Radikalisierung in Bayern vor 100 Jahren: Rechte Gruppen und Mordserien

Bundesinnenminister Horst Seehofer verbietet aktuell die rechtsextreme "Wolfsbrigade 44". Ähnliche Gruppen sind 1920 auch in Bayern aktiv. Dazu kommen eine Mordserie und eine Pandemie.
von  Karl Stankiewitz
Die Zwanziger Jahre sind in Bayern turbulent und von Krisen geprägt. 1923 kommt es zum Hitlerputsch in München.
Die Zwanziger Jahre sind in Bayern turbulent und von Krisen geprägt. 1923 kommt es zum Hitlerputsch in München. © imago images/United Archives International

München - Nach Weltkrieg, Revolution, blutigem Ende des zweiten Münchner Räteregimes, gescheitertem Putsch von Freikorps-Offizieren, Perspektivlosigkeit entlassener Soldaten - nach alledem hatte Bayern wahrlich "die Krise" schlechthin. Obendrein überflutete das ausgezehrte Land eine zweite Welle der Spanischen Grippe: Bis 4. November 1920 starben an ihr in München 491 Menschen (452 starben bis 17. Dezember 2020 an oder mit Corona).

Bayern vor 100 Jahren: eine multiple Krise

Es war eine "multiple Krise" - wie Bernhard Grau, Direktor des Hauptstaatsarchivs, in einem vom Haus der Geschichte herausgegebenen Magazin "Krisen in Bayern" das gefährliche Gemenge vor 100 Jahren beurteilt. Soweit das Wissen der Historiker nach jüngsten Forschungen. Wie die Stimmung im Volk war, textete damals der "Simplicissimus" zu einer berühmten Karikatur von Karl Arnold: "Mei Ruah möcht' i hamm und a Revolution / a Ordnung muaß sei' und a Judenpogrom, / a Diktator g'hört hera und glei'davo'g'haut: / Mir zoagen's Enk scho', wie ma Deutschland aufbaut!" "Im zwanzigsten Jahrhundert ließ man sie nicht in Ruhe," spottete später der nach Berlin emigrierte Münchner Lion Feuchtwanger über Landsleute und Zeitgenossen.

Der Freistaat als "Ordnungszelle des Reiches"

In jenem Jahr des Wirrwarrs erklärte der seit März 1920 eingesetzte Generalstaatskommissar Gustav Ritter von Kahr den vom Sozialisten Kurt Eisner verkündeten Freistaat Bayern zur "Ordnungszelle des Reiches" und verfügte sogleich die Massenausweisung von "Ostjuden". Eigentlich trauerte der Quasi-Ministerpräsident (Bayerische Volkspartei) dem vertriebenen König Ludwig III. nach. Bald bildeten sich, großenteils aus dem Heer arbeitsloser Frontheimkehrer, Männerbünde mit völkischer, monarchistischer, meist auch antisemitischer Ausrichtung. Sie gaben sich Namen wie "Auerbund", "Bayerischer Ordnungsblock", "Brigade Ehrhardt", "Bund Wiking", "Eiserne Faust" oder "Reichskriegsflagge".

Rechtsextreme Verbindungen im Krisenjahr 2020

Auch im Krisenjahr 2020 versuchen rechtsextreme Verbindungen, sich mit ähnlich martialischen Namen wichtig zu machen. Schon vor der ominösen "Wolfsbrigade 44" hat Innenminister Horst Seehofer (CSU) die Gruppen "Nordadler" und "Combat 18" verboten. Wie ihre Vorgänger und Vorbilder schmücken sich die Neos mit Kennzeichen wie gekreuzten Messern oder Totenköpfen, gern mit Runen, wie sie schon die SS von den alten Germanen übernommen hatte.

Diese Aufnahme aus dem Bundesarchiv zeigt einen Festakt der Einwohnerwehren 1920 am Münchner Königsplatz.
Diese Aufnahme aus dem Bundesarchiv zeigt einen Festakt der Einwohnerwehren 1920 am Münchner Königsplatz. © Bundesarchiv

Einwohnerwehren als mächtigster Faktor

Wieder 100 Jahre zurück: Der mächtigste innenpolitische Faktor nach 1920 waren die Einwohnerwehren. Im September 1920 trafen sich 60.000 Mann - Frauen blieben ausgeschlossen - auf dem Königsplatz zum Treueschwur mit erhobenem Gewehr. Bald konnten sie 40.000 Mitglieder in Bayern rekrutieren. Anfangs waren die Milizen durchaus legal, aber im Untergrund sammelten sie verbotene Waffen aller Art. Fürs Geld sorgte eine "Wirtsschaftsstelle" in München. Hier waltete Max Neunzert.

Adolf Hitler: Spion für die Reichswehr

"Verräter" oder Mitwisser wurden von ihren Organisationen bestraft. Auch der aus einem Lazarett in Pommern entlassene Gefreite Adolf Hitler spionierte für die Reichswehr im politischen Unterholz, bevor er "beschloss, Politiker zu werden". Am 6. Oktober 1920 entdeckten Wanderer im Forstenrieder Park eine Frauenleiche. Der Hals war an einen Baum gebunden, an dem ein Zettel hing: "Du Schandweib hast verraten dein Vaterland, du wurdest gerichtet von der schwarzen Hand." Die Polizei fand Schleifspuren bis zu einem Öl-Fleck, der von einem Auto stammte. Das Opfer war Köchin Maria Sandmayer († 20), die bei Graf Treuberg auf dessen Schloss bei Wertingen in Dienst war. Dort hatte sie zufällig von einem geheimen Waffenlager erfahren. Sie ging zur Polizei. Eine Kommission konnte daraufhin in dem schwäbischen Schloss mehrere Kanonen und 70 Gewehre der Reichswehr sicherstellen.

Waffenarsenale in bayersichen Schlössern und Klöstern

Ähnliche und noch größere Arsenale lagerten an anderen Orten Südbayerns, vorzugsweise in Schlössern und sogar in Klöstern. Waffen für terroristische Anschläge oder für den Bürgerkrieg? Dafür hatten sich jedenfalls etliche Organisationen gerüstet. Zwar wurden die paramilitärischen "Einwohnerwehren" am 21. Juni 1921 auf Druck der Reichsregierung und der Siegermächte von der stockreaktionären Landesregierung unter Kahr widerwillig aufgelöst, doch im Untergrund bildete sich aus dem harten Kern ein lockerer "Kampfbund", dem auch die Hitler-Partei und die Schlägertruppe um den Hauptmann Ernst Röhm angehörten.

Fememorde in Bayern

Die Polizei musste in den kommenden Jahren Fememorde melden. So wurde am 9. Dezember 1922 der Abgeordnete Karl Gareis (USPD), der die hochgerüsteten Bürgerwehren bekämpft hatte, vor seinem Haus in Schwabing niedergeschossen. Aufgeklärt oder gar gesühnt wurde wenig. Im Mordfall Sandmayer führten die Spuren zu einem Hans Schweighart. Der 26-Jährige, stets geschniegelte Leutnant a.D., war unter dem Decknamen "Schwabing" als Spitzel für das Wehrkreiskommando tätig, ein Zielobjekt war die blutjunge Hitler-Partei. Dabei gehörte dieser Gigolo selbst der Einwohnerwehr an, für die er auch Waffen besorgte. Immer wieder wurde er vernommen. Ebenso drei weitere Ex-Leutnants. Die Ermittlungen kamen nicht voran, weil die Kerle offenbar einflussreiche Beschützer hatten. Erst wurde der Staatsanwalt Dresse anonym bedroht, dann von der Sache zurückgezogen.

Eiskalter Mord an der Isar

Der letzte von sechs in Bayern bekannt gewordene Fememorden geschah am 18. Februar 1923: Der aus Mecklenburg geflohene Student Karl Baur, der sein Schweigen über die Münchner Szene zu Geld machen wollte, wurde von zwei Korps-Studenten zum Sprung in die Isar gedrängt und, da er sich weigerte, abgeknallt. Alle drei Kameraden gehörten dem aus Frankreich finanzierten "Blücher-Bund" an, der die Ermordung des "Novemberverbrechers" Philipp Scheidemann und im März 1923 einen Marsch nach Berlin vorbereitete. Nach diesem Muster putschte kurz danach der Naziführer Hitler; zahlreiche Terroristen der ersten Stunde marschierten mit zur Feldherrnhalle und ins Gericht.

Femeorde wurden amnestiert

Anfang 1931, nachdem die Fememorde amnestiert waren, kehrte das geflüchtete Bandenmitglied Hermann Berchtold aus Spanien nach München zurück und gestand mehrere Morde. Der geübte Terrorist stieg in der SA rasch zum Oberführer auf. 1945 tauchte er unter. Der weiter mordverdächtige Schweighart bekam dank Fürsprache eine Stelle im Tegernseer Schloss der Wittelsbacher, wo er Mitwisser erpresste. Dann wurde er Sturmbannführer der SA und 1934, als Hitler den homosexuellen Freundeskreis um Röhm "liquidierte", von der SS erschossen.

Literatur: Haus der Bayerischen Geschichte: "Krisen in Bayern", Pustet 2020; Dissertation von Ulrike Claudia Hofmann "Verräter verfallen der Feme" 2000; Otto Gritschneder "Verbrechen zum Wohl der Nation", 2001; Emil Gumbel "Vom Fememord zur Reichskanzlei", 1962; Karl Stankiewitz "Weißblaues Schwarzbuch", Volk, 2010.