Nockherberg wegen Coronavirus nicht wie geplant

Schulen bleiben geschlossen und auch ein Highlight des politischen Jahres in Bayern kann wegen des neuartigen Coronavirus nicht wie üblich stattfinden: der Starkbieranstich auf dem Nockherberg. Auch den Kommunalwahlkampf lässt die Infektionswelle nicht unberührt.
von  dpa
Eine Delegation steht bei einer Pressekonferenz zum bevorstehenden Paulaner Starkbieranstich auf dem Nockherberg. Foto: Peter Kneffel/dpa
Eine Delegation steht bei einer Pressekonferenz zum bevorstehenden Paulaner Starkbieranstich auf dem Nockherberg. Foto: Peter Kneffel/dpa © dpa

München (dpa/lby) - Die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus beeinträchtigt zunehmend politische Veranstaltungen in Bayern. Das beliebte Politiker-Derblecken beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg in München findet nicht wie geplant statt, wie der Chef der veranstaltenden Paulaner-Brauerei, Andreas Steinfatt, am Freitag sagte. In Schwaben meldete der Landkreis Augsburg überdies eine bestätigte Infektion eines Bürgermeisterkandidaten der Freien Wähler. Die Behörden suchen nach Kontaktpersonen, die dem Mann etwa im Wahlkampf die Hand geschüttelt haben. Das Gesundheitsministerium meldete erneut Dutzende neue Infizierte im Freistaat.

Der Starkbieranstich auf dem Nockherberg mit satirischer Bußpredigt und anschließendem Singspiel vor Bayerns politischer Prominenz ist für viele im Freistaat ein Höhepunkt im Jahr. Die Übertragung im Bayerischen Rundfunk gehört zu den beliebtesten Sendungen mit Millionen Zuschauern. Auf bayerisch-deftige Weise werden Politiker durch den Kakao gezogen und ihre Schwächen offengelegt.

Das Landesamt für Gesundheit habe den geladenen Politikern empfohlen, die Veranstaltung am Mittwoch nicht zu besuchen, sagte Steinfatt. "Wir sind in engem Kontakt auch mit der Gesundheitsministerin. Und auch da gehen die Signale in die Richtung, dass der Nockherberg so nicht stattfinden soll beziehungsweise wird." Auch wenn die Signale hoffnungslos seien, sei dies noch keine "offizielle Absage". Gleichwohl sei es aber so, "dass wir das Derblecken am Mittwoch nicht durchführen können", sagte er.

Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) verteidigte die Empfehlung des Coronavirus-Krisenstabs für eine Absage des Starkbieranstichs. "Der Schutz der Bevölkerung hat für uns oberste Priorität. Natürlich bedauere ich es, wenn der Starkbieranstich auf dem Nockherberg abgesagt oder verschoben wird", sagte sie. Entscheidend für die Durchführung von Veranstaltungen seien die medizinischen Empfehlungen des Krisenstabs. "Dies gilt auch für eine Veranstaltung wie den Starkbieranstich auf dem Nockherberg."

Das Derblecken war in der Vergangenheit schon mehrfach ausgefallen. 2009 wurde die Veranstaltung nach dem Amoklauf an einer Schule in Winnenden bei Stuttgart verschoben. In den Jahren 1991 und 2003 erfolgte eine Absage wegen der damaligen Irak-Kriege. Steinfatt kündigte an, dass er sich dafür einsetzen werde, dass es eine alternative Lösung geben werde, damit die Arbeit der Beteiligten nicht umsonst gewesen sei. "Sie sehen mich hier ein bisserl erschöpft, enttäuscht und frustriert", sagte er.

Das Coronavirus betrifft aber nicht nur die große Politik in der Landeshauptstadt. Auch für den Kommunalwahlkampf ist Sars-CoV-2 eine Herausforderung. Im schwäbischen Landkreis Augsburg habe sich der Freie-Wähler-Kandidat Werner Halank (53) infiziert, teilten die örtlichen Behörden mit. Halank will in der Gemeinde Bonstetten mit rund 1400 Einwohnern nordwestlich von Augsburg ins Rathaus einziehen.

Der Jurist habe in den vergangenen Tagen "massiven Wahlkampf" betrieben, sagte ein Sprecher. Daher versuchten die Behörden nun, über einen öffentlichen Aufruf schnellstmöglich die Zahl der Kontaktpersonen einzugrenzen. Um festzustellen, ob die Betroffenen zur Risikogruppe gehören, müssten alle ausfindig gemacht und befragt werden, "die ab dem 29. Februar einen nicht nur flüchtigen Kontakt mit Werner Halank hatten", teilte das Landratsamt mit. Deshalb werde auch entgegen der üblichen Praxis der Name des Politikers genannt. "Er hat viele Hände geschüttelt, daher geht das nicht anders." Über mögliche Kontakte Halanks zu Vertretern der Landtagsfraktion der Freien Wähler lagen dieser zunächst keine Informationen vor.

Nach Angaben des Landratsamtes ist dies der dritte bestätige Infektionsfall im Kreis. Halanks Frau sei schon am Mittwoch positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden. Bei den drei Kindern des Paares fiel der Test demnach zunächst negativ aus.

Für immer mehr Kinder und Schüler bedeutet das Virus inzwischen: zu Hause bleiben. Nach Schulschließungen am Donnerstag fiel in mehreren Einrichtungen im Freistaat auch am Freitag der Unterricht aus. Einige Kindertagesstätten blieben ebenfalls geschlossen. So fiel in München der Unterricht unter anderem in einem Gymnasium und einem beruflichen Schulzentrum aus. Am Vortag waren mehrere Kitas in München geschlossen worden. In Mittelfranken entfiel der Unterricht in zwei Schulen in Nürnberg sowie in je einer in Erlangen und Herzogenaurach. Ebenfalls von Schließungen betroffen waren Einrichtungen im Landkreis Miesbach und in Würzburg. Im niederbayerischen Vilshofen bleibt wegen einer Infektion zudem ein schon seit Mittwoch geschlossener Kindergarten noch voraussichtlich bis zum 18. März zu.

Grundsätzlich empfiehlt der Krisenstab, in dem unter anderem Gesundheits- und Innenministerium, Polizei und Katastrophenschutz vertreten sind, dass Schulen erst dann geschlossen werden, wenn dort ein bestätigter Fall mit Sars-CoV-2 aufgetreten ist. Wenn dagegen nur ein begründeter Verdachtsfall vorliege, solle die Klasse des betroffenen Schülers zu Hause bleiben, teilte das Ministerium mit. Die Dauer der Maßnahme sei vom konkreten Einzelfall abhängig.

Ein Ministeriumssprecher verwies zudem darauf, dass das Robert Koch-Institut in Berlin nun auch Südtirol in die Liste der Risikogebiete aufgenommen habe. Huml bekräftigte dazu: "Bei einem begründeten Verdacht auf eine Coronavirus-Infektion sollte man sich telefonisch an den Hausarzt oder den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Telefonnummer 116 117 wenden."

Bayernweit registrierte das Ministerium 29 neue Infektionen mit dem Virus, mehr als die Hälfte davon in Oberbayern. Weitere Fälle wurden in Mittelfranken, Unterfranken, Schwaben und Niederbayern bestätigt.

Seit dem 26. Februar gab es somit 102 neue Fälle im Freistaat. Bislang sind in Bayern damit mindestens 116 Menschen positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden. Die ersten 14 Infizierten, die allesamt mit dem Autozulieferer Webasto aus Gauting-Stockdorf in der Nähe Münchens in Zusammenhang standen, gelten als auskuriert.