darauf zumindest schließen. Bitterböse Pfiffe und kräftige "Wiese-raus"-Rufe musste sich der Coach anhören. "Das geht einem nahe", gab Wiesinger zu, ohne deswegen aber zu resignieren. "Ich leb' den Club", sagte der Ex-Profi, der zwischen 1993 und 1999 fast 200 Punktspiele für den FCN absolviert hat.

"Es ist wichtig, dass der Verein wieder in die Spur kommt. Dabei geht es nicht um mich." Geduldig beantwortete Wiesinger die für ihn unangenehmen Fragen, er wich nicht aus, er verstellte sich nicht oder wurde unsachlich. Der Club-Trainer zeigte das Profil, das ihm vom Umfeld seit seinem Amtsantritt abgesprochen worden war. "Es ist mein Job, damit zu rechnen, dass Kritik kommt. Ich bin in der Verantwortung, es ist normal, dass es in meine Richtung geht", sagte er.

Ob er denn weitermachen darf? Wiesinger: "Ich kann es nicht beantworten." Auch Bader wollte sich nicht endgültig positionieren. Der 45-Jährige ließ sich alle Türen offen. "Es gibt im Fußball nicht nur Schwarz oder Weiß. Wir sind immer Fan davon gewesen, dass wir Verträge mit Leben füllen und dass wir zu unseren leitenden Angestellten mit einhundertprozentiger Überzeugung stehen", sagte er, fügte aber an: "Wir haben jetzt zwei Wochen Zeit, die Wunden zu lecken. Das sind tiefe Wunden. Wir werden immer wieder Lösungen finden, auch diesmal werden wir eine Lösung finden."

Obwohl Wiesinger noch im Amt ist, wurde im Zuge seiner Infragestellung gleich über mögliche Nachfolger spekuliert. Felix Magath war zum Beispiel am Sonntag gesichtet worden, der Club soll in den letzten Wochen schon einmal Kontakt zu ihm gehabt haben. Allerdings war der 60-Jährige nicht das erste Mal im Nürnberger Stadion, mit Ex-Club-Präsident Gerd Schmelzer verbindet Magath eine Freundschaft, und den HSV lässt sich der in München wohnhafte "Quälix" natürlich nicht entgehen.

Ob aber ein harter Hund dem Club derzeit helfen würde, ist schwer zu beantworten, eine harte Hand braucht es sicher. Wiesinger, der zuletzt mit der Suspendierung von Hanno Balitsch bewies, dass er kein Softie ist, hat erstmal an die Moral appelliert. "Das ist ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, mit so einem Brett in die Länderspielpause zu gehen. Die Moral, die in der Mannschaft steckt, wird jetzt gefragt sein", sagte er. D

en Nachweis liefert auch die Statistik, in vier von acht Partien machte der sieglose FCN immerhin einen Rückstand wett. Auf diese Comeback-Qualität hatte Wiesinger auch am Sonntag gebaut nach dem knappen 0:1 nach 45 Minuten.

Doch seine Elf fiel völlig auseinander, kassierte Tore, die "fast schon Slapstick" waren, wie Wiesinger fand. Insbesondere sprach er damit die Aussetzer der Routiniers Per Nilsson vor dem 0:4 und Torhüter Raphael Schäfer vor dem 0:5 an. "Wir müssen schauen, ob in der zweiten Halbzeit etwas kaputtgegangen ist, was nicht mehr zu kitten ist", sagte Bader. Noch steht das Ergebnis dieser Prüfung aus.

 

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