Reißende Bäche: Schock in Landshut nach dem Unwetter

Wo sonst Touristen das mittelalterliche Landshut bewundern, rauschten schlammige, reißende Wassermassen durch die Straßen. Ein extremes Unwetter hatte die Stadt heimgesucht.
von  Ingmar Schweder
Die ganze Nacht und bis in den nächsten Tag schufteten Rettungskräfte und Bewohner, um Straßen und Häuser von Wasser und Schlamm zu befreien.
Die ganze Nacht und bis in den nächsten Tag schufteten Rettungskräfte und Bewohner, um Straßen und Häuser von Wasser und Schlamm zu befreien. © AZ

Landshut - Die meisten hatten es sich wohl gerade vor dem Fernseher bequem gemacht, das EM-Spiel Deutschland gegen England ist nur ein paar Minuten alt: Doch zu diesem Zeitpunkt rollt bereits ein Unheil auf die Stadt zu, das das Fußballspiel augenblicklich zur Nebensache degradiert. 

Unwetter in Landshut: Stadt spricht von einem "100-jährlichen Ereignis"

Heftigster Starkregen verwandelt Straßen in Sekunden in Sturzbäche, unzählige Keller werden innerhalb von Minuten geflutet. Die Wassermassen spülen aus den höhergelegenen Wäldern und von den Feldern gewaltige Schlammmassen in die Stadt hinab, reißen Kiesstraßen auseinander und setzen Straßenzüge teils knietief unter Wasser.

In manchen Stadtteilen wie Schönbrunn müssen Anwohner sogar durch hüfthohe Fluten waten. Ähnliche Szenen spielen sich am Dreifaltigkeitsplatz ab, als dort verzweifelte Menschen versuchen, ihre geparkten Autos in Sicherheit zu bringen oder Sandsäcke vor die Tür zu legen. 

57 Millimeter Regen prasselt in einer halben Stunde runter

Innerhalb einer halben Stunde, nämlich zwischen 18.05 und 18.35 Uhr, fallen an der vom Deutschen Wetterdienst (DWD) betriebenen, im äußersten Osten der Stadt gelegenen Station Landshut-Reithof rund 57 Millimeter Niederschlag - das entspricht etwa 57 Litern Regen pro Quadratmeter.

Ein "100-jährliches Ereignis", wie Oberbürgermeister Alexander Putz bereits am späten Dienstagabend angesichts der ihm gebotenen Schreckensbilder vermutet. Auch die Wetterstation Schönbrunn verzeichnet zwischen 18 und 19 Uhr gut 50 Millimeter Niederschlag; dort wird der Grenzwert zum "100-jährlichen Ereignis" nur knapp unterschritten.

"Wir haben Wildbäche gehabt, wo sonst Straßen sind", sagte Oberbürgermeister Alexander Putz.
"Wir haben Wildbäche gehabt, wo sonst Straßen sind", sagte Oberbürgermeister Alexander Putz. © Feuerwehr Landshut

Wie Mirko Olzem, Gesamteinsatzleiter bei der Integrierten Leitstelle (ILS), sagt, gingen am Dienstagabend insgesamt 695 Notrufe bei der ILS ein (Stadt und Landkreis), darunter waren 425 Feuerwehreinsätze. Dabei bleibt es jedoch nicht: Feuerwehr, Katastrophenschutz und THW sind auch am Mittwoch im Dauereinsatz. Die Freiwillige Feuerwehr der Stadt meldet für diesen Tag zwischen 300 und 400 Einsätze.

Unwetter in Landshut: Feuerwehren im Dauesreinsatz

Die Einsatzzahlen in der Stadt sowie in Teilen des Landkreises sind am Dienstagabend und in der Nacht derart hoch, dass zwischenzeitlich Feuerwehr- und THW-Kräfte aus benachbarten Landkreisen angefordert werden. Alle Landshuter Löschzüge sind seit Dienstag 18 Uhr gemeinsam mit Kräften des THW aus Landshut, Ergolding und Freising sowie den Feuerwehren aus dem Landkreis Landshut und dem Landkreis Freising im Dauereinsatz.

Der Starkregen, der am Dienstag zunächst nicht enden will, macht den Einsatzkräften ihre Arbeit besonders schwer: Hart erwischt es die Innenstadt sowie den Landshuter Süden - beginnend in Achdorf, Hofberg, Moniberg, Hagrainertal sowie den Bereich Schönbrunn/Wildbachstraße und Frauenberg.

Eine Flutwelle bahnt sich ihren Weg zum Rossbach

Besonders dramatisch ist am Dienstagabend die Lage im Bereich der Wildbachstraße (Schweinbach), wo Personen aus von den Wassermassen eingeschlossenen Autos befreit werden müssen. Dabei wird mindestens eine Person verletzt und in ein Krankenhaus eingeliefert, mehrere Personen erleiden nach Angaben der Feuerwehr einen Schock.

Auch im Rosental (Achdorf) stürzt innerhalb weniger Tage erneut eine massive Flutwelle mit Baumstämmen und mitgerissenen Straßenschildern bis zum Rossbach an der Bachstraße. Der kann dieses Mal die Wassermassen nicht mehr fassen, tritt an mehreren Stellen über die Ufer und überflutet benachbarte Anwesen.

"Das Haus ist mit Schlamm voll"

Christian Weber wohnt mit seiner Familie bereits seit 16 Jahren an der Ecke Rosental/Bachstraße. Innerhalb von nur drei Wochen ist es bereits das fünfte Mal, dass er mit Besen, Eimer, Sandsäcken und Schubkarre bewaffnet sein Haus gegen die Fluten verteidigen muss. So schlimm wie am Dienstagabend, als das Wasser und der Schlamm über seine Gartenmauer schwappen und ins Haus fließen, sei es jedoch noch nie gewesen: "Das Haus ist mit Schlamm voll. Aus dem Schuppen haben wir 30 Zentimeter hohen Schlamm schippen müssen. Seit drei Wochen schauen wir jeden Tag auf den Wetterbericht. Wenn es regnet, sind wir schon draußen, legen Sandsäcke vor die Tür und die Einfahrt. Bisher hat alles nichts geholfen", sagt Weber am späten Dienstagabend.

"Langfristig muss man für den oberen Teil des Rosentals Lösungen finden"

Die Schäden am und im Haus kann der Achdorfer auch am Mittwochvormittag noch nicht abschätzen. Wie schon am Vorabend betreibt Weber wie viele seiner Nachbarn Schadensbegrenzung und Aufräumarbeiten.

Rund 40 Nachbarn hätten ihm in der Nacht geholfen, gegen den Schlamm und die Fluten zu kämpfen, sagt Weber. "Es ist das erste Mal, dass uns die Wassermassen so oft und so massiv treffen. Es kommt öfter mal Wasser und Schlamm das Rosental hinunter, aber noch nie bis zur Mauer. Langfristig muss man für den oberen Teil des Rosentals Lösungen finden, mir hilft hier aber nur eine kurzfristige Lösung. Bei meinen Nachbarn möchte ich mich einfach nur bedanken."

Wie die Feuerwehr mitteilt, sind mehrere Straßen in Achdorf, aber auch in Schönbrunn und Frauenberg unpassierbar und müssen in den kommenden Tagen wieder instandgesetzt werden.

Betrieb im Corona-Impf- und Testzentrum muss eingestellt werden

Schwer getroffen hat es auch die Tafernwirtschaft Schönbrunn. "Es ist eine Katastrophe: Wir hatten sieben Monate zu - und dann kommt so ein Unwetter, das uns wieder zum Zusperren zwingt." Chefin Andrea Stix ist auch am Tag danach noch fassungslos: "Das tut wirklich im Herzen weh." Der komplette Keller mitsamt den Kühlungen stand unter Wasser: Deshalb musste die ganze Ware entsorgt werden. Auch die Küche und Teile des Gastraums wurden nicht vom Wasser verschont. Und im Biergarten habe man kaum noch die Bestuhlung gesehen, so hoch sei das Wasser gestanden.

Erhebliche Schäden gibt es auch an der öffentlichen Infrastruktur: So werden im Corona-Impf- und Testzentrum auf dem Messegelände Pavillons beschädigt und Bauzäune umgeweht. Der Betrieb muss daher am Dienstag eingestellt werden. Neben zahlreichen Straßen in der Stadt wird zudem das Wegenetz im Hof- und Herzoggarten arg in Mitleidenschaft gezogen. Die Hangbereiche dort sind laut Stadtgartenamt weitgehend unpassierbar und daher gesperrt. Der Hauptweg vom Hofgärtnerhaus zur Polizei kann momentan ebenfalls nicht benutzt werden.

Wie kann man Landshut auf Starkregenereignisse vorbereiten?

Auch OB Alexander Putz und Zweiter Bürgermeister Thomas Haslinger machen sich am späten Dienstagabend ein Bild der Lage und besichtigen einige Einsatzorte und Brennpunkte wie das Rosental. Putz spricht von einer Katastrophe für die Stadt. "Es sind unvorstellbare Wassermassen runtergegangenen, und das nahezu überall in der Stadt." Die Folgen werden die Stadt noch lange beschäftigen, nicht nur die Aufräumarbeiten.

Wie Haslinger ergänzt, arbeite die Stadt bereits seit Herbst neben einem Klimaschutz- auch an einem Klimaanpassungskonzept. Zudem, so OB Putz, habe die Stadt bereits vor zwei Jahren ein Konzept für das Sturzflutrisikomanagement beauftragt, um Landshut auf künftige Starkregenereignissen besser vorzubereiten. Die Gutachten seien fertig. Nun gehe es an die Analyse. "Trotzdem ist es wohl sehr schwer, eindeutige Ursachen zu finden."

OB Alexander Putz bietet Betroffenen Direkthilfe an

An einen Starkregen dieses Ausmaßes kann sich auch Thomas Schindler, Leiter des Zivil- und Katastrophenschutzes der Stadt, nicht erinnern. "Das war wirklich extrem, so etwas habe ich noch nicht erlebt", sagt er. "Die Sturzfluten, Erdrutsche, Schlammlawinen und Überschwemmungen waren dann eine unvermeidliche, katastrophale Folge dieser außergewöhnlichen Unwetterlage."

Das unermüdliche Engagement der Einsatzkräfte hebt am Mittwoch der OB hervor: "Was gerade die vielen Ehrenamtlichen in dieser äußerst angespannten Situation geleistet haben, verdient höchsten Respekt und herzlichen Dank", sagt Putz. "Die Zusammenarbeit der verschiedenen Hilfsdienste und Feuerwehren klappt bei uns in der Region regelmäßig vorbildlich und trägt maßgeblich dazu bei, dass auch solche Extremereignisse bewältigt werden können."

Dennoch hätten viele Landshuter unverschuldet große wirtschaftliche Schäden durch das Unwetter erlitten. Putz plant daher, den besonders hart Getroffenen mit Spendengeldern aus der OB-Direkthilfe unter die Arme zu greifen. Putz: "Damit können wir schnell und unbürokratisch wenigstens einen kleinen Beitrag zum Wiederaufbau leisten."