Tafeln kriegen nur kleinen Teil ungenutzter Lebensmittel

1,31 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr gehen in Bayern verloren - das entspricht einer Menge von 73 000 voll beladenen Lastwagen. Doch nur ein kleiner Teil davon findet den Weg zu Bedürftigen. Es soll aber gar nicht so viel mehr werden.
von  dpa
Ehrenamtliche Helfer der Münchner Tafel verteilen an der Ausgabestelle am Großmarkt Lebensmittel an die Gäste. Foto: Sven Hoppe/dpa
Ehrenamtliche Helfer der Münchner Tafel verteilen an der Ausgabestelle am Großmarkt Lebensmittel an die Gäste. Foto: Sven Hoppe/dpa © dpa

München (dpa/lby) - Nur ein Bruchteil vermeintlich verschwendeter Lebensmittel in Bayern wird an die Tafeln gespendet. Jährlich würden rund 33 000 Tonnen Lebensmittelspenden von den Tafeln entgegengenommen, heißt es in einer Antwort des Sozialministeriums in München auf eine Anfrage der SPD-Landtagsfraktion. Dies entspreche einem Anteil von 2,4 Prozent an rund 1,3 Millionen Tonnen Lebensmittelverlusten in Bayern, die vermieden werden könnten. Trotzdem wollen weder die Regierung noch die Tafeln eine gesetzliche Pflicht zur Weitergabe von Lebensmitteln an gemeinnützige Organisationen, wie die Landtags-SPD sie wiederum fordert.

Das sogenannte Vermeidungspotenzial für Lebensmittelverluste in Bayern entspricht laut dem Kompetenzzentrum Ernährung 73 000 voll beladenen Lastwagen. Die Summe setzt sich unter anderem aus Verlusten in der Landwirtschaft von rund 290 000 Tonnen etwa durch Schädlingsbefall und verfrühte Keimung, rund 222 000 Tonnen bei der Lebensmittelverarbeitung etwa infolge von Produktionsfehlern sowie 99 000 Tonnen im Lebensmitteleinzelhandel und Großhandel zusammen. Zum Handel heißt es in der Studie des Zentrums: "Gut ein Drittel der als Verlust erfassten Mengen wird in Form von Spenden weitergegeben." Hinzu kämen Privathaushalte mit 544 000 Tonnen Lebensmittelabfällen. Das heißt: Pro Kopf könnten 43 Kilogramm pro Jahr vermieden werden.

Beim Verband Tafel Bayern heißt es, sie sammelten "beispielsweise Produkte, deren Mindesthaltbarkeitsdatum bald abläuft, Backwaren vom Vortag, beschädigte oder eingedrückte Verpackungen oder Obst und Gemüse mit kleinen Schönheitsfehlern". Bei Herstellern könnten etwa falsch bedruckte Verpackungen, Produkte aus Sonderaktionen und Saisonware anfallen, die bedürftige Menschen gut brauchen könnten. Oft würden aber etwa ganze Paletten Obst entsorgt, weil es sich finanziell nicht lohne, einzelne Früchte mit Druckstellen auszusortieren. Auch könnten viele Lebensmittel weit über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus bedenkenlos verzehrt werden.

Allerdings hält auch der Vorsitzende Peter Zilles nichts von einer Pflicht: "Wir haben weder die Manpower noch die Logistik", sagte der der Deutschen Presse-Agentur. "Bei einer Ad-hoc-Gesetzesänderung würde unsere komplette Infrastruktur zusammenbrechen." Mit freiwilligen Abgaben würden die Tafeln deutlich besser fahren - und das laufe mit dem Handel auch sehr gut, befand Zilles.

Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern sagte, wichtig sei der Zustand der Lebensmittel. "Die müssen noch genießbar sein." Auch der Handel sei interessiert daran, dass keine Lebensmittel weggeschmissen würden. Allerdings machte er auch auf ein Problem aufmerksam angesichts aktueller Debatten um Müllvermeidung: "Es ist eine Illusion, vom plastikfreien Supermarkt zu träumen, weil sonst noch mehr Abfälle anfallen." Eine nicht eingeschweißte Gurke sei weniger lange haltbar, sagte Ohlmann. "Wenn wir weniger Plastik und weniger Lebensmittelverschwendung wollen, ist das die Quadratur des Kreises."

Die Staatsregierung findet eine gesetzliche Pflicht für den Handel zur Lebensmittelweitergabe nicht zielführend. Die Spendenbereitschaft des Handels sei hoch - rund 90 Prozent der Einzelhändler spendeten unverkaufte, noch genießbare Produkte an karitative Einrichtungen. "Zudem setzt eine gesetzliche Abgabeverpflichtung von noch genießbaren Lebensmitteln auf Ebene des Lebensmitteleinzelhandels an der Stelle an, die entlang der Wertschöpfungskette den niedrigsten Anteil an Lebensmittelverschwendung aufweist."

Für die SPD-Abgeordnete Ruth Müller ist das nicht akzeptabel: "In Bayern werden einfach zu viele genießbare Lebensmittel vom Einzelhandel weggeworfen, längst nicht alle unverkäuflichen Lebensmittel kommen den Tafeln zugute. Der Tisch bei den Tafeln könnte also viel reicher gedeckt sein. Ich finde das beschämend, wir brauchen hier dringend eine Kurskorrektur." Müller will, dass Händler dazu verpflichtet werden, abgelaufene Waren an gemeinnützige Organisationen weiterzugeben. Dazu hätten die Firmen bisher zu wenig Motivation, da in den Müll entsorgte Waren - im Gegensatz zu gespendeten - steuerlich geltend gemacht werden könnten.

Aus Sicht der Staatsregierung besteht keine Notwendigkeit, die steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten für unverkäufliche Lebensmittel zu überarbeiten. "Die bestehenden steuerrechtlichen Regeln tragen nicht zur Lebensmittelverschwendung bei", heißt es.

In Bayern gibt es 169 Tafeln. Die meisten in Oberbayern (65), gefolgt von Schwaben (29), Niederbayern (22), Mittelfranken (18), Unterfranken (14), Oberfranken (13) und der Oberpfalz (8). Der Landesverband der Tafeln versorgt nach eigenen Angaben bayernweit rund 200 000 Personen - in Bayern sind aber nicht alle Tafeln hier organisiert - darunter auch die größte Tafel in München.