Julius Streicher: Sein Hass auf Juden war grenzenlos

Frankens Gauleiter gab das Hetzblatt „Der Stürmer“ heraus. Er wurde in Nürnberg zum Tod verurteilt.
von  Abendzeitung
„Der Stürmer“, von Julius Streicher herausgegeben, war das schlimmste Hetzblatt in der NS-Zeit. Selbst Adolf Hitler las das pornographische Machwerk.
„Der Stürmer“, von Julius Streicher herausgegeben, war das schlimmste Hetzblatt in der NS-Zeit. Selbst Adolf Hitler las das pornographische Machwerk. © AZ

Frankens Gauleiter gab das Hetzblatt „Der Stürmer“ heraus. Er wurde in Nürnberg zum Tod verurteilt.

NÜRNBERG Er gilt als geradezu perfekter Inbegriff des bösartigen, hässlichen, geifernden, moral- und skrupellosen Nazis: Julius Streicher, der Gauleiter von Franken, der Judenhasser, der Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“. Sein Leben endete am Galgen.

Julius Streicher (geb. 1885) war von Anfang an ein enger Weggefährte von Adolf Hitler, der stets seine schützende Hand über den Nationalsozialisten der ersten Stunde hielt. Seine Demagogie, seine Unnachgiebigkeit, sein Antisemitismus erfüllten haargenau das braune Gedankengut der an die Macht stürmenden NSDAP. Die Belohnung dafür war sein unaufhaltsamer politischer Aufstieg. 1923 wurde Streicher Mitglied des Landtags, 1925 Gauleiter, dann (bis 1945) Mitglied des Reichstags – und General der SA.

Hetzblatt "Der Stürmer" erreichte eine Auflage von 600.000

Die pervertierte Grundhaltung des gelernten Volksschullehrers schlug sich in unverhohlener Weise im wöchentlich erscheinenden „Der Stürmer“ nieder. Das Blatt, das eine Auflage von 600.000 Exemplaren erreichte, verbreitete eine üble Mischung aus Judenhass und antisemitisch geprägter Pornographie. Die grundsätzliche Marschrichtung des Hetzblattes fand der Leser bereits auf der Titelseite. Dort stand: „Die Juden sind unser Unglück.“ Auf jeder weiteren Seite konnte man Sätze wie diesen lesen: „Die Sonne wird den Völkern nicht scheinen, bis der letzte Jude tot ist.“ Diese Art von Hetze war aus Streichers Perspektive noch harmlos. Er veröffentlichte auch Berichte, wonach Juden an religiösen Ritualmorden von Kindern beteiligt wären, von spirituellen Blutorgien, von verwerflichsten sexuellen Exzessen. Hitler gefiel’s, er war begeisterter „Stürmer“-Abonnent.

Seine eigentliche Machtfülle bezog Streicher jedoch aus seinem Amt als Gauleiter der NSDAP. „Keiner wagte es, sich gegen ihn aufzulehnen. Sogar der Polizeipräsident und der Oberbürgermeister tanzten nach seiner Pfeife“, beschreibt ein Zeitzeuge Streichers gesellschaftliche Einordnung.

Das nutzte der Duz-Freund Hitlers gnadenlos aus. Er organisierte bereits 1933 den Boykott gegen Frankens jüdische Bevölkerung er war glühender Verfechter der „Nürnberger Rassegesetze“, die zur Ausgrenzung der Juden führten, er ließ die Synagoge am Hans-Sachs-Platz schon im Jahr 1938 abreißen, er unterstützte ein Jahr später die aggressiven Nazi-Horden in der Reichskristallnacht.

Im Prozess beteuerte Julius Streicher seine Unschuld

Streicher, der wegen seiner vulgären Ausdrucksweise selbst für einige Nazi-Größen nur schwer zu ertragen war, machte aber auch einen entscheidenden Fehler. Er bereicherte sich persönlich an Häusern und Besitztümern von Juden, die er zuvor enteignet hatte. Als er auch noch kaum versteckt über Nazi-Funktionäre wie Hermann Göring zu stänkern begann und seine sadistischen sexuellen Neigungen ein Gesprächsthema in der Öffentlichkeit waren, wurde er schließlich seines Amtes als Gauleiter enthoben. Den Titel durfte er auf persönliche Anweisung Hitlers weiter tragen – und er durfte auch den „Stürmer“ weiter herausgeben, was ein hochlukratives Geschäft war.

Im Hauptkriegsverbrecher-Prozess beteuerte Julius Streicher, der wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt und später zum Tode verurteilt wurde, seine Unschuld. Vom Massenmord an den Juden habe er nichts gewusst, behauptete er. Doch das stellte sich als glatte Lüge heraus.

Als der Internationale Militärgerichtshof das Urteil (Tod durch den Strang) gegen ihn verkündete, spuckte der einstmals so gefürchtete Gauleiter noch große Töne. „Ich werde mutig die Stufen hinaufgehen“, verkündete er. Als dann jedoch die Hinrichtung unmittelbar bevorstand, verließen ihn die Nerven, und er musste halbnackt und nur mit langen Unterhosen bekleidet von zwei US-Soldaten zum Galgen geschleppt werden. Dabei kreischte Streicher mit sich überschlagender Stimme immer wieder: „Heil Hitler“, Heil Hitler“, Heil Hitler...“

Helmut Reister