Schießerei im Regionalzug: Polizisten schildern dramatische Minuten

Für die 300 Fahrgäste des Allgäu Express müssen es Minuten des Schreckens gewesen sein. Eine Polizeikontrolle in dem Zug eskaliert, Dutzende Schüsse fallen. Nun steht der Angeklagte vor Gericht - und sagt nichts.
von  dpa
Der Angeklagte und sein Anwalt im Landgericht Kempten.
Der Angeklagte und sein Anwalt im Landgericht Kempten. © dpa

Kempten – Was sich vor elf Monaten in dem Allgäuer Regionalzug abspielte, könnte vom Drehbuchautor eines nervenzerreibenden Fernsehkrimis stammen. Doch es war keine Fiktion, sondern bittere Realität. Als zwei Polizisten zwei Passagiere kontrollieren wollen, gehen diese sofort mit gezogener Waffe auf die Beamten los. Es folgt eine gegenseitige Verfolgungsjagd - Zug rauf, Zug runter. Dabei fallen zahlreiche Schüsse. Zum Schluss ist der eine Angreifer tot, der andere liegt im Koma. Ein Polizist ist niedergeschossen, der andere bewusstlos geprügelt - und 300 Fahrgäste sind schockiert und fliehen teilweise aus dem auf freier Strecke angehaltenen Zug.

Dieses Szenario wird seit Donnerstag vor dem Landgericht Kempten verhandelt. Angeklagt ist der 45-Jährige, der die Schießerei überlebt hat. Er ist wegen dreifachen versuchten Mordes an den Polizisten sowie weiterer schwerer Straftaten angeklagt. Doch zum Prozessbeginn schweigt er. Dafür schildern die drei beteiligten Polizisten lebhaft und teils sehr detailliert die dramatischen Minuten im Allgäu Express "Alex"

Was demnach geschah: Als die beiden Bundespolizisten bei einer Routinekontrolle in einem Abteil des vorletzten Waggons feststellen, dass ein 20-Jähriger vom Amtsgericht Neuburg an der Donau zur Festnahme ausgeschrieben ist, zieht der Verdächtige eine Schusswaffe und feuert auf einen Beamten - später stellte sich heraus, dass es eine Gaspistole war.

Lesen Sie hier den damaligen AZ-Bericht: Schießerei im Zug

Gleichzeitig soll der Begleiter des jungen Mannes, der jetzt Angeklagte, den anderen Polizisten von hinten auf die Sitze des Abteils gestoßen haben. Zwischen beiden kommt es zum Kampf, der Polizist sprüht dem Angreifer sein Pfefferspray ins Gesicht - doch: Es habe überhaupt keine Wirkung gezeigt, meinte der 45 Jahre alte Beamte im Prozess. Möglicherweise war das Abwehrspray zu alt.

Sein Kollege (57) versucht unterdessen, seine Dienstwaffe zu ziehen, doch diese hat sich im Holster verklemmt. Dieser Polizist rennt dann den Zug entlang, verfolgt von beiden Verdächtigen. Die Männer holen den Beamten ein, der 20-Jährige schlägt ihn mit seiner Schreckschusswaffe nieder.

Dann soll der 45-Jährige dem bewusstlosen Polizisten die Dienstwaffe gestohlen haben und auf den zweiten Bundespolizisten geschossen haben. Der Beamte wird im Bein getroffen, seine Schutzweste fängt einen Bauchschuss ab. Er selbst glaubt, dass ihn seine kugelsichere Weste sogar vor zwei Kugeln rettete. "Ich gehe von drei Treffern aus", sagt der Zeuge.

Der niedergeschossene Polizist feuert achtmal zurück und trifft den Angeklagten laut Anklage zweimal. Schließlich sperrt sich der schwer verletzte Polizist in einer Toilette ein. Unterdessen greift ein Beamter des Bayerischen Landeskriminalamtes, der zivil als Passagier im Zug ist, ein. Zusammen mit dem anderen Bundespolizisten verfolgt er die beiden Männer durch den Zug. Die Beamten durchkämmen Abteil für Abteil und schicken die verängstigten Passagiere ans andere Zugende, ins Bistro. Schließlich treffen die Polizisten auf die Gesuchten - wieder fallen reihenweise Schüsse.

Der LKA-Mann trifft die Waffe des Angeklagten, die dadurch unbrauchbar wird. Dies soll den 45-jährigen Augsburger dazu bewogen haben, ebenso wie sein Bekannter zuvor schon aus dem etwa 90 Stundenkilometer schnellen Zug zu springen. Der Angeklagte wird dabei schwer verletzt und liegt zunächst wochenlang im Koma. Der 20-Jährige überlebt seinen Fluchtversuch nicht, er wird vom Regionalexpress erfasst und getötet.

Bei den Fahrgästen bricht angesichts der Schießerei Panik aus. Ein Passagier zieht die Notbremse, etliche Menschen rennen vom Zug in die Umgebung davon. Der LKA-Polizist entscheidet dennoch, dass der Zug in den nächsten Bahnhof weiterfahren soll. "Wir standen mitten im Wald", begründet der 37-Jährige seine Entscheidung. Es habe noch nicht einmal Handy-Empfang gegeben.